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Bachmannpreisträger Wawerzinek liest aus seinem Roman „Rabenliebe“ im Leipziger "Pilot"

Bachmannpreisträger Wawerzinek liest aus seinem Roman „Rabenliebe“ im Leipziger "Pilot"

Die Vergangenheit, schreibt Peter Wawerzinek, „ist eine Höhle, in die man einfahren kann wie der Bergmann in den Berg, um in das dunkle Innere zu gelangen.“ Seine Vergangenheit ist Ausgangspunkt und Ziel des neuen Romans „Rabenliebe“, ist das Wasser, das ihn trägt, der Nebel der ihn umhüllt, der Schnee unter seinen Schuhen.

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Der Autor Peter Wawerzinek

Quelle: dpa

Leipzig. Schreibend ist er ins Erinnern hineingeraten, viel tiefer, als ihm lieb war.

Ein Leben lang ein Flüchtender vor seiner fehlenden Mutter kehrt er um, sie zu suchen. Vielleicht, um sie zur Rede zu stellen. Auch, um endlich Gewissheit zu haben. Letztendlich, um sich von ihr zu befreien. Freunde haben dem Autor dazu geraten, und nun möchte er sein Thema wie einen Bombengürtel tragen, sich „mit ihm in die Luft jagen“. Anders gelinge der Roman zur Mutter nicht.

Er gelingt ganz ausgezeichnet. Und das nicht, weil Seite für Seite zu spüren ist, wie sich Wawerzinek ein Lebensbuch, ein Schmerzensbuch aus dem Leib reißt, sondern weil sein Erzählen Rhythmus und Sprache zu Verbündeten macht, indem er Sätze umwirbt oder Wörter wegstößt. In poetischen Assoziationen wiegt er Erlittenes auf gegen das Gedachte, Erträumte und singt ein Wiegenlied von der Abwesenheit der Liebe, durchsetzt von Dichterzitaten, Gesetzestexten zur „Annahme an Kindes Statt“ oder Zeitungsmeldungen von vernachlässigten, misshandelten, getöteten Kindern, Nachrichten, die eine Kurzfassung dessen sind, woraus Wawerzinek einen großen Roman macht.

1954 in Rostock geboren kommt er, von der Mutter Richtung Westen verlassen, als Kleinkind ins Heim. Später wird er von einer Handwerkerfamilie aufgenommen und wieder abgegeben, landet mit gut zehn Jahren bei einem Lehrer-Ehepaar, das, mit diesem Kind beschenkt, sich an ihm nach Gutdünken ausprobiert. „Ich klage ein, von meiner Adoptionsmutter aus egoistischen Gründen für Erziehungsversuche missbraucht worden zu sein“, schreibt er wie zuvor schon über die Züchtigungen in den Heimen, in denen „das unansprechbare, das abweisende, unantastbare Schweigekind“ erst mit vier Jahren zögerlich zu sprechen beginnt.

Mit 14 Jahren liest er unter der Bettdecke im Kegel einer Taschenlampe Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe“ und findet sein Verlassensein gespiegelt, wohl auch die Verzweiflung. Drei Tage ist er ermattet – ergriffen von der Magie der Worte und dem Sog der Geschichte.

Dabei habe er sich nicht nach Familie und Geborgenheit gesehnt, weil er von den Begriffen keinen Begriff hatte, erinnert sich Wawerzinek, aber ebenso an das Leiden am Verlust weiblicher Wärme, an den Verlust seiner Identität, weshalb er in die Rolle eines Doubles schlüpft, sozusagen unter falschem Namen lebt. Weil die Rituale des Heims nicht überleben könne, wer nicht heimlich eine Mutter im Herzen trägt, stecke er in einer Haut, die „mich von innen her beschriftet. Mit Botschaften überzogen sehe ich mich, die einzig von der Mutter stammen können.“

Mit drehenden Winden weht das damals, später, ewig Gefühlte in die Ecken oder übers Feld – so wie der Schnee, der das Erste ist, woran er sich erinnert. Sein Leben kenne keine andere Jahreszeit als den Winter. Durch das in die vereiste Scheibe der Erinnerungen gehauchte Loch blickt er auf das Persönlichste. Schnee, Kälte, Nebel und die Krähen tauchen den Roman in Schwarz und Weiß. „Im Nebel weiß ich den Vater geboren, von dem niemand weiß. Im Nebel weiß ich die Mutter hinterlegt, die vergessen hat, wer ich bin.“

Die nach 50 Jahren erste und letzte Begegnung mit der Mutter, sein „Lebenssilvester“, empfindet er als Expedition ins ewige Eis. Er lernt an jenem Tag auch einige der insgesamt neun Geschwister kennen, die ihm von einer  zügellosen, unmenschlichen Despotin berichten, jähzornig, mit Hang zur Grausamkeit. Mal tage-, manchmal wochenlang hat sie die Kinder sich selbst überlassen. Doch um diese Wahrheit geht es nicht. Es geht um Fluchthelfer wie Hölderlin: „Wir sind nichts; was wir suchen, ist alles.“

Nachdem Wawerzinek im Juni für den Anfang dieses Romans den Bachmannpreis gewann, hat der Galiani Verlag den Erscheinunstermin vorgezogen. In Klagenfurt würdigte die Jury seine Literatur nicht als makellos, nicht als perfekt, sondern dem eigenen Lebensstoff in einem schmerzlichen Prozess abgerungen.

Das Erinnern, schreibt er, „ist die kleine Taschenlampe im Kopf, die das Vergangene wie eine Märchengrotte zu beleuchten versteht.“    

Bachmannpreis-Nachlese 2010: Lesung mit Peter Wawerzinek, Dorothee Elminger, Judith Zander, Roman Ehrlich und Niklas Bardeli: 17. September, 20 Uhr, im Pilot (Bosestraße 1). Bereits am Donnerstag, 19 Uhr, liest Sabrina Janesch, ebenfalls Teilnehmerin beim diesjährigen Wettlesen in Klagenfurt, im Frauenkultur e.V. (Windscheidstraße 51)

Peter Wawerzinek: Rabenliebe. Roman. Verlag Galiani Berlin; 429 Seiten, 22,95 Euro.

Janina Fleischer

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