Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 9 ° heiter

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Autoren, Verleger und Veranstalter diskutieren über die Literaturstadt Leipzig

„Impuls Kulturpolitik“ Autoren, Verleger und Veranstalter diskutieren über die Literaturstadt Leipzig

Sie wird historisch beschworen, ihr Verblassen beklagt. Doch wie das oft ist mit den Totgesagten ... „Literaturrat Leipzig – Was kommt nach der Tradition?“ war der jüngste Abend der Reihe „Impuls Kulturpolitik“ überschrieben, initiiert von Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke.

Passen nicht gleichzeitig auf ein Podium, aber in den Hof der Moritzbastei: Sibille Tröml und Regine Möbius (vorn, v.l.), dahinter Anna Kaleri, Skadi Jennicke, Susanne Metz und Elisabeth Jaspersen (v.l.) sowie ganz hinten Mathias Zeiske, Claudius Nießen, Sebastian Wolter und Peter Korfmacher (v.l.).

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Mit einigem Selbstbewusstsein wird Leipzig als Musikstadt beworben, auch als Sportstadt, und bis zur Seenstadt ist es sicher nicht mehr lange hin. Nur die Buch- oder Literaturstadt führt kaum jemand ohne den Zusatz „ehemalige“ im Munde. Sie wird historisch beschworen, ihr Verblassen beklagt. Doch wie das oft ist mit den Totgesagten ... „Literaturstadt Leipzig – Was kommt nach der Tradition?“ war der jüngste Abend der Reihe „Impuls Kulturpolitik“ überschrieben, initiiert von Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, um einerseits Akteure zusammenzubringen und andererseits Erwartungen an die Kommunalpolitik zu sammeln, Kritik einzustecken.

„Gern können Sie die Veranstaltung in Ihren Netzwerken teilen“, hieß es in der Einladung. Jenes andere „Netzwerken“, bekannt als Gespräch oder Zusammenarbeit, hat das Zeug zur Zauberformel. Immer wieder wird es als gewünschtes Ergebnis solcher Runden formuliert. So auch am Dienstag.

Wieder keine Fee

Auf dem Podium sitzen in zwei Runden nacheinander die Macher: Verleger, Herausgeber, Autoren, Veranstalter, Literaturvermittler ... Das sind zunächst Anna Kaleri (Autorin), Sibille Tröml (Sächsischer Literaturrat), Sebastian Wolter (Verlag Voland & Quist) und Mathias Zeiske (Literaturzeitschrift „Edit“), nach der Pause dann Elisabeth Jaspersen (Livelyrix), Susanne Metz (Städtische Bibliotheken), Regine Möbius (Verband deutscher Schriftsteller, Leipziger Literarischer Herbst) und Claudius Nießen (Deutsches Literaturinstitut Leipzig und Veranstalter) – jeweils moderiert von LVZ-Kulturchef Peter Korfmacher.

Geladen sind „alle interessierten Bürgerinnen und Bürger“, gekommen sind hauptsächlich Autoren, Verlagsmenschen, eine Literaturagentin ... und wieder keine Fee, die drei Wünsche erfüllt. Im Publikum sitzen oder melden sich nicht jene zu Wort, die sonst nörgeln, sondern ebenfalls jene, die täglich etwas tun, darunter Birgit Peter, Geschäftsführerin des Kuratoriums Haus des Buches, Literaturinstituts-Direktor Josef Haslinger und Buchwissenschafts-Professor Siegfried Lokatis.

Dass hier nach über zwei Stunden nicht eifrig Visitenkarten getauscht werden, liegt daran, dass man sich entweder sowieso seit Jahren kennt oder das Vorgespräch zur Veranstaltung bereits in Verabredungen mündete. Dieses Vorgespräch dient der Diskussion, denn so hält sich niemand mit Definitionen und Verlautbarungen auf, sondern kommt die Essenz auf den Tisch.

Zu geringe Wahrnehmung

Fest steht, dass 100 000 Euro kommunaler Förderung zu wenig sind. Davon fließen 25 000 Euro in institutionelle Förderung, 75 000 in freie Projekte. Als ein Problem benennt Elisabeth Jaspersen vom Livelyrix e.V., dass Grenzen fließend sein können zwischen beispielsweise Lesung und Performance, und dass ein Förderantrag in diesem Fall schon nicht in die zuständige Schublade, an den richtigen Topf findet.

