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Beeindruckende Sprachkraft: Durs Grünbeins „Die Jahre im Zoo“

Kindheit in Dresden Beeindruckende Sprachkraft: Durs Grünbeins „Die Jahre im Zoo“

Geschichten, Verse und Fotos: In „Die Jahre im Zoo“ zeigt sich der in Dresden geborene Durs Grünbein von der autobiografischen Seite. Das Buch beschreibt mit beeindruckender Sprachkraft, wie aus einem Kind, das seiner selbst niemals ganz gewiss sein kann, ein Dichter wird. Der melancholische Grundton hat auch mit dem Gefühl des Eingesperrtseins zu tun.

Für Durs Grünbein Handlungsort einer umhegten Kindheit: Dresden und das Elbtal.

Quelle: DNN

Dresden. Etwa in der Mitte seines neuen Buches vernehmen wir Durs Grünbeins Seufzen: „Nun war ich also eingetreten in das Erinnerungsland. Herr im Himmel, fängt so das Altern an?“ Aber nicht dies ist der Hauptgrund für die Wehmut, die ihn, den 1962 in Dresden geborenen Dichter erfüllt, der seit 1986 in Berlin lebt. Die Melancholie, die seine Erinnerungen an Kindheit und Jugend durchzieht, liegt tief eingesenkt in seinen Charakter. In dieser an Bruchlinien reichen Sammlung von Prosatexten und Gedichten in gebundenen oder freien Rhythmen tritt uns ein kleiner Einzelgänger, ein Tagträumer entgegen, der sich am liebsten in seine Fantasien zurückzieht.

Nicht zufällig erfahren wir bereits in der Ouvertüre von seinem frühesten Alptraum: ein beängstigend klar gezeichnetes Bild dafür, wie sich jemand erstmals als Einzelner wahrnimmt „in seiner ganzen Verlorenheit und Verfehltheit“. Dieses Buch beschreibt mit beeindruckender Sprachkraft, wie aus diesem Kind, das seiner selbst niemals ganz gewiss sein kann, ein Dichter wird. Der melancholische Grundton hat auch mit dem Gefühl des Eingesperrtseins zu tun. In immer neuen Bildern finden wir das variiert, schon der Titel formuliert es als Grundthema: „Die Jahre im Zoo“. Seine Heimatstadt erscheint Grünbein als Provinz in einem eingezäunten Land: „So war auch Dresden, das Elbtal, ein erweiterter Kessel, in dem man sich umhegt fühlen konnte eine Kindheit lang, eingelullt von der Mundart seiner Bewohner, diesem immer leicht trunkenen Singsang, behütet von den eigenen Leuten, aber doch immer auch eingeschlossen, von Anfang an in seinem Bewegungsspielraum begrenzt.“

Das sächsische Traumverlies liegt mitten in einem großen Lager, bewacht von Schützen mit Maschinenpistolen. Die Sehnsucht des Jungen ist nach Westen gerichtet. Ob etwas von jenem Untersich-Bleiben bis heute nachwirkt?, fragt man sich als Leser unwillkürlich, verlegen um schlüssige Erklärungen für das Phänomen der hartnäckigen Pegida-Demonstranten. Abgeschottet ist er als Kind und Jugendlicher auch von einem Teil der Lokalhistorie; dem interessantesten: dem Beginn des 20. Jahrhunderts in Hellerau. Dorthin war Durs Grünbein nach frühen Kindheitsjahren in Dresden-Cotta gezogen.

Zwar gibt es diesen seltenen Lehrer F., „das Gewissen und das lebendige Archiv Helleraus“, der ihnen von der Gartenstadt und den berühmten Dichtern erzählt, die hier gewesen sind. Aber das kommt bei den Schülern kaum an. Erst viel später geht dem Erwachsenen auf, was für großartige Aufbrüche einer Avantgarde in Architektur, Kunst, Wohnen und Arbeiten sich hier vollzogen. Die Schüler indes, diese „Eingeborenen des sozialistischen Biedermeier“, lebten, ohne sich dessen bewusst zu sein, auf einer „bloßen Erinnerungshalde“. Nichts da mit Bildungsroman. Wehmütig muss er sich diese bleibende Leerstelle eingestehen.

