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Bekanntschaft mit dem neuen Ich: „Neon Palace“ im Westflügel

Rollenspiel Bekanntschaft mit dem neuen Ich: „Neon Palace“ im Westflügel

Im Lindenfels Westflügel entführt das performative Rollenspiel „Neon Palace“ in einen bizarren Club der Zukunft.

Schwester Sulfur (Samira Lehmann) tanzt im grünen Lichtkegel.

Quelle: Dana Ersing

Leipzig. Es ist ja nicht so, dass man nicht gewarnt gewesen wäre. Die finalen Anweisungen, die nach der Anmeldung zum „Neon Palace“ per E-Mail zugehen, sind unterzeichnet von Iod und Astat. Iod und Astat sind ziemlich weit rechts zu Hause im Periodensystem der Elemente. Es sind Halogene, über welche die Chemie-Grundlagenliteratur zu berichten weiß, sie seien sehr „reaktionsfreudig“. Astat ist gar radioaktiv, entsteht als Zerfallsprodukt von Uran. Im Halbdunkel des Clubs begegnen einem die beiden Elemente dann als reale Wesen zum Anfassen. Oder besser nicht, der stechende Blick und das roboterhafte Auge stellen Abstand her. Man ahnt, dass sie nicht nur bluffen, wenn sie die Neulinge wissen lassen: Ihr werdet beobachtet.

Der Lindenfels Westflügel produziert in erster Linie Figurentheater, dient aber auch als Brutstätte für im weitesten Sinne theatrale Experimente, für spielerische und interaktive Installationen, die das komplette Haus in eine fremde Welt verwandeln. Saal, Bar, Keller. In Schwarzlicht getaucht, dienen sie seit Donnerstag bis Samstagabend (alle Termine ausverkauft) als „Neon Palace“. Ein fiktiver Nachtclub, der auf die düster glimmenden Verheißungen realer Vorbilder anspielt, auf parallelweltliche Zerstreuung, verruchtes Amüsement und Exklusivität. Wer durch die Schleuse in den „Neon Palace“ findet, darf sich als „Auserwählter“ fühlen und mit seinem neuen Ich Bekanntschaft schließen. Denn der „Neon Palace“ ist natürlich mehr als ein temporärer Club, hier entspinnt sich ein performatives Live-Rollenspiel, dessen Sub-Story es für die Besucher zu ergründen gilt. Eine Dystopie, die ein bisschen durch düstere Zukunftsromane wie Aldous Huxleys „Brave New World“ geblättert hat.

Man befindet sich im Jahr 2372

Die Pille, die in der Eingangsschleuse in die Münder wandert, hilft schon dabei zu verstehen: Das bisherige Leben mit seinem ganzen 21.-Jahrhundert-Gedöns war eine in die Hirne projizierte Illusion. Die Gäste dürfen sich als Befreite fühlen, die der Wahrheit ins Gesicht blicken. Sie befinden sich im Jahr 2372, vor allem aber wegen der Verwüstung der Erde auf einem Planetoiden, der wiederum von einer Cyberplant durchdrungen ist, die mit Lebensraum und Mensch in symbiotischer Beziehung steht. Den leuchtenden Stamm der Cyberplant kann man in der Bar bewundern. Und versuchen zu verstehen, wie das alles funktioniert. Hirnströme als Nahrungsquelle? Fusion von organischem Leben und digitaler Technik? Oder wie war das? „Niemand erwartet von euch, dass ihr die jüngste Geschichte kennt“, haucht ein Bot-Wesen beruhigend.

Und niemand scheint alles zu wissen in dieser Welt. Das ist eine treibende Kraft des Abends. Die Besucher fluten vorbei an bizarren Gestalten auf der Jagd nach Antworten, Seelenreinigung und Punkten, die gemäß eines undurchdringlichen Regelwerks vergeben werden. Eine Punktehatz, die zeigt, dass die kapitalistische Gier des 21. Jahrhunderts auch auf dem Planetoiden grassiert. Erster Fingerzeig schon, dass die Situation nicht so rosig ist, wie es die Loge darzustellen versucht? Geheimnisse offenbaren sich, die zu einem Bild gefügt werden müssen.

Mehr Glitzer auf den Nägeln

Die Performer treiben in einem Spiel der kalkulierten Unschärfen ihre Geschichten voran, auch in ruhigen Ecken, von nur wenigen Augen beobachtet. Deshalb setzt „Neon Palace“ Kommunikation voraus, um die Puzzleteile zusammenzusetzen, von denen man nie weiß, ob sie nun Wahrheit oder Gerücht enthalten. Das stockt mitunter, läuft in Sackgassen, franst aus oder führt zu ungestümen Reaktionen der Gäste. Das Risiko eben, das interaktive Theaterformen immer bergen. Die Gruppendynamik ist nicht berechenbar, sondern Teil des Experiments.

„Neon Palace“ mit seiner Detailfülle und seinem vielköpfigen Team rund um die Initiatoren Jonas Klinkenberg und Stefan Wenzel funktioniert zweigleisig, macht ebenso Spaß, wenn man den Forscherdrang zwischenzeitlich abwirft und das heimliche Casino im Untergrund, die Katzenhöhle oder die Liege des Mannes in Gold einfach als bizarres Hintergrundrauschen für einen vergnüglichen Abend betrachtet. Irgendwann geht es raus und zurück ins Jahr 2017. Illusion hin oder her. Vielleicht mit ein wenig mehr Glitzer auf den Nägeln als zuvor.

Von Dimo Rieß

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