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Antilopen Gang vor Leipziger Konzert über besorgte Bürger und den eigenen Burger

Interview Antilopen Gang vor Leipziger Konzert über besorgte Bürger und den eigenen Burger

Seit die Antilopen Gang beim Tote-Hosen-Label JKP ihr Album „Aversion“ veröffentlicht hat, hagelt es Preise für das Trio aus Aachen und Düsseldorf. Die Konzertsäle werden größer und größer. Politischer Hiphop mit Punk-Attitüde inklusive Gangsta-Rap-Persiflage und küssenden Männern – vorm Auftritt im Conne Island weiß Koljah, 29, auch nicht genau, warum das so gut funktioniert.

Provozieren will gelernt sein: Auf Koljahs T-Shirt steht wohlgemerkt nichts anderes als „Rap“ (links). Neben ihm die Brüder Danger Dan und Panik Panzer (von links).
 

Quelle: Thomas Schermer

Leipzig. Wie wir dank der Antilopen Gang wissen, hört Beate Zschäpe U2. Wer hört denn die Antilopen Gang?

Koljah: Hoffentlich hört U2 die Antilopen Gang! Unsere Zuhörerschaft ist jedenfalls total heterogen, man kann uns ja auch nicht eindeutig zuordnen. Klar gibt’s da Hiphop-Fans, Punk-Fans, aber auch Leute, die sonst ganz andere Sachen hören.

Seid ihr davor gefeit, dass euch die Falschen gut finden, jemand wie eben Beate Zschäpe?

Ab einer gewissen Größenordnung fühlen sich auch Leute von deiner Musik angesprochen, mit denen man privat oder politisch nichts zu tun haben will. Allerdings sind solche Fans bei uns bislang die Ausnahme. Auch wenn uns die Mainstream-Medien Aufmerksamkeit schenken, sind wir nicht wirklich eine Mainstream-Band. Trotzdem kommen auch ein paar Idioten zu den Konzerten, das ist einfach so.

Wobei es unwahrscheinlich ist, dass sich die „besorgten Bürger“, denen ihr es „mal besorgen“ wollt, wie ihr rappt, ins Conne Island trauen. Fast schade, dass eure Kampfansagen in Leipzig wohl auf keine Legida-Spinner treffen.

Mit Faschisten oder Verschwörungstheoretikern braucht man eigentlich eh nicht zu diskutieren. Sie haben ein geschlossenes Weltbild, das überhaupt nicht darauf angelegt ist, dass noch Argumente Eingang finden. Ob das Pegida-, Legida-Leute sind oder Verschwörungsideologen auf den Montagsdemonstrationen.

Was hilft dann gegen Legida und Co?

Es kann nicht schaden, wenn man völligen Unsinn, der herausposaunt wird, nicht unwidersprochen lässt. Meinetwegen auch auf der Straße, um solchen Leuten nicht den öffentlichen Raum zu überlassen. Natürlich muss man vor allem darauf achten, dass sie keine Menschenleben gefährden.

„Wir sind keine Agitprop-Band“

Selbsternannte besorgte Bürger, aber auch der Umgang mit Asylsuchenden sind schon länger bevorzugte Themen eurer Lieder. Könnt ihr angesichts der gegenwärtigen Ereignisse und medialen Debatten überhaupt noch Luft holen vor Mitteilungsdrang?

Prinzipiell haben wir unsere Haltung sehr deutlich gemacht und müssen uns kein „Beate Zschäpe hört U2, Teil 2“ ausdenken. Das Lied ist immer noch relevant und enthält unsere wesentlichen Aussagen. Der Mitteilungsdrang hält sich daher in Grenzen, für uns persönlich ist es spannender, neue Themen zu bearbeiten. Wenn’s irgendwo brenzlig wird, mischen wir uns natürlich weiter ein, aber wir sind mit keinem Sendungsbewusstsein ausgestattet. Ich finde es okay, wenn ein 14-Jähriger durch „Beate Zschäpe hört U2“ auf den Trichter kommt, dass Ken Jebsen vielleicht doch nicht der coolste Typ auf Erden ist. Aber am Ende steht für uns, wie abgedroschen das auch klingen mag, die Kunst über der Politik. Wir sind keine Agitprop-Band, die Musik instrumentalisiert, um politische Ziele zu erreichen.

Auch das Video zu „Verliebt“ hat hohe Wellen geschlagen, in dem Danger Dan den als Polizisten verkleideten Monchi von Feine Sahne Fischfilet knutscht. Ein gelungener PR-Coup oder mehr?

Wir und vor allem Danger Dan werden jedenfalls noch immer am laufenden Band darauf angesprochen, auch Monchi geht das so, hat er mir letztens erzählt. Eigentlich ist es schade, dass ein einfacher Kuss zwischen zwei Männern im Hiphop so ungewöhnlich zu sein scheint. Aber natürlich wussten wir das vorher und haben uns bewusst für die Szene entschieden. Die meisten Leute freuen sich darüber.

Da hat sich in den vergangenen Jahren in der Hiphop-Szene offenbar etwas getan.

Wenn heutzutage ein Rapper irgendwelche krass schwulenfeindliche Aussagen trifft – was es auch noch gibt – dann werden auf jeden Fall Gegenstimmen laut. Sogar Hiphop-Medien trauen sich das mittlerweile. Das war vor ein paar Jahren noch anders. Da hat bei manchen Leuten in der Tat ein Denkprozess eingesetzt, auch wenn wir noch weit davon entfernt sind, dass alles cool wäre.

