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Aschenputtels stille Reserve - Leipziger Grassi Museum zeigt Schuhe, Schuhe, Schuhe

Aschenputtels stille Reserve - Leipziger Grassi Museum zeigt Schuhe, Schuhe, Schuhe

Ist schon der Gang durch manche Schuhgeschäfte ein Ausflug in Fantasialand, so kann man bei der Ausstellung "Starker Auftritt" im Grassi alle Definitionen, was eigentlich ein Schuh sei, einfach vergessen.

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Die die neue Sonderschau im Grassi Museum für angewandte Kunst zeigt Schuhe als Kunstobjekte. Hier: "Flashes" von Jochen Kronier (Leder, Lackleder).

Quelle: Andreas Doering

Leipzig. Auch wenn einige der Modelle alltagstauglich sind, geht es doch vordergründig um das ungezwungene Spiel mit Materialien, Formen, Assoziationen.

 Das geht gar nicht. Zwar sind die extra hohen Plateaus organisch aus Holz geformt, doch die "Riemchen" des Modells "Cradle" von Omar Angel Perez aus den USA sind schmale Sägeblätter mit scharfen Zähnen. Selbst Liebhaber von Fetisch-Parties werden auf die Anprobe verzichten. Andere Objekte dieser Abteilung sehen zwar exotisch aus, lassen sich bei eben solchen Events mit sexueller Aufladung durchaus verwenden, so beispielsweise Marian Pejoskis "Cow Show", deren Abdrücke auf dem gebohnerten Boden auf ein verirrtes Rindvieh hindeuten müssen.

 Auch wenn die Fußbekleidung selbst bei handelsüblichen Stücken meist viel mit Erotik zu tun hat, sind diese Schöpfungen für ganz spezielle Obsessionen in der Ausstellung nur ein kleiner Ausschnitt. Durchweg aber wird bewiesen, dass das ohnehin nicht gerade bescheidene Vorstellungsvermögen der seriellen Gestalter für große Marken auf die unterschiedlichste Art noch übertroffen werden kann.

 Das Problem der Verschwendung - welche Frau möchte zwei Mal in den gleichen Schuhen gesehen werden? - löst der israelische Designer Sharon Golan auf eine verblüffende Weise. Das Set aus16 Modulen lässt sich durch farbige Silikonbänder in 256 unterschiedliche Varianten bringen, drei Jahreszeiten sind also preiswert gerettet. Ungewöhnlich utilitaristisch ist das Herangehen von Ugo Villa. Sein "Power Shoe" produziert beim Laufen Strom, mit dem man sich eine Tasse Tee kochen kann.

Nachhaltigkeit mahnen die Holländer Niels van Eijk und Miriam van der Lubbe an. In ihrer Heimat werden täglich etwa 500 Maulwürfe getötet. Warum die Tierchen wegwerfen? Ihre mehr morbid als niedlich wirkenden "Moulded Mols" sind allerdings nicht nur wegen der lediglich für Kleinkinder geeigneten Größe kaum massentauglich.

 Unüberschaubar ist die Vielfalt der verwendeten Materialien. Neben dem schnöden Leder und ebenso traditionellen Produkten wie Filz oder Stoff finden sich Beton und Raku-Keramik, Brot und Federn, Glas uns Stahl, Baumrinde und Kaugummi. In der Abteilung, die sich dem möglichen Schuhwerk der Zukunft widmet, wird selbstverständlich mit diversen synthetischen Substanzen experimentiert, aber auch mit ganz frischen Methoden. Der "Melonia Shoe" von Souzan Youssouf und Naim Josefi aus Schweden ist ebenso wie der "Biomimikry Shoe" der Holländerin Marieka Ratsma im 3D-Drucker entstanden. Aus gewöhnlichem Holz ist zwar die hohe Sohle des Modells "Blue Ring" der Italienerin Giulia Tanini, doch wurde die filigrane, an Meereslebewesen erinnernde Struktur mit CNC-Fräsen erzeugt. Fiberglas und LED-Lämpchen sind andere Technologien, die in absehbarer Zeit an modebewussten Schuhträgern zu finden sein werden.

 Grundlage für die von Sabine Epple kuratierte Ausstellung ist das Virtuelle Schuhmuseum, das die Grafikerin Liza Snook von Den Haag aus betreibt. Virtuell sind dabei nicht die Objekte, sie existieren in anfassbarer Form. Doch die Präsentation erfolgt normalerweise nur im Internet. Das Grassi schafft nun für ein halbes Jahr Abhilfe. Ergänzt wird die Schau durch eine Vielzahl von Veranstaltungen und Videos über Performances rund um das Fußwerk. Voluminösestes Exponat ist auf jeden Fall der aufgeblasene "Big Sneaker" des sächsischen Künstlers Olaf Nicolai, den man gut als Notunterkunft nutzen könnte.

 Das Attribut experimentell im Untertitel der Ausstellung steht im Mittelpunkt. Zwar findet sich auch Glamour, doch eher als Nebenprodukt. Vielmehr geht es um die Grenzbereiche zwischen Handwerk, Design und freier Kunst. Manchmal kommt sogar etwas Wissenschaft ins Spiel. So ist das auf den Plakaten abgebildete Modell "Mojito" vom englischen Brückenkonstrukteur Julian Hakes berechnet worden. Er verzichtet bei dem spiralförmigen Band auf eine Sohle unter dem Mittelfuß, der bei solchen High Heels ohnehin keine Last trägt. Andererseits wird auch nicht auf Kitsch verzichtet. Jared Steffensen aus den USA lässt aus einem Paar Pumps eine Minilandschaft mit Bäumchen wachsen. Die Kalifornierin Rhonda Voo hingegen platziert einen Haufen Vanilleeis mit Sahnehäufchen auf ihren knallroten Schuhen.

 Die Präsentation in ausgeleuchteten Vitrinen verdeutlicht, dass Kunst gezeigt wird, der Gebrauchswert überwiegend in den Hintergrund rückt. Es sind rund 220 Sammlerobjekte zu sehen. Von einer "Ausstellung der Sinnenfreude" spricht Museumsdirektorin Eva Maria Hoyer. Die Impressionen sind ausgesprochen vielfältiger Natur. Und zu 100 Prozent auch für Männer geeignet.

 Starker Auftritt! Experimentelles Schuhdesign: Ausstellungseröffnung heute, 19 Uhr; Ausstellung von morgen an bis 29. September, geöffnet Di-So 10-18 Uhr, Grassi Museum für Angewandte Kunst, Johannisplatz 5-11.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.03.2013

Jens Kassner

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