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Aufgeführte Unaufführbarkeit: "Faust"-Marathon im Schauspiel Leipzig

Aufgeführte Unaufführbarkeit: "Faust"-Marathon im Schauspiel Leipzig

Goethes ganzen Faust, die Teile I und II der Tragödie, brachte das Ensemble des Thalia Theaters Hamburg am Samstag ins Schauspiel Leipzig. Die zur "Inszenierung des Jahres 2012" gekrönte Mammut-Aufführung bewegt sich zwischen konzentriertem Textfokus und ironisch gebrochenem Bilderreigen.

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Sebastian Rudolph (vorn) in der Rolle des gealterten Fausts zwischen Zerstörung- und Schaffenskraft.

Quelle: Krafft Angerer

Es lag ein bisschen Expeditionsatmosphäre in der Luft am Samstag Nachmittag um kurz vor halb vier. Nochmal möglichst mit der Sonne auf der Nase frische Luft schnuppern. Dann geht es in den Saal zur Reise durch "Faust I + II" bis kurz vor Mitternacht, rund sechseinhalb Stunden Theater, dazwischen drei Pausen. Leipzig ist nicht Bayreuth. Das Publikum kommt wegen des Inhalts. Der Saal ist ausverkauft. Die Erkenntnis: Theater ist dem Leipziger Publikum noch eine Anstrengung wert.

Faust also. Um was geht's? Um alles. Geläufig ist Teil I um das Streben des Doktor Faust, der zur letzten Erkenntnis dennoch nicht gelangen mag. Aus heutiger Sicht steht er irgendwo zwischen Midlife-Crisis und Burnout, als er dem Teufel die Hand zur Wette reicht, ihn zum Moment der Glückseligkeit zu führen.

Schwieriger wird es mit dem allegorisch verdichteten Teil II, der in fünf Akten auf das große Ganze der Menschheit quer durch die Felder der Ökonomie, der Alchemie und der Mythologie zielt. Am Ende wird sich der überragende Schauspieler Sebastian Rudolph, für seine Leistung in "Faust" von den Kritikern 2012 zum "Schauspieler des Jahres" gewählt, bedanken, dass das Hamburger Ensemble "im Centraltheater" spielen durfte. Ein kleine Ungenauigkeit die hiesige Geschichtsschreibung betreffend, die aber den Blick lenkt auf Sebastian Hartmanns letzte große Inszenierung als Intendant in Leipzig. Wortlos und assoziativ hatte er den ersten Teil des Faust-Stoffs auf die Bühne gebracht.

Fast das Gegenteil zeigt Regisseur Nicolas Stemann in der ersten Hälfte, lässt Rudolph auf einer weitgehend leeren Bühne die Verse deklamieren. Das Reclam-Heft in der Hand ist er Faust, ist er Mephisto, ist er Gretchen, erhält später Unterstützung von Philipp Hochmair und Maja Schöne, die ebenfalls überzeugen und mit den Versen in wechselnde Rollen schlüpfen. Was man psychologisch deuten darf: Die verschiedenen Charaktere verdeutlichen die unterschiedlichen Kräfte, die die komplexe Faust-Gestalt vereint. In drei anspruchsvollen Stunden gerinnt Faust I zu konzentriertem, ästhetisch überzeugendem Theater.

Dann darf Goethe (Barbara Nüsse im langen Kleid) persönlich in Teil II einführen. Ein Stoff, dem lange das Verdikt der Unaufführbarkeit anhaftete - was mancher nach Stemanns Ansatz, in Kooperation mit den Salzburger Festspielen 2011 erstmals zur Aufführung gekommen, bestätigt sieht. Die Feuilletons von Hamburg bis Wien waren sich nach der Premiere höchst uneinig in der Bewertung. Der stilistische Bruch mit der Gradlinigkeit des ersten Teils, die Opulenz der Bilder, die ironischen Brechungen, der Klamauk - ohne die Parallelen zu eng ziehen zu wollen - erinnert auf den ersten Blick an die Bühnensprache in Leipzig unter Hartmann.

Im Geldscheinregen widmen sich Faust und Mephisto den leeren Kassen am Kaiserhof. Eine Gelegenheit zur Kapitalismus-Kritik. Live-Musik und bizarres Masken-Theater begleiten die Epochenreise, die Verbindung zwischen Antike und Mittelalter in der Vermählung von Helena und Faust. Und immer wieder tritt die Inszenierung einen Schritt zurück in die Position der Kommentierung oder Verballhornung. Die Puppenspieler von der Gruppe das Helmi bieten einen wohl eigens für diese Vorstellung eingestreuten Tatsachen verdrehenden Dialog über Goethes Leipzig-Zeit. Schreiend komisch gerät der Exkurs über die - selbst genutzten - Mittel der Postdramatik ("ganz viel Video"). Und per Video dürfen Experten ihre Deutungen einstreuen. Erkenntnisgewinn liefern weniger die überblendeten Statements, als die Tatsache, dass sich der Faust-Stoff aus der Perspektive der verschiedensten Disziplinen, vom Ökonomen bis zum Physiker, betrachten lassen.

Insgesamt eine Menge Regie-Einfälle, die nur vereinzelt dazu beitragen, den Stoff genauer auszuleuchten, im Gegenteil sogar immer wieder vom Kern ablenken. Aber sie machen ihn ansprechend konsumierbar, das von Dauerhustern begleitete Geduldsspiel erträglich, zerstreuen Berührungsängste. Am Ende, wenn der Teufelspakt Faust dazu zwingt, ins Grab zu sinken, pustet ein Gebläse Plastiktüten in die Luft. Nein, keine Mutmaßung über die Beschaffenheit der menschlichen Seele. Nur eine ästhetische Illustration. Theater darf das. Und es darf sich mutig am Unaufführbaren versuchen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.03.2014
Dimo Rieß

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