Was man bei all dem Gelaber nicht vergessen darf

In Leipzig habt ihr eure Zuschauerzahl innerhalb eines halben Jahres vom ausverkauften UT Connewitz zum ausverkauften Conne Island verdreifacht. Ihr habt den New Music Award, den Via VUT Indie Award und jetzt den Amadeu-Antonio-Preis erhalten. Die Tagesschau interviewt euch, Deutschlandfunk spielt euch und die Bundesregierung fördert euch – ist das euer Jahr?

Es ist auf jeden Fall unser turbulentestes Jahr. Und wenn Zuschauerzahlen und mediale Berichterstattung der Maßstab sind, ist es natürlich auch das erfolgreichste. Wir sind erst mit dem „Aversion“-Album, das Ende 2014 herauskam, zu einer professionellen Band geworden. Vorher haben wir das jahrelang auf einem DIY-Untergrund-Label gemacht. Ich bin manchmal selbst überrascht, wie gut das ganze Ding auf einem professionellen Level funktioniert. Wir tun ja nach wie vor einfach frei Schnauze das, was wir wollen.

Beim New Music Award habt ihr euch auch gegen den Leipziger Lothar Hansen alias Lot durchgesetzt. Ein paar tröstende Worte?

Lot war einer der wenigen Künstler des Abends, die mir in Erinnerung geblieben sind. Er hat eine sehr markante Stimme – gute Sache. Es steht auf meinem Zettel, dass ich mir noch ein paar seiner Lieder anhöre.

Mit euren Rapper-Kollegen geht ihr weniger freundlich um. Wenn ihr die CD des Fachmagazins „Juice“ hört, wollt ihr die Musiker töten, verkündet ihr in einem Stück. Ist es um den Hiphop hierzulande so schlimm bestellt?

Es ist ja mittlerweile eine Binsenweisheit, dass Rap-Musik in Deutschland an einem Punkt angekommen ist, an dem eigentlich alles geht. Verschiedene Richtungen koexistieren, ohne dass man sich gegenseitig die ganze Zeit die Fresse einschlägt. Eigentlich eine angenehme Entwicklung. Auf der anderen Seite ist Hiphop immer ein Teil der Gesellschaft. Und wenn wir die Gesellschaft kritisch betrachten, nehmen wir Hiphop nicht davon aus – so wenig wie uns selbst. So geht vielleicht die analytische Erklärung. Aber es gibt natürlich noch einen wichtigen Faktor: Als Rapper sind wir die Kyngz und dulden keine anderen Kyngz neben uns. Das darf man bei all dem Gelaber nicht vergessen.

Als der damals noch nicht so berühmte Cro im Conne Island spielte, galt er als Gegenmodell zum seinerzeit erfolgreichen Berliner Gangsta-Rap. Heute macht er Werbung für McDonald’s und verlost unter seinen Fans einen Mercedes. Keine Gefahr, dass es bei euch irgendwann auch so wird?

(Lacht). Ehrlich gesagt bin ich eher skeptisch, dass McDonald’s und Daimler die Antilopen Gang als Werbepartner akzeptieren. Und ob wir das dann machen, ist natürlich die andere Frage. Wer weiß. Krieg ich den Koljah-Burger dann immer umsonst? Ich bin durchaus bestechlich!

„Für uns ist JKP ein totaler Glücksgriff“

Aber auch spendabel. Euer neues Mixtape „Abwasser“ gibt’s kostenlos. Ein antikapitalistisches Statement?

In erster Linie hatten wir den Drang, neue Songs zu machen, in denen wir auch zu unserem aufregenden Jahr Stellung beziehen. Wir wollten das Ding ohne Umwege raushauen – so, wie wir es früher immer gemacht haben: einfach ein paar Beats aussuchen, drüberrappen und das als Free Download veröffentlichen, ohne große Promophase, die das Ganze als neues Album vermarktet. Man kann darin gern ein Statement sehen. Wobei es sich künstlerisch ebenso als guter Schachzug erwiesen hat. Beim zweiten Album haben wir wie bei „Aversion“ den Anspruch, mühevoll zu feilen und einen roten Faden zu spinnen. Der Druck, den wir uns da machen, führt jedoch schnell zu einer Blockade. Da hat es geholfen, etwas aus dem Ärmel zu schütteln, um uns selbst zu zeigen, dass alles noch wunderbar funktioniert. Jetzt können wir nahtlos übergehen in neue Songs, die irgendwann ein reguläres Album ergeben.

Das wieder bei JKP erscheint – wie seid ihr denn als Hiphopper beim Label der Toten Hosen gelandet?

Als wir uns nach einer Plattenfirma umgeschaut haben, gehörte JKP einfach zu denen, die Interesse signalisierten. Und ich hatte eh schon einen Draht. Ich bin ja Düsseldorfer wie die Hosen und wie JKP. Als langjähriger Fan hatte ich vor ein paar Jahren einen Song namens „Die Toten Hosen“ gemacht, eine Lobeshymne auf die Band. Seitdem gab’s einen losen Kontakt – es passt menschlich ganz gut. Für uns ist JKP ein totaler Glücksgriff. Sie nehmen nur wenige Bands unter Vertrag, weil es sich ja in erster Linie um die Plattenfirma handelt, die die Platten der Hosen herausbringt. Ab und zu mal ein Funny-van-Dannen-Album und so was. Es ist ein unabhängiges kleines Label, in dem nach wie vor der Punk-Spirit spürbar ist. Gleichzeitig verfügt JKP über unfassbar gute, große, professionelle Strukturen, weil die Firma eben einer der erfolgreichsten Bands überhaupt in Deutschland gehört.

Antilopen Gang, davor Fatoni, Freitag, 21 Uhr, Conne Island (Koburger Straße 3), ausverkauft

Von Mathias Wöbking

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