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Beim zweiten Leipziger „Kino Kabaret“ verkommt Filmemachen zum Selbstzweck

Auf Schüler-Niveau Beim zweiten Leipziger „Kino Kabaret“ verkommt Filmemachen zum Selbstzweck

Da finden sich motivierte Menschen zu einem neuen kreativen Projekt zusammen, um mit wenigen Mitteln etwas Spannendes zu erschaffen, aber über die Resultate kann man sich am Ende wieder nur wundern.

Und Action! Dreh eines Kurzfilms beim zweiten Leipziger Kino Kabaret.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Dabei klang die Idee in diesem Fall besonders vielversprechend. Der Verein Kino Datsche lädt in drei Etappen zum Kino Kabaret: ein weltweit verbreitetes Veranstaltungsformat, bei dem Filminteressierte zusammenkommen und innerhalb von 72 Stunden diverse Kurzfilme drehen. Verwendet werden kann dabei nur, was die Teilnehmer selbst, der Organisator oder Sponsoren einbringen. Die Sharing-Mentalität wird groß geschrieben, ein Budget gibt es nicht. Diese Kino-Bewegung entstand 1999 in Montréal und hat inzwischen in den meisten großen Städten der Welt einen Ableger.

In Leipzig haben Judith Meister und ihr Verein die Veranstaltung vergangenes Jahr zum ersten Mal organisiert. „Leipzig ist keine klassische Filmstadt“, sagt Judith. Zwar fänden hier viele Festivals wie das UFO-Filmfestival oder die DOK Leipzig statt, aber für Filmschaffende gebe es nur wenig Möglichkeiten zur Umsetzung ihrer Ideen. „Die Leute sind nicht gut vernetzt, es arbeitet eher jeder für sich. Dabei ist das Potenzial hier sehr groß“, findet sie.

Leipziger Filmschaffenden eine Plattform zu bieten und sie besser zu vernetzen, das ist längst überfällig und ein schönes Ziel. Die Umsetzung scheitert jedoch, schon allein deshalb, weil beim hiesigen Kino Kabaret Leipziger deutlich in der Unterzahl sind. Zum ersten Produktionsmeeting traf man sich vergangenen Freitag in einem alten Industriegebäude in Plagwitz. Im Laufe der Woche folgen noch zwei weitere Kabaret-Durchgänge à
72 Stunden.

Die Vorstellungsrunde verrät: Es sind Teilnehmer aus Helsinki, Tel Aviv und Wien angereist. Fast alle haben schon mal bei einem Kino Kabaret in einer anderen Stadt mitgemacht, der Eifrigste unter ihnen kommt auf 82 Teilnahmen. Man kriegt den Eindruck, dass sich um das Format Kino Kabaret bereits eine eigene, kleine Community gebildet hat, die auf diese Weise günstig um die Welt reisen kann. Eher Zeltlager-Atmosphäre mit Filmemachen als Bonus sozusagen.

Ein Meer aus schauspielwilligen Produktionsexperten

Viele der Anwesenden haben beruflich irgendwas mit Film zu tun, sind Lichtexperten, Sounddesigner oder Produktionsassistenten. Hier würden sie aber am liebsten mal schauspielern, sagen überraschend etliche. Das ist der Moment, an dem die Zweifel an der Veranstaltung wachsen. Fast niemand macht den Eindruck, als sei er oder sie mit einer Idee gekommen. Ein Meer aus schauspielwilligen Produktionsexperten, aber keiner mit verfilmbarem Stoff. Hm.

Eigentlich sei das laut Judith aber Teil des Konzepts. Jeder konnte sich im Vorfeld anmelden, Erfahrung ist keine erforderlich. „Der Sinn ist, gemeinsam Ideen zu entwickeln“, sagt sie. „Es geht nicht um Wettbewerb, sondern darum, voneinander zu lernen, einander zu helfen und Neues auszuprobieren.“ Teilnehmer Sharif, der hier gerne weiter an seinem längeren Film arbeiten würde, wird dann auch harsch abgekanzelt. So geht’s nicht, er muss sich mit dem Drehen eines Trailers begnügen.

