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Ausgebremst - Christoph Heins Roman „Weiskerns Nachlass“ spielt in Leipzig

Ausgebremst - Christoph Heins Roman „Weiskerns Nachlass“ spielt in Leipzig

Einmal im Monat spielt Rüdiger Stolzenburg mit Freunden Billard. Anfangs trafen sie sich dafür im Beyerhaus, einer verräucherten Leipziger Innenstadtkneipe, „aber zu oft wurden sie dort von Studenten angesprochen, die diesen oder jenen Dozenten erkannten.

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In seinem neuen Roman „Weiskerns Nachlass“ führt Christoph Hein in die Arbeits- und Beziehungskrisen eines nicht mehr jungen Wissenschaftlers.

Quelle: dpa

Leipzig. ..“

Nun spielen sie ungestört in einer unbelebten Gegend in der Nähe der Bahngleise. In dieser freiwilligen Ab- und Ausgrenzung spiegelt sich die Situation dieser gleichaltrigen Männer, die fast alle an der Universität beschäftigt sind und von denen nur einer, ein Gymnasiallehrer, eine richtige feste Stelle hat.

Der Dozent mit dem sprechenden Namen Stolzenburg hat nur eine halbe Stelle und keine berechtigten Hoffnungen, dass sich daran noch etwas ändert. Er unterrichtet Literatur und Kunsttheorie, hält Seminare über Shakespeare und zitiert gern Konfuzius. Wir lernen ihn kennen am Morgen seines 59. Geburtstags, als vom Institutsleiter wieder nur warme Worte kommen, die erstmals nicht mal mehr ein Versprechen enthalten.

„Es ist nicht sehr angenehm, ein alter Mann zu werden, und nichts erreicht zu haben“, sagt Stolzenburg, der körperliche Gebrechen zwar fürchtet, aber noch gut in Schuss ist - „kein Fett, keine Falten“, bestätigt ihm seine jüngere Freundin Patrizia. Er fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, den Laptop im Rucksack. Sein Problem ist die fehlende Perspektive als Wissenschaftler und Lehrer. An der Uni gilt das Institut für Kulturwissenschaft als Belastung, weil es kein Geld bringt oder, wie im Studiengang Ethik, nicht die erforderliche Zahl an Studenten. Es steht also schlecht um die Geisteswissenschaften. Und wie steht es um den Geist? Nicht besser.

Wenn Christoph Hein, Jahrgang 1944, der in Leipzig Philosophie studiert hat, seinen Roman in dieser Stadt ansiedelt, geht es ihm nicht nur um die Krise des Wissenschaftsbetriebs in Deutschland, sondern auch um ein Hinterfragen mit dem kritischen Geist der Ost-Sozialisation. Stolzenburgs Eltern hatten einen Ausreiseantrag gestellt und sind von Meiningen nach Flensburg übergesiedelt. Nun zieht es sie ein letztes Mal weiter: ins Altenheim nach Dänemark, weil es dort „viel besser und netter“ ist.

Für Stolzenburg bedeutete die Ausreise seiner Eltern damals ein erstes Ende einer akademischen Laufbahn. So war er von Berlin nach Leipzig gekommen. Und später dann, in den ersten Jahren am Institut, ein ehrgeiziger, bewunderter Dozent. „Er war nicht immer so übersättigt und zynisch gewesen.“

Doch jetzt, da man ein Diplom nicht mehr „mit Fleiß und bestandenen Prüfungen erwerben“ muss, sondern es, etwas Geld vorausgesetzt, „auch vor einem  Gericht erstreiten“ kann, lebt er quasi von der Hand in den Mund. Auch im existenziellen Sinn. Er hält sich mit Vorträgen, Aufsätzen und Rezensionen über Wasser, und als ihn das Finanzamt mit einer Steuernachforderung von knapp 11500 Euro überrascht, wird es wirklich eng für Stolzenburg. Die Folgen eines Berechnungsfehlers bringen ihn mit der Gegenwart zusammen: Klemens Gaede, Steuerberater und „fabelhaftes Schlitzohr“, der an der Börse spekuliert und für das Geld, das Stolzenburg im Monat verdient, nicht einmal aufstehen würde.

Dieses ungleiche Paar lässt Hein um den Wert von Arbeit streiten. Bildungsbürgertum trifft auf geschäftstüchtige Moral. „Es gab immer schon Arbeiten, die nicht oder schlecht bezahlt wurden und die dennoch wichtig waren“, sagt Stolzenburg. „Und es gab immer Leute, die solche Arbeiten übernahmen. Zum Glück.“ Für Gaede wiederum geht es vor allem darum, die Katastrophen „im Griff“ zu haben. Es macht Stolzenburg nicht glücklicher, auf jemanden wie ihn angewiesen zu sein. Noch schlimmer wird es, als ein Student ähnlichen Kalibers ihn zu einer Millionärs-Party der Batterie- und Akku-Branche, nun ja, nötigt.

Stolzenburg stammt aus einer anderen Welt, einem Paralleluniversum, aus der Vergangenheit. In der liegt auch sein Forschungsgegenstand: Er träumt von einer Gesamtausgabe aller Werke und Briefe des aus Sachsen stammenden Schauspielers, Autors und Topographen Friedrich Wilhelm Weiskern (1711-1768), Librettist von Mozarts „Bastien und Bastienne“. Diese Leidenschaft verwickelt ihn in eine vertrackte Geschichte sowie Bittsteller-Gespräche mit Verlegern und Geldgebern. Freilich ohne Erfolg.

Macht Hein die Zeitgeistfrustration seines Helden an Bildungsmisere und kulturellem Verfall fest, gibt er ihm in Beziehungsdingen ein bisschen Leine. Stolzenburg mag und schätzt Frauen, ein Zusammenleben aber kommt für ihn nicht mehr in Frage. Er ist gern allein. Ein halbes Jahr ist er jetzt mit Patrizia zusammen, die im Hinterzimmer eines Friseursalons ein Maniküregeschäft betreibt und ihn anbetet. „Sie war ihm stundenweise angenehm, bot leichten, brauchbaren Sex, war recht niedlich und kaum anstrengend.“

Eine Beziehung ist für ihn „eine Freundschaft mit Bettlaken, nicht mehr, allerdings auch nicht weniger. Die Poeten und die Pfaffen haben sie mit einem Mythos umgeben, sie zu etwas Überirdischem verklärt, was das Ganze unbeweglich machte und schwerer zu handhaben als nötig.“ Als er Opfer einer brutalen Mädchenbande wird und ihn eine grundsätzliche Verunsicherung ausbremst, tritt Henriette in sein Leben und macht ihn wieder übermütig.

Christoph Hein zeigt einen von einigen bösen Geistern bedrängten Mann, der an seinen Maximen festhalten will und muss, wenn er den Faden verliert, der ihn durch die wirtschaftspolitische Gegenwart leitet. Weil die sich vor allem mit Zumutungen an ihn wendet, mag er die Welt nicht mehr verstehen. Davon erzählt dieser Gesellschaftsroman mit Verve und Wut.

Janina Fleischer

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