Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 5 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Bernd-Lutz Lange veröffentlicht neues Buch und zieht darin Bilanz

Interview Bernd-Lutz Lange veröffentlicht neues Buch und zieht darin Bilanz

Am 17. Oktober erscheint sein neues Buch: „Das gabs früher nicht“. Im Interview spricht der Leipziger Autor und Kabarettist über verlorene Illusionen, den Abschied von der Schreibschrift und die Bedeutung von Ausrufungszeichen. Buchpremiere ist am 27. Oktober im Haus des Buches.

Kritischer Optimist: der Kabarettist und Autor Bernd-Lutz Lange.

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Irren mag menschlich sein, aber zweifeln ist menschlicher, indem es gegen das Irren angeht“, hat der Philosoph Hans Bloch gesagt, und Bernd-Lutz Lange stellt das Zitat an den Beginn seines neuen Buches „Das gabs früher nicht“, das am 17. Oktober im Aufbau Verlag erscheint. Früher war vieles anders, sagt Lange, nicht aber, früher sei alles besser gewesen. Im Interview spricht der 72-jährige Autor und Kabarettist, der sich als kritischer Optimist bezeichnet, über ein neues Gesellschaftsmodell, Schreibschrift und produktiven Müßiggang.

Sie bezeichnen es als Ihre Überzeugung, Ideale zu behalten, aber Illusionen zu verabschieden. Von welcher Illusion haben Sie sich zuletzt verabschiedet?

Von der Illusion, dass es Politiker schaffen, das Leid von Menschen zu beenden. Wer erträgt noch die Bilder aus Aleppo? Wofür steht heute die Uno? Ich denke außerdem, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem sich zeigt, dass sich die Parteiendemokratie erschöpft hat. Um die großen Probleme unserer Zeit zu lösen, wird die Weisheit des gesamten Volkes gebraucht. Wir bräuchten ein neues Gesellschaftsmodell, in dem nicht nur Mitglieder von Parteien in den Parlamenten sitzen, sondern Menschen, die sich vor allem durch hohe Sachkenntnis und integre Charaktere auszeichnen. Das sage ich mit dem Nachsatz: „Man wird ja noch mal bissl träumen dürfen.“

In Ihren Texten verbinden sie Anekdotisches mit Faktischem, nehmen den Zeitgeist aufs Korn. Haben Sie sich da was von der Seele geschrieben?

Durchaus. Mein Buch heißt ja nicht umsonst im Untertitel „Ein Auslaufmodell zieht Bilanz“. Vor zwei Jahren habe ich zu meinem 70. geplant mit Kabarett aufgehört, sehe aber unser Leben natürlich weiterhin mit kabarettistischem, also kritischem Blick. Somit wird das Buch mit Beobachtungen aus den letzten Jahren auch zur Bühne.

Mitunter fallen Ausrufungszeichen auf, das lässt sie energisch wirken, fast wütend. Sind Sie manchmal wütend?

In meiner Generation benutzt man das Ausrufezeichen vielfach noch zur positiven Bekräftigung. So schreibt man eben auf Glückwunschkarten „Alles Gute!“. Das macht die nächste Generation nicht mehr. Manchmal will man auch etwas hervorheben nach dem Motto „Das musst du dir mal vorstellen!“ Das hat also selten mit Wut zu tun. Aber wütend kann ich natürlich auch werden. Zum Beispiel, wenn ich erlebe, dass es letztlich der Mut der Demonstranten von 1989 auch möglich gemacht hat, dass durch unsere Straße heutzutage 120 Neonazis ziehen können, die „Wir sind das Volk!“ rufen. So etwas hätten wir uns damals nicht vorstellen können.

Wenn Sie über Veränderungen in der Sprache, bei den Umgangsformen schreiben und vom Glück schwärmen, in einem Antiquariat zu stöbern – sehen Sie die Vergangenheit als eine Stöberstube für nicht mehr lieferbare Erlebnisse?

Das trifft es. Einige meiner Bücher versuchen einfach, an das gelebte Leben zu erinnern. Da bleibt in unserer schnellen Zeit so viel auf der Strecke. Ich bekomme immer wieder Post von Menschen, die dankbar sind, wenn parallel zum Lesen meiner Geschichten ein Stück ihrer eigenen Kindheit oder Jugend wieder auftaucht. Ich finde es wichtig innezuhalten und sich nicht vom Zeitgeist treiben zu lassen. Außerdem wird einem die Länge seines Lebens nur bewusst, wenn man nicht durch den Tag hetzt und ständig schon an morgen denkt, sondern sich auch bewusst erinnert. Neues mit Altem vergleicht. Deshalb stelle ich in meinem neuen Buch am Anfang jedes Kapitels eine Replik zum jeweiligen Thema von früher, um dann meine Sicht auf das Heute zu beschreiben.

„Liebe Eltern, lasst die Kinder in Ruhe! Meiner Generation ist das gut bekommen“, fordern Sie. Kann man die eigenen Erfahrungen aufs Heute übertragen?

Nicht generell. Dazu war die Kindheit meiner Generation in der Nachkriegszeit viel zu anders geprägt. Mit den beiden erwähnten Sätzen meine ich die sogenannten Helikopter-Eltern, die unentwegt über den Kindern kreisen. Die Fachleute schätzen sie auf etwa 30 Prozent. Unsere Eltern haben uns vertraut und wussten nicht, wo wir spielten, und wir haben uns an die Absprachen gehalten.