Lediglich nachtragen kann er sie mit seinem Buch. In einem ganzen Kapitel tut er das mit dem für ihn tief beeindruckenden Paul Adler. Der, ein radikaler Dichter, ahnt er, hätte eine frühe Prägung sein können. „Nur kannte man ihn nicht, wie man überhaupt nur weniges kannte, was einem die Augen hätte öffnen können.“ Etwas geöffnet werden ihm die Augen als Jugendlichem aber schon. Das jedoch geschieht außerhalb, in Prag, am Grab Franz Kafkas: „das große Infragestellen der Realitäten hatte begonnen“.

Lokalhistorische Details sollte man von diesem Buch nicht erwarten. Es zeigt uns vielmehr, wie das, was da gewesen ist, sich im Kopf eines werdenden Dichters darstellt. Erinnern, so begreifen wir, ist stets eine Art Brechung. Durs Grünbein findet dafür das treffende Bild des Kaleidoskops: „Da unten lagen sie, zerscherbt, die wunderbaren / Himmel der Kindheit, figuriert zu Mandalas“, heißt es in einem der Gedichte. Beim Zurückblicken bedient er sich einiger Hilfsmittel: Fotos beispielsweise, vor allem alter Postkarten. So weitet sich Erinnerung über die eigene Existenz hinaus zur geschichtlichen Betrachtung der Stadt, was ihn letztlich auch zu sich selbst kommen lässt. Reflexionen wie diese machen das Buch so anregend; präzise auf den Punkt gebracht finden wir das in dem essayistischen Gedicht „Lehre der Photographie“: „Daß aber Bilder Blickwinkel sind, / In denen Historie sich auflöst / In familiäre Geschichten“.

Diese Texte sind anspruchsvoll, ohne allzu abstrakt zu geraten. Zumal wir immer wieder Passagen voller lebendiger Details finden. Zu den schönsten gehört das liebevolle Porträt seines Großvaters mütterlicherseits: Fleischhauer im Schlachthof, ein einfacher, wortkarger Mann, Proletarier durch und durch. Die Schilderung eines Spaziergangs mit ihm an seine frühere Arbeitsstätte - das ist grandiose Prosa von immenser poetischer Bildkraft. Daneben jedoch gibt es, vor allem im zweiten Teil, etliche Seiten, die man rasch überfliegen kann, ohne Wesentliches zu verpassen. Der Text gerät breit, die Substanz aus Kinderstreichen, wie sie jeder kennen dürfte, arg dünn. Dem kann dann auch alle aufgebotene Wortkraft keine tiefere Bedeutung mehr verleihen – das bleibt anekdotisch, banal.

Ganz stark jedoch wird es noch einmal gegen Ende. Die grandiose Beschreibung der Fütterung eines Löwen im Zoo liest man mit angehaltenem Atem. Und wir bekommen eine Ahnung von der großen Kraft der Sprache. Selbst im Tun und Treiben des Großvaters väterlicherseits in Gotha. Der nicht nur jenen DDR-Wermut „Gotano“ erfand, sondern auch Kreuzworträtsel konstruierte. Bei ihm spürte Durs Grünbein dieses „elektrisierende Prickeln“, den „Sinn für das Appetitliche an den Wörtern“. Eine, wie wir wissen, äußerst folgenreiche Erfahrung: „Es war der Beginn einer namenlosen Erregung, von der ich glaube, daß sie geradewegs in die Dichtung führte.“

Durs Grünbein: Die Jahre im Zoo. Suhrkamp. 400 S., 24,95 Euro

Von Thomas Gärtner

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