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Autor Richard Price lässt die Fassade des strahlenden, "neuen" New Yorks bröckeln

Autor Richard Price lässt die Fassade des strahlenden, "neuen" New Yorks bröckeln

Drei Männer werden nachts in der Lower East Side von zwei dunkelhäutigen Jugendlichen überfallen. Einer der drei wird erschossen, die Täter fliehen. Der Hauptzeuge verstickt sich bei der Polizei immer tiefer in Widersprüche.

Hamburg. In Richard Price' neuem Roman "Cash" wird New York wieder einmal zum düsteren Helden einer Geschichte zwischen Alptraum und Eldorado.

In „Cash" erleben wir einen „Clash". Richard Price' achter Roman ist genau das, ein Zusammenstoß unterschiedlicher Menschen und ihrer Lebensentwürfe, an denen sie entweder noch basteln oder die nicht mehr zu retten sind. Der junge Kellner Ike (Isaac) Marcus, der gerade erst im Berkmann, einer angesagten Bar in der Lower East Side, zu arbeiten begonnen hat, wird nach einer Sauftour frühmorgens erschossen. Der Leser schaut der Polizei über die Schulter, wie sie den Mordfall zu lösen versucht. Aber er bekommt auch die Seite der Täter präsentiert. Und die Seite derer, die eher unbeabsichtigt auf die düstere Seite der amerikanischen Gesellschaft schlittern, weil sie zu Zeugen des Mords an Ike Marcus geworden sind.

Das Opfer taucht nur kurz auf

Price entfaltet ein Figurenpanorama, das genauso bunt gemischt und realitätsnah ist wie die Beschreibung der Straßenfluchten am Südostzipfel Manhattans. Da ist Eric Cash, der zunächst für den Mörder gehalten wird. Der Mittdreißiger will gerne Autor sein, verdient seinen Lebensunterhalt aber als Geschäftsführer des Berkmann. Ike, das Opfer, taucht nur kurz auf. Er ist nur einige Wochen in der Stadt und doch schon voll in sie eingetaucht. Auf der Seite der nicht-hippen Lower-East-Side-Bewohner steht Polizist Matty Clark - ein rauer Kerl mit irischen Wurzeln (mit die frühesten Einwanderer New Yorks) - zusammen mit seinen Kollegen. Und dann sind da Little Dap und Tristan, die in den Sozialbausiedlungen am Rande des Viertels leben. Sie wohnten hier schon lange, bevor die „coolen" Menschen mit viel Geld kamen. Es ist meisterhaft, wie Price die Dialoge zwischen seinen Figuren strickt. „Heute nicht, mein Freund", sagt das Opfer Ike und löst hiermit den Schuss aus - locker-lässig, selbst wenn er in Lebensgefahr ist. Die „Scheißknarre", der hingerotzte Rap-Vers und die Fluchwörter bestimmen die Sprache der Kids aus den Sozialwohnungen. Schwierig, dass im Deutschen so rüberzubringen - was Übersetzerin Miriam Mandelkow aber großartig gelungen ist.

Backstagepass fürs Leben

Und fluchen kann auch Ermittler Matty, dessen Lebenslauf genauso in Kurven und durch Untiefen verläuft wie der der Kriminellen. Eine ganz weiße Weste hat hier niemand, und das macht diesen Roman so wahrhaftig und zu einem „tollen, intelligenten Schmöker", wie „Die Zeit" schrieb. Dass die Polizei einen „Backstagepass fürs Leben" habe, sagte Price in einem Porträt der „Stuttgarter Zeitung". Den hat er ausgiebig genutzt und bei den Recherchen die Cops des New York Police Department begleitet. Das merkt man besonders an den großartigen Verhör-Situationen, die Eins-zu-Eins als Drehbuch zum Film dienen könnten. Wer mal in einem NYPD-Revier gewesen ist, weiß, dass das keine Hochglanzwelt ist, sondern genauso rau wie in diesem Text. Nicht umsonst ist Price bereits für seine Folgen der TV-Krimi-Serie „The Wire" hochgelobt worden. Wie fast alle Rezensenten festgestellt haben, ist der eigentliche Protagonist New Yorks Lower East Side. Ein Stadtteil, der zu Beginn der 20. Jahrhunderts noch jüdische Einwanderer aus Osteuropa beherbergte, später Lateinamerikaner. Und heute Einwanderer aus den USA - die nach Manhattan kommen, um das hippe urbane Feeling zu erleben. Wenn sie es sich denn leisten können. Denn die alten Wohnhäuser nebst zerfallenden Synagogen und Multi-Kulti-Charme beherbergen nach und nach mehr teure Appartements. Gentrifizierung:

Die alten Bewohner ziehen weg, ein angesagter Stadtteil wird zum Spekulationsobjekt. „Lush Life" hieß das vor zwei Jahren auf Englisch erschienene Original. Üppiges, pralles Leben, das präsentiert Price hier definitiv. Andererseits macht der deutsch-englische Titel auch Sinn: Da ist Eric Cash, der mit seinem Leben und seiner urbanen Wahlheimat hadert, das andererseits aber zum Inhalt eines Stücks machen will. Zum anderen ist da die Bedeutung „Bargeld" - das hält auch das Leben an der Lower East Side am laufen: Alptraum für manche, weil sich alles dem schnöden Mammon unterordnet, Eldorado für andere - von Gastronomen über Immobilienmakler bis zu Kriminellen. Richard Price: Cash. Roman, Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main 2010, 521 Seiten, gebunden, 19,95 Euro

Johannes Wagemann, dpa

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