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Ausstellung Party-Pieces: Grinsen für Cage

Ausstellung Party-Pieces: Grinsen für Cage

Die Surrealisten nannten es "Cadavre exquis" - erlesene Leiche. So absurd wie der Name scheint auch die Methode zu sein: Viele Leute schaffen gemeinsam ein Kunstwerk, kennen aber nur ein kleines Endstück der Arbeit des vorherigen Beteiligten.

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Quelle: kfm

Leipzig. Während so ursprünglich Texte oder Zeichnungen generiert wurden, nutzte John Cage das Verfahren, um gemeinsam zu komponieren. Als "Party Pieces" bezeichnete er die Resultate.

 Für Kurator Sebastian Vaske vom Forum Zeitgenössische Musik Leipzig war es zunächst keine künstlerische, sondern eine gewaltige organisatorische Leistung, für diese neuen Party Pieces eine dreistellige Zahl von Komponisten zu gewinnen und zu koordinieren. "Das Team hat sich etwa ein halbes Jahr lang Musik von Leuten angehört, die in Frage kommen könnten. Sie sollen einen engen Bezug zu Cage haben, wir wollten weder Pop noch Klassik einbeziehen." Zudem müssen sie ihren Wohnsitz entweder in Deutschland oder den USA haben beziehungsweise gehabt haben. Trotzdem finden sich viele asiatische, slawische oder südeuropäische Namen unter den Beteiligten. Die Resonanz auf die Anfragen war überraschend hoch, 125 Komponisten sind vertreten, auch wenn ein Brief noch verschollen ist.

 

Cage war bekanntlich ein Nonkonformist, der Regeln vorsätzlich ignorierte und Grenzen einriss. Der erste Eindruck von der Ausstellung ist im Verhältnis dazu recht konventionell. Ordentlich in Zweierreihen ausgerichtet hängen die Partituren an den Wänden der Galerie. Auch in der Herangehensweise waren einige Vorgaben unvermeidlich. So sind die zehn Instrumente festgelegt, die einbezogen werden können. Und diese dürfen nicht so manipuliert werden, wie Cage es unter anderem mit dem Konzertflügel gern machte.

 Trotz dieser Einschränkungen nahmen sich die Musiker, wie nicht anders zu erwarten, viele Freiheiten. Nur aus der Fernsicht sehen die Blätter gleichförmig aus, im Detail zeigen sie 125 sehr verschiedene Persönlichkeiten. Jeder durfte maximal fünf Takte notieren oder eine Minute ausnutzen. Der Nachfolgende erhält den letzten Takt zugeschickt, oder bei den Taktlosigkeiten einen vom Künstler festgelegten Endabschnitt. Daran soll dann angeknüpft werden, oder auch nicht.

 Obwohl eine Woche Frist für solch eine Arbeit knapp erscheint, mussten fünf parallel vorgehende Gruppen gebildet werden, um das Projekt innerhalb eines Jahres realisieren zu können. Für die Zuordnung zu den Gruppen und die Festlegung der Abfolge benutzte Vaske wiederum ein Verfahren, das schon Cage für die Einführung des Zufalls als kreatives Mittel etablierte. Der Wurf von drei Münzen dient als Orakel gemäß dem altchinesischen I Ging. Eine simple Auslosung wäre auch machbar gewesen, hat aber nicht diese magische Aura.

 Manche Blätter haben durchaus Ähnlichkeit mit Partituren, wie man sie gewohnt ist. Trotz des Zufallsprinzips habe sich sogar ein wiederkehrendes Leitmotiv gefunden, so Vaske. Für mehrere Komponisten war es naheliegend, den Namen Cage als Noten- oder Akkordfolge zu lesen. Andere weichen viel stärker von der Tradition ab. Byron Au Yong aus Seattle etwa geht ausgesprochen sparsam vor. Statt gewöhnlicher Noten gibt er nur wenige Instruktionen wie "Kiss your Instrument 5 x". Keeril Makan aus Cambridge hat einen exakten Kreis gezeichnet. Wie die darin eingeschlossene Note innerhalb einer Minute vom Akkordeon zu fünf anderen Instrumenten übergeht, ist eine Leistung der Interpretation. Kurios ist das Schicksal der Arbeit von Joan La Barbara. Es trägt sichtbar die Spuren des Hurricans Sandy, in den der Brief geriet.

 Wieder andere Künstler schienen sich bei der Arbeit bewusst zu sein, dass es nicht nur um Musik geht, sondern die ausgestellten Blätter auch grafische Werke sind. Am weitesten treibt dies der Berliner Georg Klein. Statt irgendwelcher Anweisungen hat er ein Porträt John Cages gezeichnet - natürlich mit einem Lachen. Gerade dieser Humor ist es ja, der den US-Avantgardisten von vielen Kollegen unterschied, die meinten, der unterdessen auch schon 100-jährigen Neuen Musik nur mit Adornoscher Verbissenheit begegnen zu können. Bei diesem heutigen Projekt aber scheint das Grinsen des Mannes mit der Pudelmütze ein Grundgeräusch zu bilden.

 Weder die zehn Musiker, noch der Dirigent Richard Carrick, selbst als Komponist beteiligt, sind um ihre Aufgabe zu beneiden, die Party Pieces am 17. Oktober im New Yorker Miller Theatre uraufzuführen. Auch in Leipzig soll das Werk zu hören sein, wann, steht aber noch nicht fest.

 Cage100 - Finale Exhibition; Galerie für Zeitgenössische Kunst, Karl-Tauchnitz-Str. 9-11., bis 22. September; Di-Fr 14-19 Uhr, Sa-So 12-18 Uhr; 28.8., 19 Uhr, Werk 2: Christian Brückner liest Cage; 30./31.8., 20 Uhr, Werk 2: "Europera 5" Tickets gibt's unter Tel. (0341) 246 56 83; www.cage100.com

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.08.2013

Jens Kassner

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