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Auftakt der Europa-Tour in Leipzig: Marilyn Manson hüllt 3300 Fans in Rock ’n’ Rauch

Konzert im ausverkauften Haus Auensee Auftakt der Europa-Tour in Leipzig: Marilyn Manson hüllt 3300 Fans in Rock ’n’ Rauch

Viel Rauch, viel Licht, viele böse Worte. Und ja, Rock ’n’ Roll war auch im Spiel, als Schock-Rocker Marilyn Manson am Donnerstagabend vor 3300 Zuschauern zum Auftakt seiner Europa-Tour im ausverkauften Haus Auensee auftrat. Lesen Sie jetzt die vollständige Konzertkritik samt Bildergalerie – das Martyrium hat viele Gesichter.

„Das ist das Leipzig, das ich liebe“: Marilyn Manson im Haus Auensee.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Es überrascht kaum, dass Marilyn Manson seine Fans auf die Folter spannt, bevor er über Grausamkeiten singt, krächzt und schreit. Jedenfalls hat sich der Großteil der 3300 Zuschauer beim Auftakt der Europa-Tour am Donnerstagabend im ausverkauften Haus Auensee offensichtlich zunächst wie gemartert gefühlt. Da haben sie gerade die gitarren­lose Berliner Vorband Tüsn trotz einiger eigentlich ganz schöner Melodien mehr von der Bühne gebuht als gejubelt, da geht der heißersehnte Spuk des Haupt­akteurs aus den Vereinigten Staaten noch immer nicht über selbige.

Zwar pumpen vier Nebelmaschinen seit einer halben Stunden eifrig Atmosphäre in den Saal, und nun erlischt auch das Hallenlicht. Doch noch immer sägt keine einzige Gitarre. Nein, stattdessen trällern die Louvin Brothers, ein klerikales Country-Duo der 50er Jahre, aus der Konserve minutenlang eine Botschaft: Satan existiere wirklich. Irgendwann kontern die Hiphopper Rick Ross und Jay Z vom Tonband mit ihrer These, dass der Teufel eine Lüge sei. Ja, was denn nun?

Sechs Minuten, 66 Sekunden

Nach ungefähr sechs Minuten und 66 Sekunden gellt ein Schrei durch die Lautsprecher. Aber die Bühne bleibt neblig und leer. Aus der Festplatte des Ton­ingenieurs schraubt sich nun ein Chor in dramatische Höhen. Erst nach insgesamt zehn Minuten donnert in die Harmonie dann doch mal ein Klanggewitter, das die Band, die ja ebenfalls Marilyn Manson heißt, in Echtzeit orchestriert. Nach dem ausufernden Vorspiel ist die Wirkung phänomenal. Mit „Deep Six“ vom aktuellen Album „The Pale Emperor“ eröffnet das Ensemble den Live-Anteil des Spektakels. Es ist das Lied, in dem Zeus
Narziss den Rat erteilt, auf sich achtzugeben („You’d better watch yourself“).

Brian Hugh Warner schminkt sich zwar achtsam, um zum Zwitter aus Marilyn Monroe und Charles Manson zu werden. Aber ansonsten schert sich der Mann, den nach eigener Aussage seit dem Tod der Mutter niemand mehr Brian nennt, nicht narzisstisch um seine Unversehrtheit. So sehr verausgabt er sich augenscheinlich mit seinen 46 Jahren, dass er die Bühne in den kommenden 90 Konzertminuten (brutto!) nach fast jedem Stück kurz verlassen muss. Manchmal bleibt’s minutenlang dunkel und still, was die Euphorie zunehmend eher dämpft als befeuert. Kurz vor Schluss wird sich Marilyn Manson mit der Begründung entschuldigen, dass ihm Schminke in die Augen gelaufen sei, „es tut höllisch weh“. Das Martyrium hat viele Gesichter.

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Viel Rauch, viel Licht, viele böse Worte. Und ja, Rock ’n’ Roll war auch im Spiel, als Schock-Rocker Marilyn Manson am Donnerstagabend vor 3300 Zuschauern zum Auftakt seiner Europa-Tour im ausverkauften Haus Auensee auftrat.

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Zu Beginn erklärt er hingegen Erfreuliches. Wie froh die Gruppe sei, nach so langer Zeit wieder in Leipzig zu spielen. 1997 war das Gruselkabinett schon mal an gleicher Stelle zu erleben – als die Provokationen noch zündeten: Das Leipziger Jugendamt schickte einen Aufpasser mit der Kompetenz, das Konzert im Zweifelsfall von jetzt auf gleich abzubrechen.

Dazu bestand und besteht erst recht 2015 keine Veranlassung. In einem Vierteljahrhundert Bandgeschichte hat die Mischung aus Blasphemie, düsterem Nihilismus, Drogenrausch, Obszönität und Wahnsinn ihr Schockpotenzial weitgehend eingebüßt. Im Haus Auensee handelt Marilyn Manson seine Standardthemen diesmal in Krachern wie „Disposable Teens“, „Cupid Carries A Gun“, „Cruci-Fiction In Space“ oder der „Irresponsible Hate Anthem“ ab. „Wir lieben den Hass, wir hassen die Liebe.“ Nettes Wortspiel, und sonst so? Richtig, eine hinreißende Depri-Version des Eurythmics-Hits „Sweet Dreams“.

Marilyn Manson gibt es ja auch in echt

Die Faszination liegt nach Jahrzehnten aus (meist falschen) Anklagen und glamourösen Liebschaften, die sich um das Gesamtkunstwerk ranken, allerdings anderswo: Fast staunt man, dass es die Medienfigur Marilyn Manson ja auch in echt gibt. Beeindruckend weiß diese zudem ihre Stimme einzusetzen. Nahtlos geht der bassige Gesang in grelles Geschrei über (und zurück); die Stimme strotzt nur so vor Kraft. Fünf, sechs Mal vergisst Marilyn Manson sogar den Status als Ikone und drängelt sich mitten ins Publikum. „Das ist das Leipzig, das ich liebe“, stellt er angesichts der Begeisterung fest. Auch mit Devotionalien geht er keineswegs sparsam um, wirft lapidar seinen Becher, dann den Hut, bald einen Teil seines Mantels in die Zuschauerreihen.

Für„Antichrist Superstar“ stellt er sich wie gehabt hinter ein Rednerpult, um inmitten pseudofaschistischer Ästhetik Grimassen zu schneiden und den geschundenen Körper zu winden. „Ich bin die Hydra, ich bin euer Star“, brüllt er. Buhu. Schließlich kündigt er an, zur Feier des Tourauftakts die gesamte Bühne zu zerstören. Als die Musiker nach dem Skandalhit „Coma White“ verschwinden, wartet die Menge noch ein paar Minuten. Ist ja nicht das erste Mal, dass niemand mehr im Rampenlicht steht – muss nichts bedeuten. Erst allmählich breitet sich die Erkenntnis aus, dass nichts mehr passiert. Und dass der Teufel gelogen hat: Die Bühne ist heil geblieben.

Von Mathias Wöbking

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