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Beat Toniolos Inszenierung „Ist der Augenblick ein Ufer“

Leipziger Kunstkraftwerk Beat Toniolos Inszenierung „Ist der Augenblick ein Ufer“

„Ist der Augenblick ein Ufer“ vereint eine Fülle von Klängen, Worten und Bewegungen zu Installation, Performance und Revue – zu sehen an drei Abenden im Kunstkraftwerk.

Bewegung, Bilder, Klang: „Ist der Augenblick ein Ufer“ im Kunstkraftwerk.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Das Kunstkraftwerk ist ein Crossover-Paradies im Alten Heizwerk Lindenau. Hier trafen sich die Gäste am Donnerstag zunächst zum „Apéro riche“, wie man in der Schweiz eine Verköstigung nennt, bei der es mehr gibt als ein Horsd’œuvre vor dem kulturellen Hauptgang. Der in Leipzig lebende Gesamtleiter Beat Toniolo aus Schaffhausen lässt üppig auffahren: Grußworte kommen von Uwe Gaul, Staatssekretär des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, wie auch von Timothy Eydelnant, US-Generalkonsul in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Oder auch von Christian Amsler, Vize-Regierungspräsident des Kantons Schaffhausen.

In seiner „spartenübergreifender wie grenzüberschreitender“ Inszenierung „Ist der Augenblick ein Ufer“ vereint Beat Toniolo eine Fülle von Klängen, Worten und Bewegungen zu Installation, Performance und Revue.

Das Kunstkraftwerk vereint an insgesamt drei Abenden Understatement der Gäste und die Spontaneität der freien Kunstformen, wenn auch die meisten der Protagonisten dem Alter der Happenings allmählich entwachsen. Videoart-Zauberer Devon Miles überlagert die Backsteinmauern der riesigen Halle mit der stetigen Bewegung von Rhomben, Flecken und Symbolen.

Ganz klar ist der Bezugspunkt und damit die Basis der musikalischen Umrahmung: Ornamentale Bilder des Schweizers Kurt Bruckner inspirieren zu drei „Klangbildern für Elektronik“ von Enjott Schneider (Filmmusik „Schlafes Bruder“). Die Teilung des Raums zwischen Publikum und Szene steigert die Reibungswärme allenfalls geringfügig. Insgesamt verspielen die Veranstalter da die Möglichkeiten ihrer eindrucksvollen Location, lockt die Halle doch so verführerisch zum Fallen der unsichtbaren Mauer zwischen Protagonisten und Adressaten.

Die szenische Anthologie von sechs Gedichten des in Leipzig lebenden Dichters Adel Karasholi klammert in runder Erdung der Emotionen Gesungenes und Improvisiertes vom Leipzig Gospel Choir, allerlei Bewegtes von fünf Tänzerinnen und Tänzern, schließlich brahmanisch Rituelles von Prasanth Piranavanathan, Shany Matthew und Anne Dietrich.

Die musikalischen und theatralen Akteure der Collage kommen aus der gehobenen Kulturliga. Schauspieler Michael Mendl liest im Retrochic einer heimeligen Stehlampe. Trompeter Frank Braun ist musikalischer Anwalt des Komponisten Torsten Rasch, dessen Oper „Die Herzogin von Malfi“ 2013 an der Oper Chemnitz zur deutschen Erstaufführung gelangte.

Dialog bleibt bis zum Ende das zentrale Wort in Beat Toniolos künstlerischem Anliegen der Weitung und Grenzüberschreitung. Das Schönste und Sinnfälligste an diesem Abend aber ist, wie man im Kunstkraftwerk abrückt von der Versachlichung der Begriffe und Situationen. Beat Toniolo vertieft Dialog zu Begegnungen. Da schillert hinter der Mixtur aus harten Worten und sinnlichem Fluss die Sehnsucht nach einem Pulsieren und Verströmen, die das Spontane, Überraschende, Fließende mit allen Kräften will, dieses nicht zu verhindern sucht. Bewegungen und Begegnungen – dazu gehört auch das Innehalten.

Diese runde Aufführung wurde eingeladen zur Luminale18 in Frankfurt am Main.

„Ist der Augenblick ein Ufer“: am 6. und 7. Oktober, 20 Uhr, Kunstkraftwerk, Saalfelder Str. 8b; Karten (15/12 Euro) an der Abendkasse

Von Roland H. Dippel

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