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Auf gutem Weg: Das neue Programm der Leipziger Pfeffermühle

Auf gutem Weg: Das neue Programm der Leipziger Pfeffermühle

Sie traten zeitgleich an. Während Merkel und Steinbrück am Sonntag im Fernsehen um Wähler-Stimmen buhlten, schickte die Pfeffermühle ihr Programm "Glaube, Liebe, Selbstanzeige" ins Rennen.

Leipzig. Maßgabe: Mit politischer Satire in der dicht besiedelten Leipziger Kabarettszene möglichst viel Publikum ins eigene Haus zu ziehen - auch eine Art Wahlkampf. Eine Auswertung.

Der Rahmen: Wiederkehrende Themen sind Titel-entsprechend enttäuschter Glaube an Werte und die Liebe, im zweiten Teil addieren die Pfeffermüller den Punkt Korruption dazu. Eine glasklare Struktur oder These wird weder durch Entrée noch durch den Schluss gekennzeichnet und ist auch im Verlauf nicht immer erkennbar, das stört aber nicht weiter.

Darstellerleistung: Fantastisch. Franziska Schneider, Matthias Avemarg und Frank Sieckel sprühen vor Spielfreude, jeder glänzt in mindestens einem Solo. Schneiders atemberaubender Gesang bei der Queen-Verfremdung "Wir sind die Rentnerfraktion" reißt das Publikum von den Sitzen und zu Zwischenapplaus hin. Avemarg brilliert unter anderem als abgebrühter, zynischer US-Soldat, der wandlungsfähige Sieckel gibt großartig den tumben, keifenden Befehlshaber des Stabsmusikkorps. Die spektakulärste Ensemble-Nummer: Fontanes "John Maynard" als Steuerflüchtlings-Drama.

Pointen: Sitzen gelegentlich in der Mitte der Nummern, zum jeweiligen Abgang fehlen oft knackige Verbal-Überraschungen. Vor allem in der ersten Hälfte nicht tragisch, da die Texte stark genug sind, um das aufzuwiegen.

Texte: Stammen von sage und schreibe zwölf Autoren, was eine durchgängige stilistische Linie verunmöglicht. Erfreulich: so gut wie keine Billig-Kalauer oder Plattitüden. Besonders bösartige Satire kommt von Thilo Seibel und Philipp Schaller. Skrupellose Immobilienhaie, Demonstranten auf der krampfhaften Suche nach Feindbildern, fragwürdige Positionen des Bundespräsidenten - das hat ironischen Biss. Ätzend gut auch die Selbstgerechtigkeit eines Managers namens Uli Schoeneß. Die Pfeffermühle verpflichtet sich durch Nummern wie der zur bevorstehenden Wahl und einer möglichen Großen Koalition, Passagen nach dem großen Urnengang überarbeiten zu müssen. Dieser Kür des Genres setzt sich wahrlich nicht jedes Kabarett aus. Einige Texte nach der Pause, selbst die eines Starautoren Schaller, leiden an Schärfeverlust und bekommen etwas Volkstheaterhaftes. Beim (Nicht-)Talk zweier Politiker und einer Moderatorin dominiert die poltrige Form.

Inszenierung: Matthias Nagatis führt lange eine behutsame Regie, setzt die weißen Würfel unterschiedlicher Größe zum Sitzen, Stehen und Stützen ein, kann auf die Wirkung der Darsteller vertrauen und baut die Musiker geschickt ein. Zwei, drei Nummern ziehen sich. Der zweite Teil der Produktion gibt Anschauungsunterricht zu einem klassischen Regie-Reflex im Kabarett: Sind die Texte zu schlapp, sollen Mundart-Einsatz plus Erhöhung von Lautstärke und Klamauk-Faktor die Stimmung retten. Das funktioniert auch hier trotz hervorragender Schauspieler sehr bedingt.

Musik: Steffen Reichelt und Hartmut Schwarze verlassen mehrfach Schlagzeug und Piano, weil sie auch szenisch dezent in die Nummern integriert werden. Vor allem Schwarze geht auch mimisch darin auf. Bis auf dessen Bankberater-Stück und ein beklatschtes schwungvolles Intermezzo spielen die Musiker Hit-Adaptionen zwischen Marsch, Schlager, Jazz und Rock. Eine sichere Sache dank Wiedererkennungswert; zwar auf Kosten von Innovation, aber ein Beispiel dafür, wie unverzichtbar gute Live-Musik als atmosphärischer Verstärker in Kabarettprogrammen ist.

Irritation 1: Das verwirrende Wechselspiel von Namen offenbart sich in der Plakatierung. Neben Sieckel und Avemarg posiert darauf Mühlen-Neuling Miriam Hornik, die aber zur Premiere nicht spielt, weil sie sich mit Schneider abwechselt. Auch die Musiker alternieren. Für den Zuschauer schwer nachvollziehbar, wenn er bestimmte Gesichter bestimmten Produktionen nicht verlässlich zuordnen kann. Hintergrund: häufiges Umdisponieren durch ungeplante Rotation des Personalkarussells.

Irritation 2: Wegen besagter Umstellungen verschoben sich Premieren-Termine nach hinten. Die Produktionen "Glaube, Liebe, Selbstanzeige" und "Kaputt ist anders" (Premiere 23. September) stehen mehrere Wochen vor dem offiziellen Start im Spielplan - eine lange Voraufführungs-Phase, in der man sich laut Chef Dieter Richter "ausprobiert", auch wegen der Doppelbesetzungen. Dafür den normalen Eintrittspreis zu verlangen, ist zumindest fragwürdig.

Fazit zu "Glaube, Liebe, Selbstanzeige": Die Mühle befindet sich auf gutem Weg. Trotz leichten Abfalls im zweiten Teil gehört das Stück zu den derzeit besten und anspruchsvollsten Kabarettprogrammen der Stadt. Es gibt wenige Produktionen, die so konsequent und - stellenweise - so böse gesellschaftliche Prozesse verarbeiten. Mit mehr Inhalt und mehr Witz als im Kanzlerduell.

iNächste Aufführungen heute sowie Donnerstag bis Sonntag. Infos und Karten: 0341 9603196.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.09.2013

Mark Daniel

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