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Armin Mueller-Stahl wird 85 Jahre alt

Drei Kino-Karrieren Armin Mueller-Stahl wird 85 Jahre alt

Er war ein Star in der DDR, er wurde ein Star in der Bundesrepublik und in den USA. Drei Kino-Karrieren startete Armin Mueller-Stahl – und jede endete erfolgreich. Kein Wunder: Charakterspieler werden zusehends seltener im internationalen Film. Am Donnerstag wird der Mann, der weniger Filme dreht, dafür mehr schreibt, malt und musiziert, 85 Jahre alt.

Leipzig. Es gibt Momente, da denkt man: Jetzt ist wirklich alles anders. Im Februar 1990, da hatte ich so einen Augenblick. Erste Berlinale, erstes Sehen von Verbotsfilmen der Defa – und dann steht da plötzlich auch noch Armin Mueller-Stahl. So, als wäre er nur mal ganz kurz weg gewesen. Irgendwer fragte damals: Weiß du noch, wie sein Spitzname war? Einer wusste es: Minchen. Wo der herkam, wusste keiner.

Damals bei der Berlinale startete gerade Armin Mueller-Stahls dritte Kino-Karriere – in Hollywood. In„Music Box“, seinem Durchbruch, ist er ein Exil-Ungar und faschistischer Mörder, der in Amerika untergetaucht ist. Armin Mueller-Stahl spielt charmant und voller Chuzpe.

Ein stiller Mann, der manipuliert, lügt und liebt und sein Geheimnis hat. Darin liegt auch das Geheimnis von Armin Mueller-Stahl: Er zieht in Charaktere hinein – weil er sich ihnen hingibt, aber ihnen immer einen Rest Rätsel lässt.

Er liebt das ruhige, wortarme, in sich gekehrte Spiel. Er ist ein König der erzählenden Großaufnahme – weil er sich vor der Kamera nicht verschließt, sondern sie in sich hinein lässt.

Als unbegabt abgelehnt

Dabei wollte der Sohn eines theaterbegeisterten Bankbeamten, der am 1. Mai 1945 im Lazarett starb, überhaupt nicht Schauspieler werden. Er studierte Musik, wurde Musiklehrer, überlegte es sich aber anders, wechselte zum Schauspiel, musste jedoch wegen mangelnder Begabung wieder gehen. Er klopfte bei Helene Weigel an und kam 1952 ans Berliner Ensemble, später an die Volksbühne.

Ein DDR-Star wurde er bereits 1960. Armin Mueller-Stahl war im TV-Vierteiler „Flucht aus der Hölle“ ein Fremdenlegionär, der im algerischen Befreiungskrieg flieht und in die DDR geht.

„Fünf Patronenhülsen“, der Western aus dem Spanienkrieg, „Königskinder“, „Nackt unter Wölfen“, Falladas „Wolf unter Wölfen“, „Columbus 64“, „Wege übers Land“ fürs Fernsehen folgten, in „Tödlicher Irrtum“ ritt er durchs Indianerland, in „Der Dritte“ spielte er als blinder Musiker Geige (was er studiert hatte), in „Die Flucht“ geriet er an mörderische Fluchthelfer.

Als er „Geschlossene Gesellschaft“ drehte, ein Ehedrama aus bleierner DDR-Zeit, das nur zu später Stunde gezeigt werden durfte, war er schon auf dem Sprung. Er hatte die Petition für Biermann unterschrieben, ausgerechnet jener TV-Kundschafter Detjen, der in „Das unsichtbare Visier“ für die DDR im Westen spionierte.

Ausreise mit Roman

Beim zehrenden Warten auf die Ausreise schrieb er den sicher etwas überambitionierten Roman „Verordneter Sonntag“, dann begann Armin Mueller-Stahls zweite Film-Karriere - mit einer legendären Absage.

Er lehnte die Berufung als Professor Brinkmann in die „Schwarzwaldklinik“ ab. Dabei hätte er Arbeit dringend gebraucht. Ein Star wurde der Mann, der mit 50 noch mal ins kalte Wasser sprang aber trotzdem – und das lag sicher nicht an seinen stahlbauen Augen.

Rainer Werner Fassbinder („Lola“, „Die Sehnsucht der Veronika Voss“), Istvan Szabo („Oberst Redl“), Patrice Chereau („Der verführte Mann“), Andrzej Wajda („Eine Liebe in Deutschland“) holten ihn, auch Amerika klopfte an. In der US-Serie „Amerika“ (Sowjetunion überfällt die USA) spielte er einen sowjetischer General. Dafür gab es in der Ex-Heimat DDR ideologisches Sperrfeuer.

Zehn Filme bleiben

Acht bis zehn außergewöhnlich gute Filme habe er in seinem Leben gemacht, hat Armin Mueller-Stahl vor zehn Jahren mal gesagt. Sicher gehören dazu „Shine – Der Weg ins Licht“ (Oscar-Nominierung), „Night on Earth“ (Mueller-Stahl als Ex-Clown aus Dresden, der in New York tollpatschig Taxi fährt), das Einwanderer-Drama„Avalon“, „Die Manns“ (Mueller-Stahl als Thomas) und „Buddenbrooks“ , sicher nicht „Nelken in Aspik“ (1976), eine unsägliche Klamotte, bei der man sich ratlos fragt: Wie konnte einer wie Mueller-Stahl so etwas bloß annehmen?

Er war Mitte 70, da erklärte er seinen Abschied vom Kino. Es sei denn, eine außerordentliche Rolle würde ihm angetragen. Die Rollen kamen, nicht jede war so einprägsam wie in Cronenbergs „Tödliches Versprechen“ sein Semjon, ein russischer Mafioso in London, bei dem zwischen Liebenswürdigkeit und Brutalität bisweilen kein Blatt Papier passt.

Einmal hat Mueller-Stahl selbst Regie geführt („Gespräch mit dem Biest“) und wohl sofort gemerkt: Nicht mein Ding. Er schreibt lieber (Romane, Erzählungen, Erinnerungen, Dreh-Tagebücher), spielt Geige oder malt. Das vor allem. Nicht wenige Ausstellungen haben inzwischen gezeigt, dass er alles andere als ein dilettierender Schauspieler ist. wird der in Tilsit Geborene, seit 1973 in zweiter Ehe mit einer Hautärztin Verheiratete (ein Sohn), der abwechselnd in Sierksdorf (östliches Schleswig-Holstein) und Los Angeles lebt, 85 Jahre alt.

Von Norbert Wehrstedt

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