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Bachfest: John Eliot Gardiner dirigiert in der Nikolaikirche Oster- und Himmelfahrtsoratorium

Bachfest: John Eliot Gardiner dirigiert in der Nikolaikirche Oster- und Himmelfahrtsoratorium

Sinnfälliger kann ein Bachfest-Motto sich kaum entfalten: Wer innerhalb einer Woche die Gelegenheit bekommt, die Oratorien zu Weihnachten, Ostern und Himmelfahrt zu hören, wird kaum anders können, als eine zyklische Gesamtanlage anzunehmen.

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John Eliot Gardiner dirigiert in der Nikolaikirche.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Denn die Parallelen in diesen Werken zur Vita Christi liegen auf der Hand. Wie da die trompetenprunkenden großen Chorsätze und Choräle zur Auferstehung und zur Himmelfahrt mit denen zur Geburt korrespondieren, das schlägt einen Bogen über das Kirchenjahr hinweg. Mit der Himmelfahrts-Arie "Ach, bleibe doch, mein liebes Leben" schließt sich sogar der Kreis zur h-moll-Messe, für deren Agnus Dei sie Modell stand und in deren Credo sich die Vita Christi im Schnelldurchlauf widerspiegelt. Derlei nicht nur lesen zu können, sondern hörend zu erfahren, dies zu ermöglichen ist schon ein grandioser Erfolg für ein Festival. Und es stärkt den Ruf inhaltlicher Unbedingtheit, der das Bachfest vor anderen Festivals seiner Art auszeichnet.

Doch ist dies nur eine, die dramaturgische Seite dieses wohlgeratenen Jahrgangs. Mindestens ebenso wichtig ist die andere, die sinnliche. Und für die stehen solche atemberaubenden Konzerte wie das von Sir John Eliot Gardiner in der Nikolaikirche. Da wird im Kleinen hörbar, was im Großen den Glanz dieses Festivals ausmacht: Im ersten Rezitativ des Himmelfahrts-Oratoriums etwa illustriert Bach die Segnung der Jünger mit einer erst aufsteigenden, dann wieder abfallenden Tonleiter. Die Segnung bringt sie dem Himmel nahe, doch müssen sie auf Erden warten, bis Christus sie nachholt. Ein Augenblick nur ist dies, flüchtig. Doch Gardiner holt ihn nach vorn, lässt so hörbar werden, dass Bach aus diesem Detail die Orchesterbegleitung des folgende Accompagnato "Ach, Jesu, ist dein Abschied schon so nah?" gewinnt. Da wird intellektuelle Durchdringung zu Schönheit.

"Nun lieget alles unter dir", den zentralen Choral des Osteroratoriums, nimmt Gardiner zum Anlass, alle Gestaltungsmacht seines sensationellen Chores und des nicht minder fabelhaften Orchester zu entfalten. Im äußersten Pianissimo beginnt der Chor, mit Beginn der zweiten Strophe schieben sich die Instrumente über die Wahrnehmungsschwelle in den Vordergrund. Vier Take reichen für ein monumentales Crescendo. Dann übernimmt der Chor wieder die Führung, und im letzten Vers beruhigt sich der Klang in heilsgewisser Zuversicht. Da finden Gardiners wort- und inhaltsgezeugter Gestaltungswille und seine tiefe Kenntnis der Partitur zusammen zu einem dieser seltenen Momente, in denen in Tönen alles sagbar scheint. Und die so häufig sind in seinen beiden Konzerten dieses Leipziger Bachfestes.

Wie da in den unaufgeregten Arien, den subtil ausmusizierten Rezitativen, den individuell ausgestalteten Chorälen, auch in den bis in die feinste Verästelung des Textes ausmusizierten Rezitativen barocke Rhetorik alles Rhetorische ablegt und ästhetische Wahrhaftigkeit durchscheint, das erhebt diese Musizierhaltung über alle aufführungspraktischen Debatten.

Wobei die die Grundlage all dieser Herrlichkeiten bilden. Gardiners Freiheiten sind hart erarbeitet. Doch dass man genau dies in keinem Takt hört, macht diese Größe dieses Dirigenten aus, der da mit überlegener Lässigkeit seinen Musikern die Bälle zuwirft. Was wiederum nur funktioniert, weil seine Musiker die besten sind, die der Markt für dieses Repertoire hergibt. Hannah Morrison etwa, deren schlackenloser, beinahe knabenhafter und doch kraftvoller Sopran aus Tönen Leben macht. Oder Meg Braggle, deren warmer Mezzo Fenster zur Seele öffnet. Oder Nicholas Mulroy, der die Rezitative wieder sehr ruhig angeht, dessen Tenor aber sicher die Spannung hält und nicht Töne und Worte abliefert, sondern Inhalte transportiert. Peter Harvey schließlich, dessen runder Bariton mit vollendeter Natürlichkeit weite Bögen spannt.

Alle vier gliedern sich, sind sie nicht gerade solistisch gefragt, ganz selbstverständlich in den Monteverdi Choir ein, der, Trevor Pinnock hat es in der vergangenen Woche mit dem Tenebrae Choir im Weihnachtsoratorium gezeigt, nicht mehr konkurrenzlos ist, aber noch den Gipfel des Chorgesangs markiert. Der Bass-Knödel der Johannes-Passion vom Donnerstag ist verschwunden, nun regiert die pure Wonne. Klarer kann ein Chor nicht artikulieren, homogener kann er nicht klingen, subtiler nicht schattieren als diese rund 30 Sängerinnen und Sänger, die Virtuosität und Sensibilität ganz selbstverständlich in den Dienst von Bachs Musik stellen - und damit den English Baroque Soloists auf Augenhöhe begegnen.

Die sensationellen Trompeten, die grandiosen Flöte, der fabelhafte Solo-Oboist, die samtenen Streicher, das prachtvolle Continuo - niemand schiebt sich da in den Vordergrund. Alle stellen sie sich in den Dienst der Sache, der auch Sir John dient: Bachs Musik zum Lobe Gottes.

Im Ergebnis ist der Jubel so gewaltig, dass Gardiner gar nicht anders kann, als - in diesem Umfeld ziemlich einzigartig - zwei Zugaben zu geben: Den Eingangschor des Himmelfahrts- und den Schlusschoral des Osteroratoriums. Beide mit deutlichen Bezügen zum Weihnachtsoratorium. Und so zeigt sich selbst im Zugabenblock noch die Tragfähigkeit des Bachfest-Mottos Vita Christi.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.06.2013

Peter Korfmacher

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