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Authentische Kinogeschichte: Wie das UT Connewitz wieder aufgeweckt wurde

Serie über alte Lichtspielhäuser Authentische Kinogeschichte: Wie das UT Connewitz wieder aufgeweckt wurde

Dort, wo in Leipzig die Bilder das Laufen lernten, werden heute Klamotten verkauft oder auch Autos geparkt. In einer Serie begeben wir uns auf die Spur dieser früheren Lichtspielhäuser. In der dritten Folge geht es um ein Kino, das vor anderthalb Jahrzehnten aus dem Dornröschenschlaf geweckt wurde: das UT Connewitz.

Der Müll ist bereits rausgeschafft. Aber 2001, als das große Foto entstand, war im UT Connewitz ganz offensichtlich noch jede Menge zu tun, bis dort wieder Kino und Konzerte stattfinden konnten.

Quelle: UT Connewitz Photo Crew

Leipzig. UT, wie Unterhaltungstheater? Universal Time? Unterwassertelegrafie? Utah? „Nee, UT steht für Union-Theater und das war eigentlich ein Werbegag“, erzählt Thomas Noack. Zur Eröffnung mit Viggo Larsens Film „Die schwarze Katze“ zu Weihnachten 1912 hieß das Kino noch „Cammerlichtspiele Connewitz“. Ein neuer Besitzer ließ dann im Innenraum einige Renovierungen vornehmen und zudem draußen ein heute nicht mehr erhaltenes, elegantes Vordach erbauen, auf dem ab 1920 der neue Name stand: UT Connewitz.

Das Kino hat in seiner 105-jährigen Geschichte insgesamt drei Renovierungen erlebt, und wenn Thomas Noack einen durch das Gebäude führt, dann weist er mit der Begeisterung eines Archäologen auf viele im Gemäuer versteckte Details hin: kleinen Risse in der Decke, feine Farbnuancen auf dem Gips der historischen Bildwandumrahmung aus der Zeit des Stummfilms, den „Opferputz“ unter der bordeauxfarbenen Ausmalung des Saals, die dimmbaren Lichtlein rund um die einstige Stummfilmbildwand oder die nachgebauten Kronleuchter in den beiden Aufgängen. „Die Herausforderung war, eine Lampe zu finden, die in beide Treppenhäuser passt.“ In beide Treppenhäuser? Ja, denn das eine Entrée ist im Stil von 1912 restauriert, das zweite, wie es 1920 Mode war. „Es ist eine historisierende Neuschöpfung. Tja, es gibt nur ein Foto vom Foyer, und das endet genau dort, wo eigentlich die Lampe zu sehen wäre.“

Durch beide Aufgänge nun kamen die Zuschauer, um 1930 bei der Tonfilmpremiere in diesem Kino dabei zu sein. Der Tonfilm erforderte akustische Optimierungen im Innenraum, und so wurden zunächst die Saalrückwand und die Galeriebrüstung mit Stoff bespannt – bevor der Saal schließlich komplett mit Stoff ausgekleidet wurde, wie Carola Zeh recherchiert und in ihrer Dissertation über „Lichtspieltheater in Sachsen“ 2007 niedergeschrieben hat. Auch aus den Recherchen des Leipzigers Ralph Nünthel ist ein Buch hervorgegangen: „UT Connewitz und Co. Kinogeschichte(n) aus Leipzig-Süd“. Nünthels Buch erschien 2004, das war drei Jahre nachdem sich der Verein UT Connewitz gegründet und das Gebäude dann 2003 gekauft hatte.

