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Asli Erdogan und Deniz Yücel mit Leipziger Medienpreis ausgezeichnet

Botschaft der Solidarität Asli Erdogan und Deniz Yücel mit Leipziger Medienpreis ausgezeichnet

Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan und der in der Türkei inhaftierte deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel haben am Freitag in Leipzig den „Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien“ erhalten. „Gefängnis ist wie Krieg“, sagte Erdogan, die im vergangenen Jahr fast fünf Monate inhaftiert war.

Ilkay Yücel (l.) und Asli Erdogan bei der Pressekonferenz in Leipzig .
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Asli Erdogan ist hier. Hier in Leipzig kann die türkische Schriftstellerin und Journalistin den „Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien“ persönlich entgegennehmen. Das ist die wirklich gute Nachricht bei einer Veranstaltung, die in der Regel zwar mit vagen Hoffungen, im Großen und Ganzen aber doch mit niederschmetternden Umständen verbunden ist. So sitzt der zweite Preisträger, der langjährige „taz“-Redakteur und heutige „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel (44) weiter in Einzelhaft im größten Gefängnis der Türkei, in Silivri westlich von Istanbul. Seit siebeneinhalb Monaten, ohne Anklage, ohne Prozess. Ein Justizskandal, ein Teil der türkischen Tragödie um die Abschaffung von Demokratie und Pressefreiheit in einem Land, das noch vor einigen Jahren auf dem Weg nach Europa zu sein schien. Stellvertretend für ihn nahm am Freitagabend seine Schwester Ilkay die mit insgesamt 30 000 Euro dotierte Auszeichnung entgegen.

Dieser Freitag sei für sie ein so wichtiger wie schwerer Tag. „Ich muss mich da schon zusammenreißen“, sagte sie nach der gestrigen Pressekonferenz. Ihren Bruder hat sie seit der Verhaftung nicht mehr gesehen. Unter anderem wird ihm Terrorpropaganda vorgeworfen, weil er ein Interview mit dem PKK-Anführer Cemil Bayik geführt hatte. Wie es ihm geht, sei schwer zu sagen, über seine Frau Dilek halte sie Kontakt zu ihrem Bruder. Die Dankesworte, die seine Schwester am Freitag von Deniz Yücel überbrachte, vermitteln das Bild eines Ungebrochenen, Aufrechten: „Ganz gleich, wie lange sich das hier noch hinzieht, und ganz gleich, welche Fantasieerzeugnisse die Staatsanwaltschaft irgendwann in etwas niederschreiben wird, das sie sich ‚Anklageschrift‘ zu nennen trauen wird – ich weiß, warum ich hier bin: Nicht nur, weil ich meinen Beruf als Journalist ausgeübt habe. Sondern weil ich meine, mir einbilden zu können, dass ich meine Sache recht ordentlich gemacht habe.“ Er werte seine „Gefangennahme als Auszeichnung, wenngleich als eine, auf die ich lieber verzichtet hätte.“ Der Leipziger Preis sei ihm im Gefängnis ein wichtiges Symbol gewesen: „Natürlich danke ich Ihnen herzlich dafür, dass Sie Ihren Beitrag dazu leisten, dass ich nicht in dieser Symphonie aus Stahl, Beton und Draht vergessen werde.“

Figuren in einem Kafka-Roman

Gefängnis. Dieses Gefühl, eine Figur in einem Kafka-Roman zu sein, nicht zu wissen, wann und ob sich die Tür öffnet und warum man überhaupt festgehalten wird – auch Asli Erdogan (50) musste dieses Gefühl erleben. „Gefängnis ist wie Krieg. Wenn man es einmal erlebt hat, wird man es nicht mehr los; das bleibt ein Leben lang.“ Fast fünf Monate hat Erdogan in Haft gesessen. Weil sie in ihren Texten Verbrechen beim Namen nennt, den Unterdrückten in der Türkei eine Stimme gibt, den Kurden, den Armeniern. Erdogan schrieb unter anderem für „Özgür Gündem“, die Stimme der Kurden in der Türkei. Sie war Mitglied einer Beraterkommission der Zeitung, ein eher symbolisches Gremium. Daraus konstruierte man die Vorwürfe „Propaganda für eine illegale Organisation“, „Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation“ und „Volksverhetzung“.

