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Auswärtiges Amt sagt Aufführung von Dresdner Armenien-Stück in Istanbul ab

Dresdner Sinfoniker Auswärtiges Amt sagt Aufführung von Dresdner Armenien-Stück in Istanbul ab

Die Dresdner Sinfoniker laden zu einem Stück über den «Völkermord» an den Armeniern ins Generalkonsulat Istanbul ein, das Auswärtige Amt sagt die Aufführung ab. Die Bundesregierung wendet damit Streit mit der Türkei ab - erntet dafür aber Prügel in Deutschland.

Aghet-Aufführung der Dresdner Sinfoniker (Archivbild)

Quelle: dpa

Leipzig. Der Kaisersaal im deutschen Generalkonsulat in Istanbul ist ein imposanter Veranstaltungsort. Von der meterhohen Decke hängt ein gewaltiger Kronleuchter, das historische Parkett ist mit kunstvollen Mustern verzieht. Die Dresdner Sinfoniker haben dort bereits 2014 auf der Bühne gestanden - und wollten das im kommenden Monat wieder tun: Diesmal mit ihrem Stück «Aghet» zum «Völkermord an den Armeniern». Kein Thema hat die deutsch-türkischen Beziehungen in der jüngsten Vergangenheit mehr belastet als dieses, neuer Streit ist programmiert gewesen. Das Auswärtige Amt hat nun die Notbremse gezogen - und die für den 13. November geplante Aufführung abgesagt.

Kritiker, die der Bundesregierung vorwerfen, sich dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan für dessen Entgegenkommen in der Flüchtlingskrise zu beugen, sehen sich in ihrer Haltung bestärkt. Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht wirft der Bundesregierung einen erneuten «Kotau» vor Erdogan vor. «Peinlich!», schrieb sie auf Twitter. «Wird die Politik der Bundesregierung in Ankara gemacht?» Der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour spricht von einer «Bankrotterklärung der Türkei-Politik einer Regierung, die aus Angst vor Flüchtlingen nur noch vor Erdogan kuscht».

Völkermord an den Armeniern ist in der Türkei ein rotes Tuch

Ein neuer Streit in den ohnehin konfliktreichen Beziehungen mit der Türkei ist durch die Absage allerdings abgewendet. Nicht nur Erdogan-Anhänger lehnen eine Einstufung der Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich vor gut 100 Jahren als Völkermord strikt ab. Eine überwältigende Mehrheit der Türken sieht das ebenso. «Aghet» - mit Mitteln der EU und des Auswärtigen Amtes gefördert - sorgt schon seit Monaten für Ärger. Die Türkei hat bereits bei der EU gegen das Projekt interveniert - das auch der Grund dafür gewesen sein soll, warum Ankara aus dem EU-Kulturprogramm ausgestiegen ist.

Der geplante Ort der Aufführung in Istanbul - die diplomatische Vertretung Deutschlands - hätte aus Sicht der Türkei nur als Affront aufgefasst werden können. Zudem hat sich die Bundesregierung nach Lesart Ankaras gerade erst von der Völkermordresolution des Bundestags Anfang Juni distanziert.

Erst danach hob die türkische Regierung das Besuchsverbot für deutsche Abgeordnete bei den Bundeswehrsoldaten in Incirlik auf. Anfang des Monats durfte eine Gruppe Parlamentarier wieder auf den Luftwaffenstützpunkt. Eine feste Zusage für Besuche in der Zukunft wollte die türkische Seite aber nicht geben. Der außenpolitische Sprecher der Linken-Fraktion, Jan van Aken, wartet inzwischen seit rund zwei Wochen auf Grünes Licht aus Ankara.

Als Provokation dürften von der türkischen Seite die Einladungen der Dresdner Sinfoniker zu der «Aghet»-Aufführung in Istanbul aufgefasst worden sein. Auch wenn in den Schreiben an Präsident Erdogan und hohe Regierungsvertreter das Wort «Völkermord» nicht vorkommt: Dass die Armenier mit «Aghet» den «Genozid» an ihrem Volk im Osmanischen Reich vor gut 100 Jahren bezeichnen, ist auch in Ankara bekannt. In den Einladungen hieß es, bei der Veranstaltung in Istanbul sollten sowohl «die Wunden der türkischen und armenischen Vergangenheit» als auch die Meinungs- und Kunstfreiheit thematisiert werden.

Dresdner Sinfoniker rufen zur Versöhnung auf

Die Aufführung im Generalkonsulat ist lange vor dem Streit über die Bundestagsresolution vereinbart worden, zu einer Zeit, als die Beziehungen mit der Türkei noch nicht ganz so angespannt waren. Dass die Dresdner Sinfoniker mit dem «Aghet»-Projekt durchaus vornehme Ziele verfolgen, sieht auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) so. «Es weist einen Weg in eine hellere Zukunft», schrieb er in einem Grußwort für eine Aufführung Ende April in Dresden.

Nach eigenem Bekunden wollen die Sinfoniker mit dem 2015 in Berlin uraufgeführten Stück «ein Zeichen der Versöhnung setzen». Bei der Gala in Istanbul wollten sie zudem eine armenisch-türkisch-deutsche Freundschaftsgruppe gründen. Ob sich in der angespannten Lage in der Türkei überhaupt einheimische Künstler gefunden hätten, die zu einem gemeinsamen Auftritt in Istanbul bereit gewesen wären, ist eine Frage, die nun offen bleiben wird.

Je mehr der Streit um die Völkermordresolution eskalierte, desto skeptischer dürfte das Auswärtige Amt die Aufführung in Istanbul betrachtet haben. Zur Absage des Termins haben nun die Einladungen der Sinfoniker an Erdogan und Co. geführt. Als gesichert kann gelten, dass die Hausherren des Generalkonsulats darüber «not amused» waren. «Einladungen zu der Veranstaltung sind ohne Beteiligung des Auswärtigen Amtes erfolgt», hieß es am Dienstag aus dem Auswärtigen Amt in Berlin. Und weiter: «Die Räumlichkeiten des Generalkonsulats in Istanbul stehen am 13. November nicht zur Verfügung.»

Can Merey und Jörg Schurig

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