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Beklemmende Text-Collage feiert Leipzig-Premiere - "Rechnitz" im Schauspiel

Beklemmende Text-Collage feiert Leipzig-Premiere - "Rechnitz" im Schauspiel

An einen schwer verdaulichen Stoff über ein SS-Massaker hat sich Schauspiel-Intendant Enrico Lübbe mit "Rechnitz (Der Würgeengel)" gewagt. Am Donnerstagabend feierte die beklemmende Text-Collage, die Lübbe im vergangenen Jahr erstmals in Chemnitz aufführte, Leipzig-Premiere auf der Hinterbühne des Schauspiels im Rahmen der euro-scene.

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Noch essen die Boten (Michael Pempelforth, Ellen Hellwig, Daniela Keckeis, Sebastian Tessenow und Hartmut Neuber) gesittet.

Quelle: Rolf Arnold / Schauspiel

Leipzig. Die Toten hat man nie gefunden. Bis heute. Dennoch besteht kein Zweifel an der Tat. Am 24. März 1945 tötete eine SS-Abendgesellschaft der Gräfin Batthány, ein Spross der Thyssen-Familie, auf deren Schloss in Rechnitz im österreichischen Burgenland 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter. Zwangsarbeiter, halb verhungert, als arbeitsunfähig eingestuft und damit wertlos für die Maschinerie des Nationalsozialismus, die ihrer teuflischen Präzision unbeirrt bis in die Tage des eigenen Untergangs folgte.

Der Dokumentarfilm "Totschweigen" hat versucht, das Verbrechen zu rekonstruieren. Gestoßen sind Margareta Heinrich und Eduard Erne bei ihren Recherchen aber auf eine Mauer des Schweigens. Der Film ist Grundlage für den Text "Rechnitz (Der Würgeengel)" der Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Ein Text, der sich nicht in erster Linie an der Rekonstruktion des Verbrechens versucht, sondern das Phänomen der kollektiven Verdrängung in den Mittelpunkt stellt.

Enrico Lübbe hält sich, wie meist in seinen Inszenierungen, eng an die Vorlage. Und so erlebt das Publikum auf der Hinterbühne nicht die Täter und die Tat, nicht die Opfer und das Leid, sondern die Boten, die berichten. Fünf durchweg überzeugende Schauspieler legen das Geschehen in einer Sprechtheater-Collage frei - um es gleichzeitig zu verschleiern. Mit den Mitteln der Sprache, mit Andeutungen, Relativierungen, dem Verweis auf eigenes Nicht-Wissen, die Zwänge der Zeit, die eigene Nichtigkeit im großen Gefüge, die schicksalhafte Zwangsläufigkeit des Geschehens.

Sie werden alle ausgepackt, die bekannten Immunisierungs-Strategien gegen Nachforschung, Kritik und Gewissensdruck. Stereotype rhetorische Figuren, die Aufarbeitung - strafrechtlich, gesellschaftlich, individuell - verhindern. Das macht das Stück so relevant, weil es über den konkreten Fall hinausweist. Weil es zeigt, wie Verharmlosung funktioniert. Weil die Frage eingewoben ist, wie denn ein Zusammenleben nach der Schuld möglich ist.

Und so fällt auf der Theaterbühne der Regie und den Schauspielern die schwierige Aufgabe zu, die Wirkungsmacht des Textes nicht nur auszuspielen, sondern die Ungeheuerlichkeit zu verstärken, Beklemmung erlebbar zu machen, fühlbar. Das gelingt sehr geschickt über kleine Gesten, wenn das Radio lauter gestellt wird, als im Off der erste Schuss knallt. Das gelingt über Symbolik, wenn vom historischen Gepäck die Rede ist, Daniela Keckeis dann aber nur ein winziges Köfferchen über die Bühne zieht - dem sie dann auch noch ein Raumspray entnimmt, um die Gerüche der Vergangenheit zu tilgen. Und das gelingt vor allem über das Spiel. Über die kippende Mimik einer Ellen Hellwig, wenn sich vermeintlich neutrale Beobachtung entlarvend in spöttische Parteinahme verwandelt. Vom erschossenen Zeugen erzählt sie. Dass sein Hund tot daneben liegt, bringt sie dann doch zum Lachen.

Die Regie zieht eine wohl gesetzte Diskrepanz zwischen Spiel und Wort ein. Die Boten agieren eben nicht als neutrale Beobachter, die sie vorgeben zu sein. Es umgibt sie der Habitus der Billigung. Denn gleichzeitig simulieren sie in Pelz und Nadelstreifen, mit Zigarre und Whisky die Abendgesellschaft, über die sie berichten. Sie werfen sich in ein Fressgelage aus Sauerkraut und Eisbein. In einer Gier, die die Perversion jener illustriert, die sich schamlos alles einverleiben, auch das Recht über Leben und Tod. Dabei wäre sie, die Gier, höchstens den fast verhungerten Opfern angemessen. Zum schwer verdaulichen Stück wabert nun ein in diesem Zusammenhang fast unerträglicher Geruch gutbürgerlicher Küche durch den Zuschauerraum.

Das geschieht recht früh im Stück, woran sich einer der wenigen Kritikpunkte festmachen lässt. Der Höhepunkt der Beklemmung ist erreicht. Danach wird es schwierig, die Intensität über die restliche Dauer des rund eineinhalbstündigen Abends zu halten.

Hugo Gretler hat die Bühne als Salon mit stoffbespannten Wänden ohne Fenster konzipiert. Eine Tapete als Entschuldigung. Sie schluckt den Schall. Nichts hören, nichts sehen, so lautet die Botschaft. Am Rande eine Dusche, in der sich die Boten immer wieder reinwaschen.

Auf der Bühne jonglieren sie mit Jelinek-Wortspielen und originalen Zeugenaussagen, greifen weit aus, thematisieren die Flucht der Gräfin in die Schweiz. Und verstärken die Monströsität der Tat, wenn sich langsam entpuppt, dass das Morden nicht der Dynamik eines spontanen Blutrausches folgte, sondern geplant war. Und über alles legt die Theater-Montage die Decke der Beschwichtigung. Das reicht vom trotzigen Vergleich ("Wir haben auch gelitten") bis zur Erklärung, angesichts der Hinfälligkeit der Opfer, hätte man sich "die Mühe mit Feuerwaffen nicht machen müssen." So wird Vergessen organisiert. Und über den Hall der Schüsse auf der Hinterbühne legt sich Musik: Der Jäger aus Kurpfalz.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.11.2013

Dimo Riess

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