Im August 2016 wird sie festgenommen. Die Forderung der Staatsanwaltschaft: lebenslänglich. Am 29. Dezember kommt sie frei, hat allerdings ein Ausreiseverbot, das am 22. Juni aufgehoben wird. Doch lange erhält sie keinen Pass. Zahlreiche Preise, mit denen sie zwischenzeitlich ausgezeichnet wird, kann sie nicht entgegennehmen. Erst seit gut zwei Wochen darf sie das Land verlassen. Warum dann doch? „Ich habe aufgehört, hinter dem Verhalten des türkischen Staates eine Logik zu suchen“, sagt sie. Wenn es eine gibt, dann ist es die der Angst: „Erst trifft es die radikalen Journalisten, dann die Journalisten in den Massenmedien und schließlich die Autoren und Künstler. Der Kreis wird immer größer.“

Es kann jeden treffen. Das ist die Botschaft eines Staates, der sich Schritt für Schritt von rechtsstaatlichen Prinzipien verabschiedet. Erdogans jüngste sprachmächtige Essaysammlung „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ erzählt auch davon. Sie erscheint am 12. Oktober neu im Knaus-Verlag, in einer zweisprachigen Ausgabe, auf Türkisch und auf Deutsch.

„Erst vor zwei Wochen habe ich wieder zu schlafen angefangen.“

Asli Erdogan ist frei – und nicht frei: „Erst vor zwei Wochen habe ich wieder zu schlafen angefangen.“ In ihren Alpträumen, berichtet sie, stehe sie vor Gericht, kämpfe sie mit den Richtern. Auf die Frage, ob die deutsche Regierung, ob Europa alle Möglichkeiten ausschöpften, um den Verfolgten in der Türkei zu helfen, antwortet sie vielsagend: „Es gibt ein Europa der demokratischen Werte und der schönen Worte – und eines der Ökonomie, des Waffenhandels, der Ölgeschäfte.“ Aber der Kapitalismus braucht Demokratie. Und weil die europäischen Konzerne trotz der derzeitigen schwierigen Lage am Handel interessiert seien, würden sie sich früher oder später einmischen, denkt Erdogan.

Die Medienstiftung der Sparkasse macht das bereits seit vielen Jahren. Schon zum 17. Mal hat sie den Leipziger Medienpreis vergeben. Mit Erdogan und Yücel haben inzwischen sechs Preisträger türkische Wurzeln. „Diese Liste wird immer länger, das macht uns betroffen“, sagt Harald Langenfeld, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Leipzig. Und Stephan Seeger, Vorstand der Medienstiftung, spricht von einer „staatlich sanktionierten Geiselnahme in der Türkei“.

Im vergangenen Jahr hatten die türkischen Journalisten Can Dündar und Erdem Gül den Preis der Medienstiftung erhalten. Ihre Zeitung „Cumhuriyet“ gehörte zu den Kandidaten für den Friedensnobelpreis in diesem Jahr. Gleichzeitig will eine Staatsanwaltschaft in der Türkei den jetzt in Berlin lebenden Dündar bei Interpol auf die Fahndungsliste setzen lassen. Einen „Treppenwitz“, nennt das Langenfeld.

„Wir wollen den Skandal wachhalten, dass ein deutsch-türkischer Journalist schon beinahe ein Jahr in Einzelhaft sitzt, schlicht, weil er seine Arbeit getan hat“, sagte am Freitagabend Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung laut einer vorab verbreiteten Mitteilung. Auch Preisträgerin Asli Erdogan habe als Schriftstellerin und Journalistin „Mut zur Wahrheit“ gezeigt. An diese gerichtet, sagte Jung: „Sie beweisen: Das freie Wort ist kein eingeschmuggeltes westliches Kulturgut. Es ist ein planetares Grundrecht freier Menschen, unabhängig von Kultur, Religion oder Geldbeutel.“

Von Jürgen Kleindienst

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