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Aus der Rolle gefallen: Nö-Theater mit Stück über den Verfassungsschutz im UT

Aus der Rolle gefallen: Nö-Theater mit Stück über den Verfassungsschutz im UT

Gäbe es den Verfassungsschutz nicht, müsste man ihn glatt erfinden. Der unter diesem Tarnnamen firmierende Inlandsgeheimdienst liefert immerhin seit seiner Gründung vor 64 Jahren beständig beste Vorlagen für absurdes Theater - wie etwa am Dienstagabend im UT Connewitz.

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"Das ist doch alles längst bekannt!": Asta Nechaujute, Talke Blaser und Felix Höfner im UT Connewitz.

Quelle: André Kempner

Das Kölner Nö-Theater errichtet dem Bundes- und den 16 Landesämtern mit seinem Stück "V wie Verfassungsschutz" ein angemessenes Denkmal. Nicht umsonst erklingt bei dem Gastspiel unter Regie von Janosch Roloff mehrfach das entsprechende Lied von Wir sind Helden mit der Aufforderung, den Vorschlaghammer zu holen und die Trümmer nachts mit Parolen zu beschmieren.

Doch solch ein Akt des Vandalismus ist kaum zu befürchten. Immerhin sind drei Viertel der Bürger von der Notwendigkeit des Verfassungsschutzes überzeugt - zumindest laut einer vorgetragenen Selbstauskunft des Bundesamtes. Möglicherweise ein Verdienst von Leo Lupix? Auch das ist wieder so eine Steilvorlage für die eher grau-verzweifelte als bunt-fröhliche Geheimdienstrevue. Bevor Talke Blaser mit einem Vogelkopf aus Pappmaché das lustige VS-Maskottchen gibt, rast Felix Höfner erst mal verzweifelt über die Bühne. "Das ist doch alles längst bekannt!", schreit er immer wieder. Hinter ihm eine mit unzähligen Zeitungsartikeln über den NSU-Komplex und die anrüchige Rolle des Verfassungsschutzes dekorierte Leinwand. Bücher zum Thema gibt es auch genug, ein paar davon werden eingangs wütend in eine Ecke gepfeffert.

Dass die Schauspieler auf diese Weise immer wieder aus ihrer Rolle fallen, ist zwar wenig originell, macht aber doch eine Stärke der Inszenierung aus. Auch den Zuschauern bleibt oft genug das Lachen im Halse stecken. Blaser, Höfner und Asta Nechaujute schlüpfen ständig in neue Rollen. Mal stellen sie das Anwerben und "Führen" von V-Leuten nach: Untermalt von Marianne Rosenbergs "Er gehört zu mir" kommen sich Bomberjacken-Klausi und Trenchcoat-Peter dabei immer näher. Mal sind sie Vertreter des Aussteigerprogramms "Janus", das für den Ausstieg aus der "V-Mann-Szene" wirbt. Oder haben wir es hier doch eher mit einem Agent-Provocateur-Theater zu tun? Es wird jedenfalls aufmerksam registriert, wer sich im Publikum verdächtig benimmt. Also besser nicht nach dem Formular zum Auskunftsersuchen über gespeicherte Daten beim Verfassungsschutz greifen, das sich angeblich unter dem eigenen Sitz befindet. "Kleiner Scherz!"

Auch als Unternehmenstheater zur Verbesserung der Stimmung im Amt würde sich das Ensemble gut machen. So lustig wie bei Helmut Roewer, dem früheren Präsidenten des Thüringer Landesamtes, geht es dort mittlerweile sicher nicht mehr zu. Die Eskapaden des gern mit Pickelhaube auftretenden Spitzenbeamten sind durch den Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss öffentlich geworden. Die Nö-ler belassen es aber nicht beim Nachstellen dieser Episoden, sondern legen gekonnt die inneren Abhängigkeitsverhältnisse in dieser offenbar jeder äußeren Kontrolle entzogenen Behörde offen.

Selbst die fünf peinlichsten Fälle des Verfassungsschutzes werden mit einer unglaublichen Spielfreude dargeboten. Dabei stehen der Schmücker-Mord, der Agent Provocateur Peter Urbach, das sogenannte Celler Loch ("Aktion Feuerzeuber"), das wegen der involvierten V-Männer abgebrochene NPD-Verbotsverfahren und schließlich der NSU nicht nur für geradezu groteske Aktivitäten der Schlapphüte, sondern auch für die konkrete Schädigung derjenigen, die der VS angeblich schützt. Zwar mussten wegen den heiß gelaufenen Akten-Schreddern nach Auffliegen des NSU einige "Kollegen" bei den Ämtern zurücktreten. Dass dabei kaum einem eine ernsthafte Entschuldigung über die Lippen gekommen ist, kontrastieren die Schauspieler zum Schluss mit ihren Eindrücken von den Tatorten der Nazibande in Nürnberg, Kassel, München und Dortmund. Der (nicht vorhandene) Vorhang zu und neben viel Applaus auch weiter viele Fragen offen.

www.noetheater.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.05.2014
Frank Schubert

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