28 Musiker – und 17 Eimer

Noack ist Gründungsmitglied des Vereins und organisiert seit 26 Jahren das Stadtteilfest Connewitz rund um die Paul-Gerhardt-Kirche mit. Wie kam Noacks Verbindung zum UT zustande? „Ich hatte dummerweise die Idee, mal reinzugehen.“ Während der Planung des Straßenfests habe er sich gefragt: „Was könnte man außerdem anbieten, um den Ortsteil noch besser vorzustellen? Da kam mir die Idee, doch mal in dieses alte Kino reinzugucken.“ Der erste Besuch fand im Dunkeln statt, „ich war naiv und hatte geglaubt, da hängt doch bestimmt irgendwo ein Sicherungskasten. Da war aber nichts – und was zu erkennen war, war eine ganze Menge Müll.“ Kühlschränke, Waschmaschinen, Malerabfälle – alles mögliche hatten die Leute im UT abgestellt. Dabei war das Haus bis zur Schließung 1992 nahezu ohne Pause genutzt worden. Noch Anfang der 90er war alles intakt. „Da lief hier Batman als letzter Film“, erinnert sich Noack. Doch ab ’92 stand das UT neun Jahre leer, die Leute brachten ihre Abfälle hinein, und allmählich wurde auch das Dach undicht.

„Nach der Wiederinbetriebnahme hatten wir hier ein Konzert. Die Big Band der HMT spielte. Da standen also 28 Musiker – und 17 Eimer. Es regnete rein.“ In einer Ecke rechts über der Bühne ist der Riss noch gut zu erkennen, durch den der Regen hereinlief. Und auch am Rahmen der Stummfilmbildwand sieht man rechts oben den Schaden respektive: die Ausbesserung. „Der Verein hat sich entschieden, das UT in dem abgeranzten Zustand, na sagen wir: es authentisch zu belassen“, erklärt Noack. Man will Details konservieren, statt alles perfekt zu restaurieren. „Es ist ja oft so, wenn man etwas zu perfekt macht, ist der Charme weg.“

Die erste Raumfassung des Kinos war sehr hell. Als dann die Projektoren immer besser wurden, reflektierten die hellen Wände das Licht, es wurde Zeit für ein dunkleres Ambiente. Das daraufhin aufgetragene Bordeauxrot gibt dem UT auch heute noch sein anmutiges Gepräge. Zu den Renovierungen zählte in den DDR-Jahren die Verbreiterung der Bildwand für den Einsatz der Cinemascope-Technik (1955/1963) sowie die Vergrößerung der Bühne (1985), um die Nutzbarkeit des Kinos auch als Konzertsaal oder für andere kulturelle Veranstaltungen zu erweitern. Mehr aus Kostengründen als zum Selbstzweck erfolgten die Umbauten im UT stets behutsam. Daher ist der Saalaufbau bestehend aus Parkett und Seitenrängen bis heute noch erhalten, ebenso wie die Stummfilmbildwand und die originalen Farbfassungen.

Eine Chiffre für gutes Programm

Für den Erhalt dieser Spuren braucht es Geld. In den vergangenen Jahren gab es für das UT einige Fördermittel: Bundes- und Landesmittel und 2016 gar eine generöse Zuwendung der privaten Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Der Eigenanteil, den der Verein aufbringen muss, liegt bei 20 Prozent, erzählt Noack. Seine Hingabe steckte viele Menschen an, heute hat das UT mehr als 187 ehrenamtliche Mitarbeiter und Vereinsmitglieder, 50 davon sind aktiv und sichern die mehr als 200 Veranstaltungen pro Jahr ab. Man kann sie beispielsweise am Kartenschalter treffen, hinter der Bar oder bei den Führungen zum Stadteilfest oder zum Tag des Denkmals.

Der Werbegag bestand 1920 übrigens in der Verwendung des guten Namens, den sich eine damalige Kette von Union-Theatern gemacht hatte. Die Bezeichnung stand für gutes Programm, gediegenes Ambiente und niveauvolle Unterhaltung – wobei das UT Connewitz streng genommen nie offiziell ein solches Union-Theater war. Heute ist UT einmal mehr eine Chiffre für gutes Programm, gediegenes Ambiente, niveauvolle Unterhaltung – auch wenn kaum noch einer weiß, wofür die Buchstaben eigentlich stehen.

Von Kristin Vardi

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