Fest steht, dass die so große wie vielfältige Literaturszene nicht ausreichend wahrgenommen oder gewürdigt wird – in dieser Zeitung nicht und nicht in überregionalen Medien. Das treffe vor allem die sogenannten Alten, die DDR-Autoren, wie Regine Möbius sagt. Jene, denen 1989 Publikum, Verlage und Relevanz abhandenkamen.

Das trifft ebenso den Nachwuchs aus den Schreibschulen oder von den Lesebühnen, Autoren, die nach Leipzig ziehen, weil die Stadt, so Schriftstellerin Anna Kaleri, „gute Lebensbedingungen“ biete: bezahlbare Wohnungen, angenehmes Umfeld. Gerade bei der „Vernetzung“ sieht sie aber „Luft nach oben“, da gebe es Berührungsängste zwischen den Akteuren, stünden Befindlichkeiten im Weg. Sie gehört zu den Befürwortern eines Literaturstipendiums oder einer Stadtschreiber-Stelle. Eine Idee, die auf zum Teil auf Ablehnung trifft und im Verlauf des Abends verlorengeht.

Ruhe und Bewusstsein

Sebastian Wolter, Leipziger Part des hier und in Dresden ansässigen Verlags Voland & Quist, schwärmt davon, „Teil dieser Literaturszene“ zu sein. Das habe „auch mit Inspiration zu tun“. Er könne sich jedoch eine bessere Selbstdarstellung vorstellen. Mathias Zeiske betont die Bedeutung des Resonanzraumes. Für die Literaturzeitschrift „Edit“ sei es wichtig, dass sie in Leipzig entsteht, abseits vom Zentrum. Genauso wichtig aber sei es, die vielen Leser in Berlin zu haben. Er plädiert dafür, vor allem Aktionen zu fördern, die nach außen wirken. Als Beispiel nennt er die Leipziger Poetikvorlesung. Und er sagt den schönen Satz: „Man hilft der Kunst am meisten, indem man sie in Ruhe lässt.“

An die Bewusstseinsbildung durch Literatur erinnert Sibille Tröml, deren Sächsischer Literaturrat dies als seine Aufgabe sieht. Mehr Austausch über, mehr Auseinandersetzung mit Literatur wären gut. Das betrifft oft die Arbeit im Unsichtbaren. In der Öffentlichkeit stehen die Veranstaltungen, neue Formate wie Slam oder Speed Dating, wie sie Claudius Nießen organisiert. Er ist sich mit Elisabeth Jaspersen einig, dass ein so hohes wie rares Gut die Zeit ist, Neues zu entwickeln. Und Zeit braucht Geld. Jaspersen wünscht sich von der Stadt „Zeit, Raum und Ressourcen“ zur Konzeptentwicklung. „Anlässe, sich zu treffen, können auch geschaffen werden, dabei kann man auch unterstützen.“

Zwischen Selbst- und Fremdbild

Veranstaltungsförderung nennt Nießen „indirekte Autorenförderung“, denn wie bei Musikern das Konzert gewinne bei Autoren die Lesung an Bedeutung. Dafür gibt es traditionelle Orte mit ihren bewährten Formaten für Stammgäste. Susanne Metz spricht vom Eindruck, am selben Strang zu ziehen, und will die Städtischen Bibliotheken weiter für Anderes öffnen, um – darin sind sich alle einig – Kräfte zu bündeln. Für neue Ideen, überraschende Synergien, klug eingesetzte Gelder.

Fest steht also auch: Im Abgleich von Selbst- und Fremdbild schärft sich das Gefühl, etwas bewegen zu können – und dies bereits zu tun. „Wir sollten aufhören, von der Literaturstadt in der Vergangenheit zu sprechen“, hat Skadi Jennicke zur Begrüßung gesagt. Es hätte auch das Schlusswort sein können.

Von Janina Fleischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Beim Fotowettbewerb der Sparkasse Leipzig kann nun über die zwölf Kalendermotive abgestimmt werden. Das Voting endet am 31. August 2017. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Die deutsche Kleingärtnerbewegung hat eine über 200-jährige wechselvolle Geschichte, die im Deutschen Kleingärtnermuseum weltweit einzigartig dokumentiert ist. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr