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Aufkommende Geselligkeit

Aufkommende Geselligkeit

Die Frankfurter Buchmesse ist heute die Nummer eins in Deutschland, fast 300 Jahre beanspruchte sie diesen Rang für sich. Doch auch die Leipziger Buchmesse kann auf eine stolze Bilanz blicken: Gut 260 Jahre lang hatte sie die Führungsposition inne.

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Im Zentrum der damaligen Leipziger Buchmesse: Kantate-Festmahl im Schützenhaus 1870.

Quelle: Archiv des Autors

Kurz vor der aktuellen Ausgabe vom 13. bis 16. März führt unsere fünfteilige Serie in ihre bewegte Geschichte ein und stellt Erfolge und Glanzpunkte ebenso vor wie Krisen und Bedeutungsverluste. Heute: Krise und Wandel im 19. Jahrhundert.

Nach dem Ende der Frankfurter Buchmesse im ausgehenden 18. Jahrhundert trat die Leipziger eine lange Phase der Alleinherrschaft an. Zunächst wandelte sich die Buchtausch- in eine Abrechnungsmesse, denn das Geldgeschäft gewann zunehmend an Bedeutung. In Leipzig trafen sich im Frühjahr die deutschen Buchhändler, um ihre Jahreskonten zu schließen. Im Gepäck führten sie neben den unverkauften Büchern lange Listen über Bestellungen, Lieferungen und Zahlungen mit. Diese mussten mit allen Kollegen in persönlichen Gesprächen durchgearbeitet werden. Das war ermüdend und dauerte bis zu vier Wochen! Im Unterschied zur heutigen Buchmesse war die Teilnahme aber nur Berufskollegen erlaubt, das literaturinteressierte Publikum kannte den Termin zumeist nicht.

Das persönliche Abrechnen war derart umständlich, dass es dringend einer Reform bedurfte. Wiederholt wurde gefordert, man möge doch einen gemeinsamen Abrechnungsraum, eine Börse, finden, in dem sich alle Kollegen versammeln könnten. An Initiativen mangelte es freilich nicht. 1792 mietete der Leipziger Buchhändler Paul Gotthelf Kummer zur Ostermesse fünf Räume im Richterschen Kaffeehauses am Brühl an. Noch boykottierte ein Großteil der Leipziger die Neuerung. Sie waren es gewohnt, die Fremden in ihren Kontoren zu empfangen und wollten auf diese "Insignien der Macht" nicht verzichten. Auch einem zweiten Versuch des Potsdamer Verlegers Carl Christian Horvath, die Abrechnungsbörse im Paulinum der Theologischen Fakultät der Uni Leipzig unterzubringen, war keine Dauer beschieden.

Endlich, zur Frühjahrsmesse 1825, wurde der Börsenverein der Deutschen Buchhändler aus der Taufe gehoben. Als Abrechnungsverein sollte er sich zentral dem Messegeschehen widmen, hatte darüber hinaus aber bald auch andere Zuständigkeiten. Getragen wurde die neue Vereinigung vor allem durch Nichtleipziger. Sie wollten die Buchmesse auch ohne ihre Leipziger Kollegen neu ordnen. Und so verwundert es nicht, dass im Umfeld des Börsenvereins bald Pläne auftauchten, die Buchstadt Leipzig abzuschaffen beziehungsweise nach Nürnberg zu verlegen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte vielen Leipzigern klar geworden sein, welche Gefahren von einem fremdbeherrschten Berufsverband ausgingen. Sie strömten zielgerichtet dem Börsenverein zu und wussten ihn bald zu dominieren.

Es war letztlich aber nicht der Börsenverein, der die Zahlungsgeschäfte auf der Buchmesse regelte, sondern der lokale Kommissionsbuchhandel. Die großen Kommissionshäuser Fleischer, Koehler und Volckmar boten den auswärtigen Verlegern und Buchhändlern an, die Messearbeit schon im Vorfeld gegen Bezahlung zu erledigen. Sie nahmen das Rechnungsgeschäft vor und kümmerten sich um die unverkauften Bücher, die "Krebse" oder "Remittenden". Und als weitere Neuerung kam hinzu, dass die Neujahrsbuchmesse in Leipzig verschwand und die Herbstmesse bedeutungslos wurde.

Heimgekehrt von der Leipziger Buchmesse 1865 schrieb der Berliner Buchhändler Alexander Duncker, dieselbe sei in einer tiefen Krise. Da nun die Kommissionäre die eigentliche Arbeit verrichteten, war die Messe sinnentleert. Wozu noch anreisen? Aber Duncker hatte eine Idee: Wie wäre es, wenn die Buchmesse einen geselligen Charakter erhielte? Da die Börsenabrechnung nur die Vormittagsstunden umfasse, bräuchten die Kommissionäre nur "ein passendes Local (großen Saal mit anstoßendem Garten) ausfindig zu machen." Bei Kaffee, Bier und Zigarre konnte nun eine richtig "gemüthliche Börse" stattfinden, ganz im Gegensatz zur streng geschäftlichen Rechen-Börse des Vormittags. Dem Vorschlag schlossen sich zahlreiche Buchhändler an.

1867 wurde die Reform Wirklichkeit. Das gemeinsame Kantate-Festessen im Leipziger Schützenhaus rückte neben der Hauptversammlung des Börsenvereins ins Zentrum der buchhändlerischen Ostermesse. Hier entstand eine neuartige Branchen-Festkultur, mit der sich die deutschen Buchhändler präsentieren und feiern konnten. Bereits im ersten Jahr nahmen über 450 Personen teil. Zu den Ehrengästen gehörten die Spitzen der königlich-sächsischen und städtischen Behörden sowie der Rektor der Universität Leipzig. Überhaupt war den Berichten zufolge die hiesige Universität zahlreich unter den Gästen vertreten.

Leipzig befand sich im Kaiserreich auf dem Höhepunkt der Macht. Im 1888 eröffneten Neuen Buchhändlerhaus - heute steht an dieser Stelle das Haus des Buches - veranschaulichte ein Bleiglasfenster mit dem Titel "Leipzig als Mittelpunkt des deutschen Buchhandels" den lokalen Triumph. In der Mitte stand eine große weibliche Figur, welche die Messe- und Buchstadt Leipzig verkörperte. Vor ihr rechts saß in devoter Haltung die Figur des geschlagenen Frankfurt am Main. Sie schien traurig zu blicken, hatte Frankfurt doch ihre Messe an Leipzig verloren.

Dass sich dieses Verhältnis einmal wieder umkehren könnte, war damals undenkbar. Aber dennoch: Der wirtschaftliche Niedergang erfasste die Buchstadt Leipzig bereits während des Ersten Weltkriegs und wurde über die Krisen der Weimarer Republik und des Dritten Reichs noch verstärkt. Als Bomben im Dezember 1943 einen Großteil der Leipziger Bücher und Buchfirmen vernichtete, verschwand auch die alte Leipziger Buchmesse für immer.

Thomas Keiderling, Buchwissenschaftler an der Universität Leipzig, ist Verfasser des Bandes "Aufstieg und Niedergang der Buchstadt Leipzig" (Sax-Verlag, 2012).

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.02.2014
Thomas Keiderling

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