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Aus alten und aus neuen Zeiten - Dokfilm-Fest und die Frage: Was ist eine Dokumentation?

Aus alten und aus neuen Zeiten - Dokfilm-Fest und die Frage: Was ist eine Dokumentation?

Die alte Diskussion kann wieder aufflammen: Was ist Dokfilm? Das pure Eins-zu-Eins-Abbild der Wirklichkeit, das nur durch Schnitt und Bild-Kadrierung verändert wird? Oder die Nachinszenierung einer Realität, die so oder so ähnlich stattgefunden hat? Puristen gegen Pragmatiker.

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"Optical Axis" von Marina Razbezhkina (Russland): 100 Jahre alte Fotos aus der Zarenzeit treffen auf die russische Gegenwart.

Quelle: Dokwoche

Leipzig. Der Internationale Wettbewerb hatte zwei Tage Filme für beide Richtungen.

Robert Kirchhoff (Slowakei) nahm es klassisch. Er öffnet die Akten eines Kriminalfalls von 1976. Eine Medizinstudentin wurde ermordet, eine Handvoll Männer standen nach fünf Jahren Ermittlungen vor Gericht. Ob sie jedoch Ludmilla abends nach der Disco abgefangen, ins Auto gezerrt, in einem Haus mehrfach vergewaltigt und dann ermordet haben, ist durchaus nicht so eindeutig, wie das harte Urteil (drei Mal Todesstrafe) es glauben machen will.

"Normalization" entdeckt Versäumnisse bei der Polizei, die ein wichtiges Zeugenpaar nicht verhörte, verhängnisvolle Oberflächlichkeiten in der Gerichtsmedizin, die wesentliche Fragen nicht stellte, auch Prozess-Beteiligte, die sich vor der Kamera verstecken. Wenn auch die arabische Linie, auf der nebenbei noch ein irakischer IM enttarnt wird, etwas abenteuerlich anmutet, "Normalization" lebt von seiner hartnäckigen Recherche, bei der Robert Kirchhoff immer wieder im Bild auftaucht, und von der Rekonstruktion der Alltags-Atmosphäre in der CSSR.

Ganz anders: "Stop the Pounding Heart" (USA/Belgien) von Roberto Minervini. Beobachtungen auf der kleinen Farm einer tief gläubigen Familie in Texas. Nicht nur nach dem bäuerlichen Tagwerk wird gebetet, auch in den Gesprächen der Mutter, im häuslichen Unterricht ist viel von Gott und Satan, Sünden und Segnungen die Rede. Die 14-jährige Tochter fühlt sich zu einem jungen Rodeo-Reiter hingezogen, geboren wird daheim, und beim Picknick-Gang tragen die Mädchen altmodische, lange Kleider. Frauen sind dazu da, den Männern zur Seite zu stehen, gibt die Mutter die Geschlechter-Beziehung vor. Die Kamera beobachtet ohne zu werten, ist neugierig, aber nicht aufdringlich, der Schnitt ist behutsam, elegant und fließend. Ein genaues Bilderalbum. Wie aus einer anderen Zeit.

Eine aufregende Reise zu sich selbst, in seine Vergangenheit und in die Gegenwart schwieriger Teenies aus normalem Vorstadthaus ist dem Dänen Jon Bang Carlsen mit "Just The Right Amount of Violence" gelungen. Eine Mischung aus offensichtlicher Inszenierung, innerem Nachdenken und irritierenden Erzählungen. Bullige Männer holen erst einen Jungen, dann ein Mädchen aus ihren Schlafzimmern in L.A., um sie in ein Erziehungscamp in Utah zu bringen. Die Väter haben sie gerufen. Einer, der die RedRock Canyon School durchlebt hat, erinnert sich, während Jon Bang Carlsen durch die Stadt der Engel und der Träume fährt und an seinen Vater zurückdenkt.

Ein dokumentarisches Road Movie über verlorenen Kinder, verlorene Väter und verlorene Hoffnungen. Fakten und Fiktionen, Realität und Reflexion gehen ineinander über - zu einem Drama der Verlorenheit. Diese Bilder bleiben auch lange nach dem Kino im Gedächtnis. Keine Frage: Dieser Dokfilm ist ein Dokfilm - und noch viel mehr.

Ein anderes Erzählen über die Gegenwart pflegt auch Marina Razbezhkina (Russland) in "Optical Axis": Große, 100 Jahre alte Fotos (Obdachlose vor einem Heim, Prostituierte, Fabrikarbeiter, Arztfamilie, Gläubige, Blick in eine Bank in Nishni Nowgorod) treffen auf die Gegenwart - auf Obdachlose, Stripperinnen, Arbeiter, eine medizinische Station, Kirchgänger, Unternehmer und Neureiche in jener Bank. Ein Ton von Resignation klingt an. Verändert hat sich nichts, trotz der Jahrzehnte Sowjetunion. Die Fabrik sieht noch genau so aus wie zur Zarenzeit und könnte als Filmkulisse durchgehen, die Erotiktänzerinnen sind selbstbewusst, die Obdachlosen von heute sind so vergessen wie jene von einst.

Der Reiz dieser Erkundung geht von den Geschichten aus, die von Befragten oder mit der Kamera erzählt werden. Miniaturen einer Gegenwart, die für die einen trist, für die anderen sehr tröstlich ist. Es gibt sehr viel mehr Frauen heute, sagt eine Unternehmerin im Kassenraum in Nishni Nowgorod. Sie leben in größerer Harmonie und Frieden als wir, sagt eine der Gläubigen beim Blick aufs Foto von Alten, Paaren und Kindern vor Holz-Kirche.

Auf eine große Tour über Ländergrenzen hinweg ist Vitaly Mansky mit "Die Trasse" (Russland/Tschechien) gegangen. Ein langer Weg von Urengoy in Sibirien bis Köln, fotografiert in Bildern, die im russischen Teil bisweilen einfach atemberaubend sind. Vitaly Mansky trifft auf Eisfischer mit toten Fischen im Netz, geht zu einer Hochzeit, fährt mit dem Kirchen-Waggon und wandert mit dem Priester in ein abgelegenes Dorf, besucht eine peinliche Frauentagsfeier nach altem Ritual, hört sich Sarkasmen eines Tierarztes an, betrachtet den Protest von Kommunisten gegen eine Straßenumbenennung und erzählt mit faszinierender Virtuosität von einer 8.-Mai-Feier mit Kriegsveteranen. Gorbatschow und Jelzin halten viele für Yankee-Knechte.

Schwächer wird die Reise durch ein Riesenland im Stillstand, wenn Tschechien (Trauerfeier) und Deutschland erreicht sind. In Leipzig gibt es ein Trassentreffen, in Köln nur Karneval, Kostüme und Kölsche Fröhlichkeit.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.11.2013

Norbert Wehrstedt

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