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Außenseiter unter uns - der große Georg Kreisler ist tot

Außenseiter unter uns - der große Georg Kreisler ist tot

Der österreichische Kabarettist, Musiker und Schriftsteller Georg Kreisler ist tot. Er starb am Dienstag im Alter von 89 Jahren in Salzburg an  einer schweren Infektion.

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Georg Kreisler ist tot.

Quelle: Daniel Karmann

Leipzig/Salzburg. Kreisler war ein Meister scharfsinniger Texte und des schwarzen Humors, dabei immer unbestechlicher Kritiker der Zeit. Noch in diesem Jahr war Kreisler auf Lesetournee. Mit seinem Tod endet eine Ära.

„Ich glaube nicht, dass ich mir sympathisch wäre, wenn ich mich auf einer Cocktailparty träfe“, hat er selbst gesagt. Einfach war es nie mit ihm. Gern und unbeirrbar hat sich Georg Kreisler zu seiner Unzufriedenheit bekannt. „Ich glaube, wir leben in einer Kunstpause“, schrieb er in seiner Autobiographie „Letzte Lieder“ (2009) und rechnet ab mit dem Kulturbetrieb, Kollegen, Wien. Mit bürgerlichem Kleingeist, nationalistischem Größenwahn, mit Amerika, Österreich und dem ganzen vergangenen Jahrhundert. Seine Achtung und Liebe galten der Kunst, seine Verwunderung dem Umgang damit. „Die Entdeckung, dass die Kunst versucht, uns die Wirklichkeit plausibel zu machen, ist etwas Grandioses. Damit ist mein Leben eigentlich schon erzählt.“

Provoziert hat er immer – mit Bühnenstücken („Heute Abend Lola Blau“), Texten, dem Roman „Ein Prophet ohne Zukunft“, einer Oper („Der Aufstand der Schmetterlinge“). Dabei  hat er Erwartungen gleichzeitig bedient und unterlaufen, vor allem mit den Liedern: „Ich sing von Frühling und von Liebeslust im Grünen,/ auch von Politikern und manchem krummen Ding./ Die Leute lachen, und sie klatschen wie Maschinen,/ aber ihnen/ ist es vollkommen egal, warum ich sing.“

Kreisler wusste, dass die makabren Lieder Erfolg hatten, weil man sie komisch fand. „Man lachte, weil sie eine Wirklichkeit beschrieben, die noch nicht die Realität war.“ Die subtile Satire öffnet eine Tür zur Hölle, aus der das Kichern des Teufels hallt, der das dicke Ende kennt. Über die Wirklichkeit, hat Kreisler gesagt, lässt sich immer reden. Von der Wahrheit aber soll man schweigen. Oft wurde er, vor allem in Österreich, aber auch in Deutschland, boykottiert und zensiert. Inzwischen, schrieb er, sei man klüger, es werde nicht mehr verboten, sondern verharmlost.

Einerseits gibt es Generationen, die ihn zutiefst verehren, die sein lyrisches Temperament lieben und seine klaren Worte schätzen. Die beeindruckt sind von der Kraft seine Sprache, seiner Musikalität und der Zeitlosigkeit der sozialkritischen Texte. Andererseits gibt es viele, die ihn nicht kennen. Es ist nicht leicht, Aufsehen zu erregen. „Im Kontext der Zeit sind Tabubrüche Standard geworden, viele suchen förmlich danach“, sagte gestern der Kabarettist Horst Schroth. Doch während es im Mainstream vor allem darum gehe, Krach zu machen und zu beleidigen, war Kreislers Angriffslust erklärbar „durch seine Biographie und seine persönliche Geschichte“.

Schlagartige Berühmtheit

Kreisler wurde am 18. Juli 1922 als Sohn eines Rechtsanwalts in Wien geboren, 1938 floh die jüdische Familie vor Hitler nach Hollywood. Nach seiner Entlassung aus der US-Army zog Kreisler nach New York, 1955 nach Wien, drei Jahre später nach München, 1976 nach Berlin und schließlich nach Basel, wo er 15 Jahre lebte. Dazwischen lagen Aufenthalte in Kalifornien, seit 2007 wohnte er mit seiner Frau Barbara Peters, Interpretin seiner Lieder, in Salzburg. Ohne den Zugzwang, mutmaßte er später, wäre er vielleicht kein Künstler geworden. Auch wenn er immer um Anerkennung kämpfen musste – oder zumindest das Gefühl hatte.

Ein erster Paukenschlag war das Lied „Gehen wir Tauben vergiften im Park“, das ihn 1956 schlagartig berühmt gemacht hat, obwohl und weil die Rundfunkstationen sich dem Song verweigerten, der mit vorgetäuschter Idylle in die Irre führt, ins Herz verlogener Gemütlichkeit zielt. Diese Popularität war ihm natürlich genauso suspekt, wie er unversöhnlich war im Streit mit dem österreichischen Kollegen Gerhard Bronner, wer der Urheber der „Tauben“ sei.

Mit Bronner, Hans Weigel, Peter Wehle und Helmut Qualtinger ist Kreisler 1955, nach der Rückkehr aus Amerika, in der Wiener Marietta-Bar aufgetreten – erstmals mit deutschsprachigen Chansons. Doch er musste erfahren, dass ein Einwanderer ein Fremder bleibt, auch wenn er in sein Geburtsland zurückkehrt. „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“, heißt das Lieder zu dieser Enttäuschung.

Ein Multitalent

Oft sprach er, als sei er nie geliebt, nie verstanden, nie bewundert worden. Das gehört zum großen Unbehagen, das ihn kreativ und produktiv gemacht hat. Tatsächlich wurde Kreisler weder von den Österreichern noch den Deutschen besonders innig umarmt. So konnte er auch nicht erdrückt werden. „Freiheit hat mit Deutschland selbstverständlich was zu tun – sofern man wirtschaftlich dazu was beiträgt! Manche müssen unfrei bleiben“, heißt es in „Meine Freiheit, Deine Freiheit“, das zu den bekannteren Liedern gehört wie „Please Shoot Your Husband“, „Als der Zirkus in Flammen stand“ oder „Der Musikkritiker“.

Kreisler gehörte als Komponist, Dirigent, Kabarettist, Schriftsteller, Pianist, Sänger zu den Multitalenten, wie sie rar werden. Sein Werk hat längst ein Eigenleben entwickelt, wenn andere Künstler es auf die Bühnen bringen: Tochter Sandra Kreisler, Tim Fischer oder Georgette Dee singen seine Lieder, und auch die Leipziger Kabarettistin Anke Geißler fühlt sich „sehr geehrt, seine unsterblichen Chansons interpretieren zu dürfen. Künstler wie ihn, die über Jahrzehnte hinweg ein Publikum bewegen und begeistern können, wird es bald nicht mehr geben.“

Geschult in seinem Spott werden Menschen skeptisch, geschärft an seinem Witz werden Worte Waffen. So etwas verbindet. Und so war er auch ein Außenseiter, der Zusammenhalt stiften konnte. Eine Legende.

„Eine Legende ist man erst, wenn man tot ist“, hat Georg Kreisler gesagt.

Janina Fleischer

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