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Auszeichnung für Carolin Emckes mahnendes Werk

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Auszeichnung für Carolin Emckes mahnendes Werk

Die Publizistin Carolin Emcke erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die Essayistin und ehemalige Kriegreporterin wird für ihren „Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog und zum Frieden“ geehrt.

Die Journalistin und Publizistin Carolin Emcke (48) erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Quelle: dpa

Leipzig. Carolin Emcke ist die erste Friedenspreisträgern mit Twitter-Acount. Das twitterte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Freitagvormittag fröhlich aus dem Leipziger Haus des Buches. Dort hatte am Morgen die Hauptversammlung begonnen und war und war bekannt gegeben worden, dass Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält.. In der Begründung geht es dann aber weniger um Social-Media-Kompetenz, vielmehr gilt die Auszeichnung einer Journalistin und Publizistin, „die mit ihren Büchern, Artikeln und Reden einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog und zum Frieden leistet“. Emckes Aufmerksamkeit richte sich dabei besonders auf jene Momente, Situationen und Themen, in denen das Gespräch abzubrechen droht, ja nicht mehr möglich erscheint.

Diese von der Jury hervorgehobene Kommunikations-Kompetenz beweist die 48-Jährige aktuell in ihrer wöchentlichen Samstags-Kolumne in der „Süddeutschen Zeitung“. Dort schrieb sie vor einer Woche: „Selbst wenn das Attentat von Orlando durch einen einzelnen Täter verübt wurde, so war er doch kein Einzeltäter. Denn der Hass oder auch der Selbsthass ist nicht individuell. Beides braucht ideologische Vorlagen, in die er sich ausschüttet. “

Sprache gegen Gewalt

Die Wut, argumentiert sie mit Bezug auf Max Horkheimer und Theodor Adorno und deren „Dialektik der Aufklärung“, die Wut „entlädt sich auf den, der auffällt ohne Schutz“. Und so müssten die Gesellschaften, die nicht zu Komplizen pseudo-religiöser Fanatiker werden wollen, „endlich den rechtlichen Schutz, den die Menschenrechte und das Grundgesetz versprechen, auch auf Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und intersexuelle Menschen ausweiten“. Sie schließt mit der auch privat formulierten Forderung: „Nicht rechtlich fast gleich, sondern gleich wollen wir sein.“

Das macht Carolin Emckes Texte und Bücher aus: Sprachgefühl und Haltung, Wissen und Neugier, Geschichtsbewusstsein und Realitätssinn. Als „intellektuelle Ausnahmefigur in Deutschland“ würdigt sie der S. Fischer Verlag. In ihrem Denken und Schreiben vereine sie theoretische Reflexion mit Anschauung und Praxis. Der Gewalt setze Emcke die Sprache entgegen. Bei S. Fischer hat sie „Weil es sagbar ist“ veröffentlicht, Essays über Zeugenschaft und Gerechtigkeit, „Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF“ oder „Von den Kriegen. Briefe an Freunde“. Mit „Wie wir begehren“, einem Essay über die eigene Homosexualität, war sie 2012 für den Sachbuch-Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2014 erhielt sie den Lessing-Preis des Freistaates Sachsen.

Hintergrund: Der Friedenspreis

Seit 1950 verleiht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er ist mit einer Preissumme von 25 000 Euro verbunden, die von den Verlegern und Buchhändlern aufgebracht wird.

Der Friedenspreis ist für die ausgezeichneten Intellektuellen und Künstler seit 1950 eine wichtige Plattform für die Auseinandersetzung zu Frieden und Verständigung. Im Laufe seiner bewegenden Geschichte hat er in der Gesellschaft große Debatten ausgelöst.

Die Verleihung findet zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse statt, in diesem Jahr am 23. Oktober . Überreicht wird der Friedenspreis im Rahmen einer Feierstunde in der Frankfurter Paulskirche, dem Tagungsort der Frankfurter Nationalversammlung (1848), die für die demokratische Entwicklung Deutschlands von historischer Bedeutung war. Die Feierstunde wird im jährlichen Wechsel von ARD und ZDF live übertragen.

Kurz darauf sind die Preisträger traditionell in Leipzig zu Gast, wo sie sich im Festsaal des Alten Rathauses vorstellen.

Quelle: www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de

Carolin Emcke wurde 1967 in Mülheim an der Ruhr geboren, hat in London und Frankfurt am Main Philosophie studiert und über den Begriff „kollektiver Identität“ promoviert. Sie hat aus Krisengebieten berichtet, hat dort zerstörte Gesellschaften und Schlachtfelder gesehen. Sie war Lektorin an der Yale University (USA) und bis 2006 Redakteurin beim „Spiegel“. Im Oktober soll „Gegen den Hass“ erscheinen, ein Essay zu den großen Themen unserer Zeit: Rassismus, Fanatismus, Demokratiefeindlichkeit.

Dem „Börsenblatt“ sagte sie: „Vermutlich suche ich deswegen immer wieder nach neuen Formen, anderen Genres – mal Briefe, mal Essays, mal Reportagen –, weil sich je nach Aufgabe, je nach Kontext auch immer wieder die Frage aufdrängt, wie sich Gewalt beschreiben lässt, ohne sie zu legitimieren, wie Opfer von Gewalt Gehör verschafft werden kann, ohne sie paternalistisch zu behandeln oder sie zu pathologisieren, mit welcher poetischen Kraft, mit welcher literarischen Genauigkeit sich Gewalt am wirkungsvollsten widerstehen lässt.“

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält Carolin Emcke auch für die analytischer Empathie, mit der sie an das Vermögen aller Beteiligten appelliert, zu Verständigung und Austausch zurückzufinden, hieß es am Freitag aus Leipzig. Ihr Werk werde somit Vorbild für gesellschaftliches Handeln in einer Zeit, in der politische, religiöse und kulturelle Konflikte den Dialog oft nicht mehr zulassen. „Sie beweist, dass er möglich ist, und ihr Werk mahnt, dass wir uns dieser Aufgabe stellen müssen.“

Bei Twitter übrigens überschlugen sich die Glückwünsche, es war die, wie es immer wieder hieß, gute Nachricht des Tages.

Die bisherigen Preisträger

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird seit 1950 vergeben. Die Preisträger seit dem Jahr 2000:

2000 Assia Djebar (algerische Schriftstellerin)
2001 Jürgen Habermas (deutscher Philosoph und Soziologe)
2002 Chinua Achebe (nigerianischer Schriftsteller, gestorben 2013)
2003 Susan Sontag (US-amerikanische Schriftstellerin, gestorben 2004)
2004 Péter Esterházy (ungarischer Schriftsteller)
2005 Orhan Pamuk (türkischer Schriftsteller)
2006 Wolf Lepenies (deutscher Soziologe)
2007 Saul Friedländer (israelischer Historiker und Autor)
2008 Anselm Kiefer (deutscher Maler und Bildhauer)
2009 Claudio Magris (italienischer Schriftsteller)
2010 David Grossman (israelischer Schriftsteller)
2011 Boualem Sansal (algerischer Schriftsteller)
2012 Liao Yiwu (chinesischer Schriftsteller)
2013 Swetlana Alexijewitsch (weißrussische Schriftstellerin)
2014 Jaron Lanier (US-Digitalpionier und Schriftsteller)
2015 Navid Kermani (deutscher Schriftsteller und Orientalist)
2016 Carolin Emcke (deutsche Publizistin)

Quelle: dpa

Von Janina Fleischer

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