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B-Tight: Der Rap hat mehr Freiheit bekommen

Interview mit Rapper B-Tight: Der Rap hat mehr Freiheit bekommen

Als Aggro-Rapper B-Tight war Robert Edward Davis für frauenfeindliche Texte und die inflationäre Benutzung des Wortes „Neger“ berüchtigt. In den letzten Jahren ist er – ähnlich wie sein früherer WG- und Label-Kumpel Sido – facettenreicher und nachdenklicher geworden. Nun feiert B-Tight Erfolge mit seinem neuesten Album und geht auf Tour.

Glücklich: Robert Edward Davis, bekannt als Rapper B-Tight

Quelle: promo

Leipzig. Robert Edward Davis hat eine problembeladene Kindheit und Jugend mit einer alkoholkranken Mutter hinter sich. Als Aggro-Rapper B-Tight war er für frauenfeindliche Texte und die inflationäre Benutzung des Wortes „Neger“ berüchtigt. In den letzten Jahren ist er – ähnlich wie sein früherer WG- und Label-Kumpel Sido – facettenreicher und nachdenklicher geworden. Nun feiert B-Tight Erfolge mit seinem neuesten Album und geht auf Tour.

„Born To B-Tight“ ist auf Platz 6 der Albumcharts eingestiegen. Hast Du damit gerechnet?

Die Hoffnung ist immer da. Doch wegen der harten Konkurrenz, die sich gerade in den Charts tummelt, habe ich auf einen Platz unter den Top 20 getippt. Platz 6 ist eine Riesenüberraschung, ich bin vor Freude im Dreieck getickt

Dein erstes Album, dass es nur als Cassette gibt, kann man derzeit für 40 Euro bei ebay unter der Kategorie „wertvoll“ kaufen. Eine angemessene Summe?

Für mich ist es natürlich unverkäuflich (lacht). Im Ernst: 40 Euro ist schon ein stolzer Preis, ich bin einverstanden.

Wenn ich jetzt behaupte: Für einen Rapper, wie man ihn sich nach dem Klischee vorstellt, hast Du ein viel zu sympathisches Gesicht – ist das ein Kompliment für Dich oder eine Beleidigung?

Früher wäre es eine Beleidigung gewesen – heute nehme ich das gern als Kompliment entgegen.

Wie kommt’s?

Durch die unterschiedlichen Lebensumstände. Die waren früher extrem schwierig. Ich hatte meist ziemlich schlechte Laune, und das wollte ich rüberbringen in meiner Musik und mit einem bestimmten Image. Ich war einfach ein mieser Motherfucker. Mittlerweile hat sich vieles verändert. Ich genieße das Leben sehr und freue mich über das, was ich habe.

Noch mal zu Deiner schwierigen Zeit: Im ältzeren Stück „Alles ändert sich“ geht es darum, sein Leben selbst in die Hand nehmen zu müssen. Gab es bei Dir ein Schlüsselerlebnis?

Ich glaube, es war der Punkt, an dem ich zum Sozialamt gehen musste, weil ich nichts mehr hatte. Die Ansage war, das ich kein Geld bekäme, aber meine Mutter verklagen könnte. Ich fragte mich, ob die noch alle Tassen im Schrank haben. An diesem Punkt war klar – entweder gehe ich den kriminellen Weg oder ich suche beschissene Nebenjobs und versuche, das mit der Musik auf die Reihe zu kriegen. Im Nachhinein weiß ich gar nicht, wie ich das ausgehalten habe. Jedenfalls ist alles gut ausgegangen.

Je mehr Leiden, desto besser die Texte – würdest Du die These unterschreiben?

Je mehr Leiden, desto glaubwürdiger vielleicht. Aber Texte über positive Dinge können auch verdammt gut sein und in die Tiefe gehen.

Dein Album wirkt wie ein Spagat. Du machst einerseits einen auf dicke Hose, andererseits gibt’s Tracks voller Sensibilität. Wie geht das zusammen?

Jeder Mensch hat unterschiedliche Phasen – in denen man einfach mal auf die Kacke haue will. Und in der Rapmusik ist es ja ein gängiges Mittel, sich mit Deftigem innerlich Platz zu schaffen. Genauso gibt es Tage, an denen man heulen möchte, an denen man dünnhäutig ist. Ich habe einfach all meine Seiten auf dem Album untergebracht.

Gibt es Fans, die Dir Deine gefühligen Sachen übel nehmen, mehr Aggro fordern?

Ja. Diese Fans können sich gern die harten Sachen bei mir rauspicken und die durchfeiern. Erfreulicherweise findet die große Mehrheit alle Facetten cool. Ich hatte selbst Zweifel, ob die Platte zu soft geworden ist, doch das positive Echo hat sie beseitigt.

Du erzählst von Deiner Familie, schmerzhaften Abschieden durch Tod, von Vaterglück. Du gibst viel von Dir preis. Wo liegt Deine Schmerzgrenze für Offenheit?

Jeder hat Leichen im Keller und Erfahrungen, auf die man nicht besonders stolz ist. Das trifft auch auf mich zu, und die bleiben dann auch bei mir. Ansonsten gebe ich gern viel preis von mir, so lange es für mich vertretbar ist.