Judith und andere erfahrene Teilnehmer betonen, wie offen, unhierarchisch und niederschwellig das Kino Kabaret sei. Aber wehe, jemand macht keinen professionellen Pitch! Da kann sich mancher, der schon zum 82. Mal dabei ist, vor Entrüstung kaum beruhigen. Neuleipziger Florian, der sich als einer der wenigen wirklich Gedanken gemacht hat, beschreibt schön ausführlich seine Idee von einem Liebespaar in der Krise. Nach der kurzen Rüge, dass die Ausführungen für einen sogenannten Pitch, in dem die Handlung bestenfalls in nur einem Satz verdichtet werden soll, viel zu lang sei, verzichtet sein Nachfolger gleich ganz auf einen. Er wolle was zu Grenzen machen. Tamar aus Tel Aviv will irgendwas mit Feen drehen, und die Finnin Kerttu möchte einen Snapchat-Film mit Zombies machen.

Den Samstag nutzt die Gruppe zum Drehen, am Sonntag wird geschnitten. Tagsüber hat der Verein währenddessen ein Open-Air mit DJs und Band organisiert, das bis zum Abend sehr viele Gäste aus der linksalternativen Szene angelockt hat. An die 100 Leute schauen zu, als bei Einbruch der Dunkelheit die Ergebnisse der ersten drei Tage gezeigt werden. Das Publikum honoriert die Absurdität der Filme mit einigen Lachern und jubelt, sobald ein Funke Kapitalismuskritik zu Tage tritt.

Es fehlt gänzlich an Inhalt und Sinn

Die entstandenen Kurzfilme sprechen jedoch für sich. Jeder Videokurs einer siebten Klasse hätte Ähnliches, wenn nicht sogar Besseres produziert. Von den YouTubern heutzutage ganz zu schweigen, die in ihren Kinderzimmern mit ähnlich wenigen Mitteln anständige Filme drehen. Manche der neun Kino-Kabaret-Beiträge sind technisch besser umgesetzt als andere und lassen ein gutes Auge für Szenerien erkennen. Andere sind wiederum wirklich schlecht gefilmt, geschnitten und abgemischt, einer hat gar keinen Sound. Eins haben sie aber alle gemeinsam: Es fehlt ihnen gänzlich an Inhalt und Sinn.

Von Leuten wie Florian, die beim ersten Treffen eine richtige Idee hatten, ist kaum ein Film dabei. Vielleicht war die Zeit zu kurz, vielleicht die Sonne zu heiß, wer weiß. Die drei Gastbeiträge aus anderen Städten, die nach den Leipziger Produktionen gezeigt werden, fallen zwar inhaltlich auch eher dünn aus. Qualitativ sind sie aber um Lichtjahre besser.

Filme drehen ist heute so einfach wie nie, schon eine halbwegs gute Kamera reicht, um ein professionelles Bild zu liefern und Hochwertigkeit vorzugaukeln. Die beste Technik ersetzt aber nicht das Essentielle des Films: Ideen und Story­telling. Zu produzieren nur um des Produzierens willen, nützt weder der Leipziger Filmszene noch sonst irgendwem.

Ein Zuschauer scheint sich vom Konzept aber sehr angesprochen zu fühlen und will bei der zweiten Runde teilnehmen. Er erklärt seiner Sitznachbarin seine Idee und bringt damit alles auf den Punkt: „Oberstes Ziel ist, dass der Film entsteht. Wie er dann ist, ist erstmal zweitens. Weil wenn nix entsteht, dann ist ja nix.“ Das macht vielleicht den Teilnehmern Spaß, ist aber für den Rest der Welt irrelevant.

Die Ergebnisse der zweiten Etappe werden am Mittwoch, 20 Uhr, im UT Connewitz (Wolfgang-Heinze-Straße 12a) gezeigt. Die dritte Session beginnt am Donnerstag, 11 Uhr, Registrierung unter www.kinodatsche.de (daraufhin erfährt man, wo das erste Treffen stattfindet), finale Präsentation am Sonntag, 20 Uhr, im UT Connewitz.

Von Friederike Ostwald

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