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Ausblicke ins Offene - Ausstellung der Meisterschüler in der Leipziger HGB

Ausblicke ins Offene - Ausstellung der Meisterschüler in der Leipziger HGB

20 Meisterschüler aus vier Fachrichtungen sind es, die in diesem Jahr ihr zweijähriges Zusatzstudium abgeschlossen haben, zwei davon bereits im Frühjahr. In Festsaal, Lichthof und Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) kann man sich jetzt - nicht ganz komplett - die Resultate ansehen.

Leipzig. Eines fällt schon in der Ankündigung der diesjährigen Abschlussausstellung auf: Grafik und Buchkunst, jene namensgebenden Bereiche der Hochschule sind ausgesprochen schwach vertreten. Dass Maximilian Sauerbier als einziger Absolvent dieser Fachrichtung mit der Arbeit für die Exposition nicht ganz fertig geworden ist, unterstreicht noch den Eindruck, dass wenige Monate vor dem 250. Geburtstag der ehrwürdigen Bildungseinrichtung jene angewandten Sparten, die in der Geschichte ein gewisses Alleinstellungsmerkmal bildeten, gegenwärtig zur Disposition stehen.

Teilweise kann die Fotografie in ihrer Zwitterrolle zwischen dienender und autonomer Kunst aushelfen. Da gab es zumindest fünf Meisterschüler. Sachlich illustrierend, gar etwas bieder sehen die schwarzweißen Aufnahmen von Andreas Enrico Grunert aus. Der französische Titel "Bois de Pins" reicht noch nicht zur Erklärung, was es mit diesen menschenleeren Parklandschaften auf sich hat. Dieser Pinienwald ist der Stadtpark von Beirut, ein Dreieck zwischen Quartieren verfeindeter Volksgruppen. Nach Zerstörung und Wiederaufforstung ist er heute gesperrtes Territorium, ein Paradies der Verheißung. Dadurch bekommt die Postkartenidylle eine politische Ebene.

Verlassenheit anderer Art stellen die Bilder von Ulrike Hannemann dar. In ihrer Heimatstadt Wittenberg hat sie 617 triste Garagen und deren Umfeld abgelichtet, reiht ihr Schaffen damit in jene in der deutschen Fotografie der Gegenwart so wirkmächtige Becher-Tradition des Katalogisierens ein. Soziologischer und lebendiger zugleich ist das Langzeitexperiment Paul Kranzlers. Als Teenager hat er Leute seiner Altersgruppe fotografiert. Heute ist er Anfang 30, lichtet aber immer noch Heranwachsende auf herkömmlichem Film ab, kann so zeitliche Verschiebungen im Habit dokumentieren.

In ihrer raumgreifenden Art sind viele Arbeiten von Medienkünstlern die eigentlichen Hingucker der Ausstellung. So hat Anna George Lopez die Fülle an Stadtgrün in Leipzig im Kontrast zu ihrer Heimatstadt Paris auf verschiedene Weise thematisiert. Dazu gehören ein Text mit Anspielungen auf Hamlet, Thron und Tafel aus geschwärztem Holz, ein Video und eine leere Bautafel, welche die Verwandlung der Bäume in Baumaterial symbolisiert.

Eine alchimistische Versuchsanordnung hat Chris Bierl im Zentrum der Galerie aufgebaut, aus vielen Ingredienzen bestehend. In ihrer Statik traut man ihr aber nur schwer wundersame Verwandlungen zu. Wandlungen finden sich aber in der Werkgruppe von Tilman Aumüller. Dem Anschein nach müsste auch er Medienkünstler sein, doch eigentlich hat er Malerei in Mentorschaft Heribert C. Ottersbachs studiert. Aumüller hat Bilder Mondrians dechriffriert, in Texte übersetzt. Mit diesem Alphabet baut er dann aus angemaltem Holz neue Aussagen in den Raum.

Die meisten seiner Kollegen sind wirklich malerisch, bestätigen aber den schon bei der diesjährigen Diplomausstellung erkennbaren Trend zur Neuen Unverbindlichkeit. Selma von Panhuis schichtet unscharfe Geometrien übereinander, Katharina Schilling portiert isolierte Seifenstücke. So wie Ulrike Hannemann hat sich Eva Gaeding triste Vorortmotive ausgewählt, erhebt sie aber durch klassisch-farbenfrohe Aquarelltechnik in eine andere Sphäre.

Ganz altmeisterlich erscheint die weite Sommerlandschaft von Markus Matthias Krüger. Doch hier liegt die Raffinesse in der Konstruiertheit der Natur, die Reißbrettfelder sind ein modernes Pendant zu Breughels holländischen Bergen. Nicht fehlen darf schließlich noch eine Hinterfragung der Grundlagen heutiger Kunstproduktion. Sie kommt diesmal von Franziska Reinbothe, die Leinwände umdreht oder zerknüllt. Die Beliebtheit dieser Frage liegt darin, dass keine verbindliche Antwort möglich ist.

Insgesamt zeigt die Meisterschülerausstellung viel Können, viel Wollen und eine Hochschule, deren Profil am Ende des ersten Vierteljahrtausends unschärfer ist als in vergangenen Jahrzehnten.

Hochschule für Grafik und Buchkunst, Wächterstr. 11; bis 26. Oktober, Di-Fr 14-18 Uhr, Sa 12-16 Uhr

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.10.2013

Jens Kassner

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