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Bachfest-Abend mit außergewöhnlichen Momenten

Klassik-Festival Bachfest-Abend mit außergewöhnlichen Momenten

Das Barock-Kollektiv Solomon’s Knot war beim Bachfest in der Nikolaikirche zu erleben. Im Zentrum des Programms standen Kantaten der Jahre 1723/24. Nach dem Schlusschor des Magnificat BWV 243a bricht sich ein Begeisterungssturm Bahn mit Standing Ovations und nicht enden wollenden Bravo-Rufen.

Das Barock-Kollektiv Solomon’s Knot in der Nikolaikirche.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Eigentlich ist es kaum zu fassen: Es existiert nicht ein einziger zeitgenössischer Bericht über die Aufführung einer Kirchenkomposition Bachs. Überliefert sind nur die wenig schmeichelhaften Einlassungen Johann Adolph Scheibes im Critischen Musicus, nach denen Bachs Musik unnatürlich, gekünstelt und im Stil verwirrend sei. Abgesehen von Scheibes Kritik, die Bach keineswegs auf sich sitzen ließ und daher mit einer Gegendarstellung konterte, ist der Nachwelt kein weiteres Dokument bekannt. Wie die Musik auf die zum Sonntagsgottesdienst versammelte Gemeinde gewirkt haben mag, wissen wir also nicht.

Die Publikumsreaktion am Samstagabend in der voll besetzten Nikolaikirche spricht eine eindeutige Sprache: Nach dem Schlusschor des Magnificat BWV 243a bricht sich ein Begeisterungssturm Bahn, der die Musiker mit Standing Ovations und nicht enden wollenden Bravo-Rufen erfasst, und erst die Wiederholung dieses Schlussstücks mildert den Applaus etwas ab.

Der Auftritt des Barock-Kollektivs Solomon‘s Knot um seinen künstlerischen Leiter Jonathan Sell markiert einen weiteren Glanzpunkt im gerade erst begonnenen Bachfest. Unter dem Bachfest-Motto „Geheimnisse der Harmonie“ stellte das von London und Bern aus agierende Ensemble den Kantatenjahrgang 1723/24 ins Zentrum seines Programms. So erklingen jene Stücke, die Bach in seinem ersten Jahr als Thomaskantor erstmals in Leipzig zur Aufführung brachte: Die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 und das Magnificat Es-Dur BWV 243a und zwischen den beiden Großwerken die Concerto-Arie-Kantate „Machet die Tore weit“ von Bachs Amtsvorvorgänger Johann Schelle.

Barocke Farbenpracht

Eine Neuschöpfung für die Leipziger Wirkungsstätte stellt nur das Magnificat dar. Der lateinische Marienlobgesang beschreibt die mit Mariae Heimsuchung bezeichnete Begegnung von Erzengel Gabriel mit der zukünftigen Gottesmutter. Das ursprünglich in Es-Dur gesetzte, für Sänger wie Instrumentalisten überaus virtuose Werk scheint die Leipziger Stadtpfeifer ein wenig überfordert zu haben. Denn einige Jahre später machte sich Bach daran, das Stück zu überarbeiten und in das für die Trompetisten leichter zu blasende D-Dur zu transponieren. Solomon’s Knot wählen hingegen die Originalversion, und den Bläsern ist in jedem Moment anzuhören, dass sie nicht auf die Alternativfassung zurückzugreifen brauchen. Schon im Einleitungschor Magnificat anima mea Dominum erleben die Hörer eine Explosion barocker Farbenpracht: Der mitreißende Schwung und die leuchtende Präsenz der Trompetenpartien setzen zum Auftakt eine Bewegung in Gang, die über die Strecke des gesamten Werkes hinweg anhält. Das klingt nie lärmend oder gewalttätig, sondern steigert sich zu so unbändiger Musizierlust im Schlusschor Gloria Patrii, dass nur die Wiederholung des Schlussabschnitts nach frenetischem Applaus die letzten Reste überschüssiger Energie auszuräumen vermag.

Überhaupt sind die Leistungen aller Instrumentalisten bemerkenswert: der sanft pulsierende Basso continuo, der trotz dynamischer Zurückgenommenheit nie an Profilschärfe einbüßt, der warm leuchtende Streicherklang, in dem sich in der Arie Suscepit Israel puerum suum die Gnade Gottes verströmt, oder das Spiel von Leo Duarte: In die Klage-Girlanden seines Oboenspiels legt er so viel schmerzliche Schönheit, dass die dazu singende Sopranisten Zoë Brookshaw sich im Ausdruck sogar etwas zurücknehmen kann, und wenig später flicht er bukolische Blockflötenklänge zum Gesang der Altistin Martha McLorinan, der die Mildtätigkeit des Herrn für die Hungrigen preist. Ist das Zusammenspiel der Vokal- und Instrumentalstimmen ein in jeder Phrase wie mit dem Senkblei ausgelotetes, in jeder Silbe ausbalanciertes, so präsentieren sich auch die Sänger als ein in jeder Partie individuell-ausdrucksstark besetztes, sich dennoch zu einem homogenem Ganzen fügendes Ensemble – auch bei Schelles „Machet die Tore weit“.

Visitenkarte bei Probespielen

Der Gefahr, dass nach dem Eingangschor die solistische Abschnitte in Stückwerk zerfallen, begegnen sie, indem sie ihre Stimmcharakter nicht zu expressiv gestalten. Das tut dem Werk gut, das andernfalls zum beiläufigen Pufferstück geraten könnte. Denn Bachs „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 gilt als Paradestück unter den Vor-Leipziger Vokalwerken. Der Gewichtigkeit dieser Kantate war sich Bach durchaus bewusst, da er sie gleichsam als Visitenkarte bei Probespielen immer wieder verwendete und auch in seinem Antrittsjahr als Thomaskantor für den 3. Sonntag nach Trinitatis auf die Pulte legte.

Alles, was seine Kompositionskunst zu bieten hat, fährt Bach hier auf – und widerlegt im Grunde die Behauptung, er habe nicht für die Oper geschrieben. Denn nichts anderes ist der achte Satz, das Duett einer gläubigen Seele mit dem Herre Jesus: eine mit psychologischer Raffinesse gestaltete Opernszene, in der sich die resignative Ruhe von Zoë Brookshaws Sopran mit der zarten Wärme von Jonathan Sells Bass mischt. Auch solche Momente hält dieser außergewöhnliche Abend bereit.

Von Werner Kopfmüller

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