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Auf der schmissigen Seite des Sees

MDR-Konzertsaison gestartet Auf der schmissigen Seite des Sees

Kristjan Järvi und sein MDR-Orchester sowie der italienische Klavier-Grenzgänger Sfefano Bollani starteten mit Werken von Richard Strauss, George Gershwin und Peter Tschaikowski in die Konzertsaison 2016/17.

Kristjan Järvi am Pult.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Um Emotionen, wird MDR-Chefdirigent Kristjan Järvi zwischen beiden Teilen der Radioübertragung seines Konzerts zur Saisoneröffnung am Samstagabend im Gewandhause zitiert, gehe es in Tschaikowskis Ballett-Dauerbrenner „Schwanensee“. Da mag wohl niemand widersprechen – in welcher Musik ginge es darum nicht? Und dann, so Järvi weiter, sei da noch die Transzendenz. Ein kompliziertes Wort, gern als Totschlagargument für Bedeutsamkeit im Sinne eines wie auch immer gearteten geistigen oder gar spirituellen Mehrwertes verwandt, oft ein wenig wichtigtuerisch.

Dabei ist die Frage nach dem Mehrwert im Falle von Kristjan Järvis höchstselbst kompilierter „Schwanensee“-Konzertfassung leicht zu beantworten. Und zwar für alle Seiten: Das Publikum bekommt im zur Saison-Eröffnung sehr luftig besetzten großen Saal einen sehr großen Teil der Herrlichkeiten dieser unsterblichen Ballettmusik auf dem Silberteller präsentiert – und muss, wie immer, wenn Järvi am Pult steht, nicht einmal auf den Tanz verzichten. Das Sinfonieorchester des Mitteldeutschen Rundfunks kann rund um den mit in höchsten Lagen nicht ganz sauber intonierenden, sonst aber wunderbar silbrig und glanzvoll seine vielen solistischen Aufgaben auskostenden Konzertmeister Andreas Hartmann ganz ungeniert in philharmonischer Virtuosität und Schönheit schwelgen. Und für den Chefdirigenten Kristjan Järvi schließlich ist der Mehrwert sogar ein recht konkreter: Gema-technisch geht er trotz des vergleichsweise geringen Aufwands als Bearbeiter auf Augenhöhe mit dem Komponisten durchs Ziel – was bei einem Werk, das mit rund 70 Minuten Spieldauer als abendfüllend durchgeht, doppelt interessant ist.

Angesichts all dieser Vorzüge kann er die musikalische Transzendenz getrost Transzendenz sein lassen. Seine Schwäne tanzen folglich bevorzugt auf der schmissigen Seite des Sees – und sie tun es mit unwiderstehlichem Charme. Wunderbar funkeln von allen Ecken und Enden die Soli aus dem Orchester heraus. Und mag dem Al-fresco-Tutti auch die Präzision abgehen, ist die Energie dieser Musizierweise doch für erheblichen Jubel gut. Gern auch zwischen den Sätzen.

Der Höhepunkt des gut zweieinhalbstündigen Abends liegt indes vor der Pause: Zur Uraufführung des Concerto azzurro des italienischen Klavier-Tausendsassas Stefano Bollani kommt es nicht, weil der sein musikalisches Kind nicht weitgehend ungeprobt in die Welt entlassen wollte. Aber George Gershwins „Rhapsody in Blue“ ist beileibe kein Notnagel.

Dass Bollani, dem großen Grenzgänger des Jazz, diese Musik liegt wie kaum einem anderen Kollegen an den Tasten, ist nicht weiter überraschend. Die Delikatesse seines Spiels indes, die gleichsam orchestrale Grandezza, mit der er noch immer und immer wieder Unerhörtes aus dem mindestens kniffligen Satz herauszustreicheln vermag, verblüffen jedes Mal aufs Neue. Ebenso der Umstand, dass er vor wenigen Jahren, als er die Rhapsody mit dem Gewandhausorchester für Decca auf CD einspielte, sehr viel freier mit dem Notentext umgegangen ist – obschon seinerzeit der gestrenge Riccardo Chailly am Pult die Zügel in der Hand hielt.

Nun dirigiert also der legere Hüftschwinger Kristjan Järvi das MDR-Rundfunkorchester, und Bollanis improvisatorische Ausweitungen beschränken sich, sicher ist sicher, weitgehend auf Detail-Erkundungen. Aber das tut dem Ergebnis keinen Abbruch. Die Funk-Musiker sind mit sicht- und hörbarer Begeisterung bei der Sache, lassen die wunderbare Partitur krachen und schwingen und bleiben auch ihren Ausflügen ins enthemmt lyrische Fach nichts schuldig.

Den Highlights aller Zeiten, Gegenden und Genres ist die neue MDR-Saison etwas pauschal gewidmet. Fallen sie so aus, diese Highlights, darf man sich auf die nächsten Monate freuen. Und gern dürfen dann auch Zugaben dabei sein wie die drei, mit denen Bollani sich für den auch im Stehen vorgetragenen Jubel bedankt: ein virtuos schillerndes Tango-Tableau, an dessen Anfang er den Blumenstrauß von Hand zu Hand wirft und so auch als Musik-Clown eine gute Figur macht (was Järvi anderthalb Stunden später bei seiner Zugabe kopieren wird), eine hinreißende Ballade, in der er Mackie Messer an der Copacabana auf Schumanns Fröhlichen Landmann treffen lässt, und eine im Licht Südamerikas ätherisch flirrende Impressionismus-Studie. Wunderbar.

Das lässt sich über den Beginn des Spielzeit-Beginns nicht sagen: Vier sinfonische Zwischenspiele aus Richards Strauss’ Oper „Intermezzo“. Die „Träumerei am Kamin“ ist bei allem weit ausschwingenden Wohlklang mehr eine „Brüterei über Hausaufgaben“, und die drei übrigen Sätze „Reisefieber und Walzerszene“, Am Spieltisch“ und der „Fröhliche Beschluss“, bleiben dem Potenzial dieses sehr persönlichen Ehe-Monuments so ziemlich alles schuldig. Weil Järvi kaum je ernsthaft den Versuch unternimmt, das dichte Geflecht von Strauss’ Orchesterpolyphonie zu sortieren, ist das Ergebnis nicht feinste Brüsseler Spitze, sondern eher der mit der ganz groben Nadel gestrickter Klopapier-Überzieher für die Hutablage. Manches geht eben doch nicht ohne akribische Vorbereitung via Probe.

Das Konzert ist in dieser Woche noch abrufbar unter www.mdr-kultur.de.

Der MDR-Chor und sein Chef Risto Joost starten am Samstag in die neue Spielzeit. Dann steht im Rahmen der Mendelssohnfesttage und als „Zauber der Musik“ Mendelssohns Oratorium „Paulus“ auf dem Programm. Karten (17– 42,50 Euro) sind unter anderem erhältlich im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de.

Von Peter Korfmacher

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