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Asta vor der Tür

Literatur Asta vor der Tür

Mit ihrem neuen Roman „Drehtür“ steht Katja Lange-Müller auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Und ganz gleich, ob sie heute auch für die Shortlist der sechs Finalisten nominiert wird – ihr jüngstes Buch ist eine brillante Auseinandersetzung mit hilflosen Helfern und mit der Sprache.

Flughafen München, Umschlagplatz für Astas Erinnerungen in Katja Lange-Müllers Roman „Drehtür“.

Quelle: dpa

Leipzig. Sie hat genug geholfen. Nur wohin sie nun soll oder will, das weiß sie nicht. „Kein Geld, kein Zuhause, keine Familie, keine Freunde, keine Perspektive ...“ Asta Arnold hat 22 Jahre für Hilfsorganisationen gearbeitet, hat die Zeit in der Fremde verbracht, in „all den Fremden“, zuletzt in Nicaragua. Nun ist sie 65 Jahre alt, kaltgestellt, im Grunde weggeschenkt von den Kollegen, gestrandet am östlichen Ende der Ebene 03 des Flughafens in München. Ihr Gepäck ist in San Salvador oder vielleicht Madrid, und sie steht neben einer „kaum frequentierten Drehtür, zu der ihre Nikotingier sie blindlings geleitet hat“.

„Drehtür“ heißt Katja Lange-Müllers neuer Roman, mit dem sie auf der sogenannten Longlist der 20 für den Deutschen Buchpreis nominierten Neuerscheinungen steht. Mit dem Vorgängerroman „Böse Schafe“ hatte sie es 2007 auch auf die Shortlist der sechs Finalisten geschafft. Das wäre erneut angemessen. „Drehtür“ lüftet, wie „Die Letzten: Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei“ (2000), „Verfrühte Tierliebe“ (1995) und „Kasper Mauser – die Feigheit vorm Freund“ (1988), den Vorhang zur Kammer des Erfundenen, gefüllt mit Herbarien des Verschwindenden.

Analgin und eine Flasche Doppelkorn

In der Drehtür gibt es zwei Möglichkeiten. Drinnen oder Draußen. An der Drehtür hat Asta Arnold ihre Reise unterbrochen, nun steht sie also draußen neben einem ihr bis zur Hüfte reichenden Chromstahl-Ascher, in der Tasche eine Stange „Camel“-Zigaretten aus dem Duty-free-Shop, in der Hand ein Päckchen Streichhölzer. Weiterfahren könnte sie nach Berlin. Zurück kann sie nicht. Sie denkt und schweigt und raucht. Und wenn sie sich umschaut, wird die Umwelt „Opfer ihrer Projektionen“, glaubt sie, Menschen zu erkennen aus der Vergangenheit. So finden Erinnerungen zu einer Stimme, die darauf zu warten scheint, sie zu erzählen. Begebenheiten in Westberlin, in der Mongolei, in Djerba, New York  ... Von Männern und Kolleginnen, Zwängen und Ausbrüchen.

Ende der 60er half Asta einem Koch der nordkoreanischen Botschaft in Ostberlin mit Analgin und einer Flasche Doppelkorn über die Nacht. Helfen zu wollen und zu können ist das Lebensthema der ausgebildeten Krankenschwester. „Wenn du zum Helfen berufen oder eben ermächtigt bist, ist es tröstlich und herausfordernd, jemandem zu begegnen, dem es schlechter geht als dir selbst, am besten viel schlechter.“ Hauptbestandteile dessen, was den Helfenden durchströmt, sind Mitleid und Tatendrang – und Verachtung, „eine Überlegenheit heischende Verachtung, für die sich mancher, ob nun Profi- oder nur Laienhelfer, heimlich auch noch selbst verachtet“. Asta durchschaut sich und hinterfragt andere. Beste Voraussetzungen für eine mit Zweifeln bekränzte Bilanz.

Katja Lange-Müller

Katja Lange-Müller: Drehtür.Roman.Kiepenheuer & Witsch; 224 Seiten,19 Euro

Quelle: Verlag

Eine Supermarkt-Kassiererin erinnert sie an Tamara Schröder, Fachkrankenschwester für Neurologie und Psychiatrie, Kind glühender Kommunisten, die sie nach Tamara Bunke, Kampfname Tania, benannt haben. Von Tania la Guerrillera hat Tamara, die Fachkrankenschwester, oft erzählt, einmal aber auch eine ganz andere Geschichte. Sie beginnt mit Tamaras Besuch auf der Frankfurter Buchmesse, führt nach Kalkutta, wo sie von der Inderin Shamim für die Liga for free Indian Women vereinnahmt wird. Für einen guten Zweck, das schon, aber doch benutzt.

Andererseits: „Warum jemand hilft, ob aus omnipotentem Größenwahn oder atheistisch-humanitärer Gesinnung oder aufs Paradies spekulierender, also nicht ganz so selbstloser christlicher Nächstenliebe, ist unwichtig; dass er nicht wegschaut, sondern die Ärmel hochkrempelt, reicht fürs Erste.“ Oder eben fürs Letzte. „Helfen wollen ist womöglich bloß ein angeborener Reflex“, denkt Asta, „helfen können dagegen ein Triumph“.

Hadern mit der Sprache

Was ihr nicht glückte, war die Liebe. Ein einziges Mal wahr – und nicht erwidert. Etliche Passagen beben vor Komik, deren Spuren Katja Lange-Müller (65) durch den Text legt. Und zwar mit eben jener Präzision, die sie, wie sie in einem Interview sagte, als Dozentin den Studenten am Deutschen Literaturinstitut Leipzig gern mitgeben wollte. Hier hatte Lange-Müller, 1951 in Berlin geboren, selbst bis ’82 studiert. Nach einem Jahr in der Mongolischen Volksrepublik wollte sie „nicht zur Tagesordnung zurückkehren“, stellte einen Ausreiseantrag und zog 1984 nach Westberlin.

Nicht nur Menschen, auch Wörter lösen bei Asta Assoziationslawinen aus. „Selbst unausgesprochen und sogar unerhört klingen ihr deutsche Wörter immer wieder oder immer noch seltsam fremd in den Ohren ...“ Sie hadert mit ihnen, mit Muttersprache, Vaterland, mit Urlaub, Bargeld, Hausmannskost. Für Asta vor der Tür gibt es viel Vergangenheit und keine Zukunft. Sie stellt sich den Lesern im Rückblick vor, im Resümee, gefügt aus dem, was durch die Drehtür der Gedanken drängt. Ein brillanter Roman über Faszinationen des Lebens.

Katja Lange-Müller: Drehtür. Roman.Kiepenheuer & Witsch; 224 Seiten,19 Euro

Von Janina Fleischer

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