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Berührt von der Wirklichkeit: Michael Ondaatjes neuer Roman erzählt von großen Abenteuern

Berührt von der Wirklichkeit: Michael Ondaatjes neuer Roman erzählt von großen Abenteuern

Für seinen Roman „Der englische Patient“ erhielt Michael Ondaatje 1992 als erster kanadischer Schriftsteller den renommierten Booker Prize. In seinem neuen Buch „Katzentisch“ erzählt der 1943 im heutigen Sri Lanka geborene Autor von einer Schiffsreise dreier Heranwachsender, die in den 50er Jahren von Colombo nach London aufbrechen.

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Quelle: Dominik Brüggemann

Leipzig. Ein Abenteuerroman voller zauberhafter Bilder und sanfter Weisheit.

Als Cassius längst ein bekannter Maler ist, besucht Michael in London eine seiner Ausstellungen und entdeckt auf den Bildern gemeinsame Vergangenheit: Die nächtliche Fahrt durch den Suezkanal. „Wir selbst taten nichts, sondern sahen zu, wie eine sich ständig verändernde Welt an unserem Schiff vorbeizog, in einer wandelbaren Dunkelheit voller Andeutungen.“

Wir – das sind Ich-Erzähler Michael, Cassius und Ramadhin, elf und zwölf Jahre alt, „unberührt von der Wirklichkeit des Lebens“, als sie 1954 die dreiwöchige Schiffsreise antreten, die nicht nur auf einen neuen Kontinent führt, sondern in gewisser Weise ihre Kindheit beendet und sie ihnen andererseits für immer bewahrt. Eine Reise, die mit dramatischen Ereignissen, Begegnungen und Freundschaften zu einem Teil von ihnen wird. „Ich war wieder an der Reling und schaute, und während er diese Bilder malte, war Cassius im Geist ebenfalls dort. Adieu, sagten wir zu all den Männern. Adieu.“

Michael, der noch nie unter einer Bettdecke geschlafen hat und Treppenstufen nicht gewohnt ist, erfährt mit den beiden anderen jungen Einwanderern auf dem Luxusdampfer mit sieben Decks und über 600 Passagieren die weite Welt auf engstem Raum. In kurzer Zeit kommen sie mit Phantasien, Liebe, Enttäuschung, Mord, Hoffnungen und Lügen in Berührung. Sie können sich das alles selbst erschließen, nach ihren eigenen Regeln, von denen eine lautet: „Jeden Tag mussten wir mindestens ein Verbot übertreten.“

Dazu genügt es, sich in die 1. Klasse zu schleichen, sich am falschen Buffet zu bedienen oder in einem der Rettungsboote zu verstecken, um heimlich den nächtlichen Ausgang eines Gefangenen zu beobachten. Es geht aber auch ärger. Als die drei vom Landgang in Aden einen kleinen Hund an Bord schmuggeln, kostet das einen Menschen das Leben. In solchen Momenten schwenkt Ondaatje ins märchenhaft Metaphorische. Mit sicherer Hand lotst er durch die Erinnerungen, in die sich Autobiographisches mischt, die er mit erzählerischer Verve auftischt – spannend, unterhaltsam, zauberhaft.

Michael, Cassius und Ramadhin, die sich bis dahin nicht oder nur flüchtig kannten, werden mit sieben anderen Passagieren dem Tisch Nr. 76 zugeteilt, der am weitesten von dem des Kapitäns entfernt liegt. Am unattraktiven Katzentisch versammeln sich die scheinbar unwichtigsten Reisenden, in Wirklichkeit sind es natürlich die aufregendsten, geheimnisvollsten. Wie Mr. Nevil, ein Schiffsabwracker im Ruhestand, der sich bestens auskennt im Bauch der „Oronsay“, wo Mr. Daniels, ein Botaniker, giftige Pflanzen hegt, die sich bei Bedarf auch rauchen lassen. Da trifft Miss Lasqueti, die in den wattierten Taschen ihres Mantels Tauben spazieren trägt, ab und zu ein Buch über Bord wirft und darüber hinaus trefflich schießen kann, auf Mr. Mazappa, einen Pianisten mit unbändigem, rauen Humor.

Michael teilt die Kabine mit Mr. Hastie, der tagsüber den Hundezwinger beaufsichtigt und jede Nacht mit drei Kumpanen Bridge spielt. An Bord sind aber auch ein Baron mit krimineller Energie, ein todkranker Millionär, ein populärer Verbrecher, ein taubes Mädchen, ein Lehrer, der Hanfseile verbrennt, weil er den Geruch der Heimat vermisst, und Michaels entfernte Cousine Emily, die seine engste Vertraute werden soll.

In dieser schwimmenden Stadt nutzen die Jungen die Möglichkeit, aller Ordnung zu entkommen. Sie genießen ihre Neugier und auch, auf sich allein gestellt zu sein. „Nach und nach wurde uns klar, dass Mr. Mazappa mit seinen Musikgeschichten und Mr. Fonseka mit seinen Liedern von den Azoren und Mr. Daniels mit seinen Pflanzen, all diese Menschen, die uns bis dahin wie Götter erschienen waren, nur Nebenfiguren waren, dazu bestimmt, zuzusehen, wie diejenigen, die über wahre Macht verfügten, im Leben weiterkamen oder scheiterten.“ Aber, sagt Michael später, es würden immer „Fremde wie sie sein, die mich an den verschiedenen Katzentischen meines Lebens zu einem anderen Menschen machen sollten.“

Mit jedem Tag, jedem Gespräch, jedem Mut und jedem Zaudern lernen die drei,  sich einzufühlen, sie erleben: „Was interessant und wichtig ist, ereignet sich in der Regel im Verborgenen, an machtfernen Orten“ – und nicht unbedingt am Kapitäns-Tisch. „Diejenigen, die Macht besitzen, bleiben in der vertrauten Fahrrinne, die sie sich ausgebaggert haben.“

Spätestens mit dem Zeitsprung ins Erwachsenenleben des Erzählers fügt Ondaatje schließlich die immer neuen Verbindungen und Zusammenhänge zu einem Bild, das die Auswirkungen von Begegnungen auf das ganze weitere Leben zeigt. Auch wenn die Reisenden einander niemals wirklich nahekommen, mangelt es nicht an Lektionen des Abschiednehmens, die ebenso zum Rüstzeug gehören, wie die Erfahrung einer Geborgenheit. Dies als Abenteuer zu begreifen, grundiert den Roman, dessen Autor resümiert: „Manchmal finden wir unser wahres, ganz und gar uns gehörendes Ich in der Jugend. Dann erkennen wir etwas ins uns, was anfangs winzig ist und in das wir hineinwachsen werden.“

Janina Fleischer

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