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Ausstellung in Halle 14: Ein Wald, durch den Europa geistert

Der Künstler CHTO alias Camille de Toledo und seine politische Installation Ausstellung in Halle 14: Ein Wald, durch den Europa geistert

Birkenstämme, die aus dem Boden ragen, Vogelzwitschern: In Halle 14 der Leipziger Baumwollspinnerei hat ein unter dem Pseudonym CHTO firmierender Künstler einen 1000 Quadratmeter großen Wald geschaffen. Doch etwas stimmt hier nicht: Immer wieder erfüllt ein unheimliches Raunen den Raum. Und wer ist eigentlich CHTO?

In Halle 14 der Leipziger Baumwollspinnerei ist ein Wald entstanden, aber eigentlich geht es um Europa.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Wer schon einmal an einem frühen Morgen in einem Wald aufgewacht ist, kennt vielleicht dieses Gefühl absoluten Friedens und vollkommener Reinheit. Im zweiten Stock der Halle 14 in der Leipziger Baumwollspinnerei zwitschern Vögel. Es riecht nach Herbstlaub, das überall auf dem Boden liegt. Der Weg führt vorbei an Birkenstämmen, die in der gesamten Halle zwischen Stahlträgern aus dem Boden ragen. Und das durch die Fenster einfallende Licht erzeugt den Eindruck, man wäre draußen. Nur der Wind fehlt. Eine Wald auf 1000 Quadratmetern. Doch – schließlich befinden wir uns in einer politischen Installation – auch diese Idylle trügt. Schnell wird aus dieser Ahnung Gewissheit, wenn düsteres Raunen und aggressives aus vielen Kehlen kommendes Geschrei mal von hier, mal von dort durch die Halle wandert. Ungreifbar, unheimlich.

„Europa / Eutopia“ heißt diese so einfache wie rätselhafte Ausstellung eines Künstlers, der unter dem Kürzel „CHTO“ firmiert. Es ist nur eine von mehreren Masken des 1976 in Lyon geborenen Alexis Mital, der mütterlicherseits aus einer französischen Großindustriellenfamilie stammt. Sein Großvater Antoine Riboud war Gründer des Danone-Konzerns. Väterlicherseits wiederum hat er jüdisch-spanische Wurzeln, worauf sein bekanntestes Pseudonym anspielt: Camille de Toledo. Unter diesem Namen hat er das 2005 in Deutschland erschienene „Goodbye Tristesse“ geschrieben, ein leidenschaftliches Plädoyer gegen den Kapitalismus, der sich längst auch die Rebellion einverleibt hat, – und für eine „semantische Guerilla“, die sich der Poesie und einer „Romantik mit offenen Augen“ verschrieben hat. Der Künstler arbeitet auch als Fotograf, Filmemacher und Musiker. 2013 schrieb er das Libretto für die Oper „La Chute de Fukuyama“ (Der Fall von Fukuyama) über die Anschläge des 11. September 2001. Heute lebt und arbeitet er in Berlin

Ein vielseitiger, ein umherschweifender Geist, der nach „Die potenzielle Ausstellung“ (März 2015) und „History Reloaded (Mai) bereits die dritte Schau in der Leipziger Industriehalle zeigt. Im April 2016 soll „Capitalist Melancholia“ zu sehen sein. „Europa / Eutopia“ konfrontiert die utopische Idee unseres Kontinents mit seiner Realität. Letztere beschreibt CHTO so: „Europa hat einen Punkt erreicht, an dem es nurmehr eine hegemoniale Technostruktur ist, entworfen als Paradies für Unternehmen und fußend auf eindeutig undemokratischen Prozessen. Dabei versucht es, seine Einheit und Identität über eine mörderische Migrationspolitik zu definieren. Europa steht für ein System aus Zwängen und Entmachtung. In diesem Sinne verstehe ich die europäische Idee als totale Dystopie“, sagte er über die Ausstellung im Juni. Und entweder bleibe man „bei der alten Fixierung auf Nationalstaaten und -Identitäten. Oder wir begründen das Konzept ,Europa’ neu, indem wir bei unseren migrantischen Geschichten ansetzen, bei unseren Überquerungen“.

All dies kann man in der alten Industriehalle herumgeistern sehen und hören. Für die rotierende Soundinstallation hat der 39-Jährige Stimmengewirr von Flüchtlingen an europäischen Grenzen sowie von Demonstranten auf Pegida-Veranstaltungen aufgenommen. Die großen an den Wänden aufgehängten Spiegel haben Sprünge. Fotos zeigen Bäume – unscharf, geisterhaft vor abendlichen Blau. In einem Video drehen sich die Wipfel. Der Wald, der für CHTO das „Königreich der Kindheit“ ist, besteht hier nur aus Birken-Torsos. Und als ob in diesem Metaphernforst nicht schon genug Bedeutung lauern würde, stehen an der Wand in Neonschrift die Worte „Dystopia“ und „Utopia“, dazwischen – wie die harmlose Abstraktion einer Grenzanlage - ein aus Birkenstämmen gebautes Klettergerüst. „Espoir“ (Hoffen) heißt es vor einer verlassenen Feuerstelle. Wir können wohl schließen: Europa dreht sich um sich selbst, hat einen Sprung, ja ist nurmehr eine unscharfe Chimäre – oder schlicht Asche.

Es raunt und mythelt also durchaus in dieser Schau, die noch bis 15. Dezember zu erleben ist. Und doch ist diese Kunst nicht überladen, bricht die Installation nicht unter ihren Aussagen zusammen. Entstanden ist ein Ort der Gefühle, der Schönheit und Leichtigkeit wie der Bedrohung und Schwermut.

Man darf in der Halle schlafen. Matratzen liegen bereit. Schöne Träume werden allerdings nicht garantiert.

Europa / Eutopia: Bis 15. Dezember in der Leipziger Baumwollspinnerei (Spinnereistraße 7), Halle 14, 2. Etage, geöffnet Fr und Sa, 13–19 Uhr (auf Anfrage mit Übernachtung im Ausstellungsraum)

Von Jürgen Kleindienst

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