In „Weg des Kriegers“ geht es um Krieg, Trauma, Brutalität. Das Thema Krieg ist gerade so präsent und bedrohlich wie nie. Schreibt man als Rapper auch mit Blick auf diese Situation anders als früher?

An aktuelle Ereignisse dachte ich dabei nicht. Mich haben Antikriegs-Filme wie „Der Soldat James Ryan“ oder „Wir waren Helden“ und Dokus schockiert. Deshalb wollte ich einen Anti-Kriegssong machen. Es nehme eher keine aktuellen Ereignisse, um Songs darüber zu schreiben, weil sie mir zu zeitgebunden sind. Krieg ist allgegenwärtig, schon immer.

Ist man als junger Rapper vor allem eher gegen etwas und als älterer für etwas?

Als junger Rapper ist man gegen das Normale und für das Außergewöhnliche. Jetzt, mit 36, schätze ich auch die Vorteile des Normalen – so lange es nicht Langeweile bedeutet. Meine Macken lass ich trotzdem weiterhin raus.

Rap hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert, ist eine riesige Industrie geworden, und die Credibility droht dabei flöten zu gehen. Wie siehst Du das?

Die Credibility war vor Jahren sehr wichtig, gerade in Aggro-Zeiten. Teile der Gesellschaft wollten nicht glauben, was wir erzählt haben. Sie haben eher die heile Welt gesehen und das raue Leben in Ghettos nicht wahrhaben wollen Wir mussten lange für Akzeptanz kämpfen. Inzwischen sind die Diskussionen erledigt, und heute ist es egal, ob harter Rap von der Straße kommt oder nicht. Es ist eine Sprache im Hiphop, die man bedienen kann. Wenn das gut gemacht ist, kann der Rapper auch vom Bauernhof stammen.

Eine positive Entwicklung?

Absolut! Es ist auch eine Portion Witz dazugekommen. Wenn du früher harten Rap gemacht und dich selbst nicht so ernst genommen hast, warst du unten durch. Das hat sich relativiert, der Rap hat mehr Freiheiten bekommen und ist viel interessanter geworden. Es entstehen Symbiosen: Dass zum Beispiel Haftbefehl mit Cro ein Projekt zusammen macht, wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen.

Was sind die wichtigsten Indizien dafür, wann ein Rapper authentisch ist und wann ein Trittbrettfahrer?

Anhand der Musik kann man es nicht festmachen, aber spätestens aus Gesprächen und Interviews hört man raus, ob es sich um eine Persönlichkeit handelt, die ehrlich ist und meint, was sie sagt.

Dein Song „Aggro Ansage No 3“ wurde Ende 2004 indiziert. Fühlt man sich missverstanden?

Ein gemischtes Gefühl. Man fühlt sich in erster Linie missverstanden. Irgendwann merkt man aber, dass der Song durch die Indizierung noch populärer wird.

Würdest Du den Song heute verändern?

Heute würde ich ihn anders gestalten. Dennoch war er damals richtig. Das sollte hart auf die Fresse gehen, plump und einfach mit klaren sexuellen Bildern. Hat auch funktioniert.

2011 gab es einen Bambi für Bushido im Bereich Integration. Viele haben darüber den Kopf geschüttelt. Wie siehst Du das?

Mit Bushido hat man sich damals den Falschen ausgesucht. Dennoch war es gut einen Rapper zu nehmen.

Warum?

Gerade ausländische Jugendliche, die nicht richtig Deutsch sprechen, nehmen sich Rapmusik als Vorbild und machen sie nach. Dadurch prägen sich Grammatik und Satzstellung ein – das kann Jugendlichen durchaus helfen, Deutsch zu lernen. Bushido mit seinem unsauberen Deutsch ist dafür der Falsche – Sido zum Beispiel arbeitet mit sauberem Deutsch.

Du hast mit Sido den Kinohit „Blutzbrüdaz“ gedreht. Habt Ihr tatsächlich einen schmierigen Labelchef erlebt, der Künstler gegeneinander ausspielt?

Bis zum Auftauchen des Chefs ist der Film ziemlich authentisch, aber solch einen Kerl haben wir glücklicherweise nicht erlebt. Doch davon gibt es trotzdem einige.

2012 gab’s einen Ausflug in Rock, Metal und Punk, ist das noch mal denkbar?

Definitiv, das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Wenn es sich ergibt, wäre ich dafür Feuer und Flamme.

Kann ein Rapper so lange Karriere machen wie die Stones, oder ist das uncool?

So lange man authentisch bleibt, gut performt und zeitgemäße neue Alben rausbringt – dann funktioniert das!

Wer ist Dein Vorbild in der Musik und im Leben?

Musikalisch waren das Method Men und Redman. Im Leben: die eigene Vernunft, mein Gewissen. Ich versuche, mich daran zu halten. Klappt natürlich nicht immer.

Interview: Mark Daniel

Karten für die Auftritte von B-Tight in Cottbus (27. 1.), Halle (7. 2.), Braunschweig (21. 2.) und Berlin (22. 2.) gibt’s im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl Leipzig, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 sowie auf der Internetseite www.lvz-ticket.de .

Von Mark Daniel

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