Sie thematisieren den Abschied von der Schreibschrift, den Abschied von ganzen Sätzen – erleben wir den Abschied vom gesunden Menschenverstand?

Er kränkelt mitunter. Ein Professor der Universität hat mir gesagt, dass er noch nie bei Abiturienten solch schlechte Rechtschreibung erlebt hat wie in unseren Zeiten. Merkt das keiner mehr an den Schulen? Oder ist das alles nicht mehr so wichtig? Die Schreibschrift ist eine Kulturtechnik und ein Persönlichkeitsmerkmal. Untersuchungen von Fachleuten zeigen, dass die fließende Handschrift Auswirkungen auf das Denken hat. Ich las, dass 70 Prozent der Kinder nach dem Kindergarten nicht mehr die motorischen Voraussetzungen für das sogenannte Kritzelalphabet mitbringen. Das sind kleine Schleifen, Schlangen- und Zickzacklinien. Das liegt am Bewegungsmangel, an fehlender Fingerfertigkeit. Smartphones und Tablet-Computer lassen grüßen ...

... wo ganze Sätze sowieso kaum üblich sind.

Da übt sich längst auch ein Heer von Journalisten im Verzicht: „So muss Technik“ (aus der Werbung), „Sie kann auch Oma“ (über Angela Merkel) oder „So geht Theater“ (aus einem Interview). Da kann ich nur sagen: Dieses Deutsch kann mich mal.

Weitere Themen sind Technologie, Lichtverschmutzung, vegane Ernährung – Zumutungen der Moderne oder Reaktionen darauf. Werden in den sogenannten intelligenten Häusern nur noch dumme Menschen wohnen?

Das ist sehr zugespitzt formuliert. Aber ich denke, wir müssen schon aufpassen, dass in der Zukunft nicht die Dinge mehr kommunizieren als die Menschen. Und das die sich nicht allmählich in der virtuellen Welt besser fühlen als in der realen.

Sie zeichnen den Alltag auch als Überforderung – wie politisch ist das Private?

Viele leiden tatsächlich an selbst gemachtem Stress. Wer glaubt, dass er seinen Tag auch in der Freizeit ständig durchorganisieren muss, nimmt sich weniger Zeit zum Nachdenken. Übernimmt mehr servierte Meinungen und verliert damit mitunter seine eigene. Nach dem Mangel an Information kam die Überinformation. Die kann sich als eine diffizile Form der Manipulation zeigen. Ich selbst liebe den produktiven Müßiggang. Bei dem Wort Entschleunigung werden manche schon nervös. Mein Eindruck ist, dass die Seele oft nicht mehr der Schnelligkeit der Zeit hinterher kommt.

Birgt die Gegenwart für Sie noch komisches Potenzial?

Mitunter liefern Politiker unfreiwillig Pointen – die würden den besten Kabarettisten nicht einfallen. Unschlagbar. Nichts ist phantastischer als die Wirklichkeit, aber das Lachen bleibt einem schon im Angesicht der Zustände auf unserer Welt öfter im Halse stecken. Und die Schrill- und Grellheit vieler Comedy-Leute ist für meine Generation – das höre ich immer wieder von Gleichaltrigen – schwer zu ertragen. Einen warmherzigen Menschenbeobachter wie Loriot mit so viel Witz wird es wohl nie mehr geben. Der doppelte Boden bei Humor und Satire bleibt oft auf der Strecke und auch die Pointe, die man selbst im Kopf zu Ende denken muss.

Gibt es etwas aus der jüngeren Vergangenheit, worauf Sie nicht verzichten möchten?

Eine ganze Menge. Ich zähle mich durchaus zu den Gewinnern der Revolution. Ich konnte alle Kabarettprogramme und alle Bücher schreiben, die ich wollte. Ich habe mit Gunter Böhnke in den USA und Israel Kabarett gespielt und bin mit meiner Frau in alle unsere Sehnsuchtsorte gereist. Von Wien bis Paris. Von Florenz bis Jerusalem. Von der Toscana bis in die Provence. Ich freue mich an dem hellen rekonstruierten Zentrum unserer Stadt und genieße die Vielfalt der Gastronomie – auch mit Blick auf unsere neue Seenlandschaft. Ich kann alle Bücher und alle Musik dieser Welt aus der Stadt nach Hause tragen und sie bei einem guten Rotwein genießen.

Buchpremiere: 27. Oktober, 19.30 Uhr, Haus des Buches, Vorbestellung (8/6 Euro) ab heute im Haus des Buches. Mo–Fr 9–15 Uhr an der Rezeption oder unter Tel. 0341 9954134

Das Buch ist ab dem 17. 10. in den Geschäftsstellen der LVZ sowie im LVZ Media Store/Höfe am Brühl zu haben. Vorbestellungen sind bereits jetzt möglich unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181070 und unter www.lvz-shop.de

Bernd-Lutz Lange

Bernd-Lutz Lange: Das gabs früher nicht. Ein Auslaufmodell zieht Bilanz. Aufbau Verlag; 349 Seiten, 19,95 Euro (erscheint am 17. Oktober)

Quelle: Aufbau Verlag

Von Janina Fleischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr