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Bewegender Abschied von Kurt Masur in der Leipziger Thomaskirche

Beisetzung auf dem Südfriedhof Bewegender Abschied von Kurt Masur in der Leipziger Thomaskirche

Letzte Ehre für Kurt Masur: Der im Dezember verstorbene Dirigent und langjährige Gewandhauskapellmeister ist am Donnerstag auf dem Leipziger Südfriedhof beigesetzt worden. Zuvor nahmen 450 geladene Gäste und viele Bürger bei einem bewegenden Trauergottesdienst in der Thomaskirche Abschied.

Impressionen von der Live-Übertragung des Mitteldeutschen Rundfunks von der Trauerfeier in der Leipziger Thomaskirche.

Quelle: Screenshot: MDR-Livestream

Leipzig. Düster beginnen die tiefen Streicher des Gewandhausorchesters. Verhangen, zagend, klagend. Zunächst haken nur die Männerstimmen der Thomaner sich ein mit der Bitte „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr, Gott, zu unsern Zeiten“. Und allmählich erst hellt der Satz sich auf, dringt per aspera ad astra, aus der Dunkelheit ins Licht zur Gewissheit vor, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern nur eine Zwischenstation, eine Zäsur.

Besser, treffender, sprechender, bewegender als mit dieser Motette Felix Mendelssohn Bartholdys unter der Leitung von Interims-Thomaskantor Gotthold Schwarz lässt sich nicht in Töne fassen, was Pfarrer Martin Hundertmark wenig später in seiner Predigt in Worte kleidet, beim bewegenden Trauergottesdienst für den am 19. Dezember im Alter von 88 Jahren gegangenen Kurt Masur: „In der Tiefe der Musik hat er Gott gesucht. Konzertsäle verwandelten sich, wenn er dirigierte, in Kathedralen. Sein Gottesdienst war es, Musik für andere hör- und erlebbar zu machen. Sein Gebet war Musik und seine Musik gleichsam Gebet.“

Das sind große Worte, pathetische Worte. Sie münden in die beinahe naive Vision, dass Masur, der Zeit Lebens wollte, dass seine Musiker klängen wie Engel, nun „bei den himmlischen Engeln“ musiziere. Und sie ziehen spirituell überhöht die Summe eines Lebens, dessen Antrieb der unumstößliche Glaube an die Kraft der Musik war. Daran, dass sie – und wahrscheinlich nur sie – die Menschen besser machen könne.

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung sagt in seiner Rede für den einstigen Gewandhauskapellmeister und Ehrenbürger der Stadt im Grunde nichts Anderes. Aber er überträgt es, obwohl selbst Theologie, in die säkulare Ebene. Preist den Humanismus, der diesen und den dieser Musiker aus Schlesien erst nach Leipzig und von da in die Welt getragen hat. Ohne den es das Gewandhaus am Augustusplatz nicht gäbe, der den Samt-klang des Gewandhausorchesters prägte wie kein Zweiter, dem Leipzig und die Musikwelt das  Mendelssohn-Haus in seiner heutigen Form verdanken. Weil Masur, der unbeirrbar aus seinen Überzeugungen lebte, nie sich selbst ins Zentrum seines Wirkens stellte, sondern die gleichsam heilige Sache der Musik. Jung würdigt, dass Masur auch nach seinem Fortgang als Gewandhauskapellmeister 1996 der Stadt verbunden geblieben war, der er all seine immense Kraft geschenkt habe. Jung: „Leipzig ist ihm Heimat geworden. Das kann man nicht unbedingt von einem Kapellmeister erwarten.“

Feierlicher Abschied von Kurt Masur: Am Donnerstag kamen rund 450 geladene Gäste und viele Bürger zum Gottesdienst in die Thomaskirche. Leipzigs berühmter Dirigent und ehemaliger Gewandhauskapellmeister wird am 14. Januar in Leipzig beigesetzt.

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So beleuchten die beiden unter dem Blick des teuren Toten, der von einem Foto, das neben seiner Urne am Grab Johann Sebastian Bachs aufgestellt ist, weise und milde ins Kirchenschiff lächelt, den weiten Weg dieser Ehrfurcht gebietenden Persönlichkeit von zwei Seiten – die doch nur eine ist. Weil Kurt Masur Musik und Spiritualität nicht trennte, sondern beides verband mit, so sagt es Pfarrerin Britta Taddiken, „einer Stärke und Präsenz, die manche auch nicht auszuhalten vermochten“.

Die Kirche ist voll von Menschen, die Kurt Masur kannten, von der einen oder von der andern Seite. Aus der ganzen Welt ist seine Familie angereist, um seiner Witwe Tomoko, mit der er vier Jahrzehnte lang durch Dick und Dünn gegangen ist, auf diesem letzten gemeinsamen Weg Halt zu geben. Fünf Kinder aus drei Ehen sitzen im Mittelschiff, weinen, wenn Hundertmark alte Erinnerungen wachruft, lächeln aber auch beim Gedanken an diesen Familienmenschen, der noch kurz vor seinem Tod in den Staaten übte, um seiner Tochter Carolin bei Schumanns Lied „Mondnacht“ am Flügel auf Augenhöhe begegnen zu können.

Der geigende und malende Schauspieler Armin Müller Stahl ist angereist, um seinem Freund der späten Jahre das letzte Geleit zu geben, und Anne-Sophie Mutter, die Geigerin, die sich auf dem Podium mit dem Dirigenten Kurt Masur verstand wie kaum ein anderer Solist. Der Dresdner Sänger Peter Schreier, mit dem er so oft musizierte, sitzt im Kirchenschiff, der Komponist Siegfried Matthus, für dessen Schaffen Masur sich so nachdrücklich und hachhaltig eingesetzt hat. Sachsens Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf ist gekommen, mit dem der Gewandhauskapellmeister nach der Wende in eine neue Zeit aufbrach, Leipzigs Ex-Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube, an dem Masur sich in dieser neuen Zeit rieb, sein Nachfolger Wolfgang Tiefensee, heute Minister in Thüringen.

Natürlich ist Masurs Amtsenkel dabei, der noch amtierende Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly, der den Samtklang des Orchesters weiter formte für eine noch neuere Zeit. Gewandhausdirektor Andreas Schulz sitzt neben ihm, und wer vom Orchester nicht oben auf der Empore musizierend dem Andenken des Ex-Chefs dient, nimmt im Kirchenschiff Abschied. Jürgen Ernst ist da, der Direktor des Mendelssohn-Hauses, der gemeinsam mit Schulz die Witwe zu Beginn erst zu Bild und Urne geleitet und dann an ihren Platz.

Für sie alle, und das macht diesen Trauergottesdienst so wertvoll in seiner Würde, füllt sich das Bild eines Giganten mit Farbe, dessen Leben sie ein Stück weit teilen durften. Die einen als Freunde oder Angehörige, die anderen als musikalische Mitstreiter, Partner, als Widerpart. Oder aus Erzählungen wie die ukrainische Konzertpianistin Ruslana Yurko, die seit fünf Jahren in Leipzig lebt: „Masurs Tod“, sagt sie, „ist ein großer Verlust für die Stadt und die musikalische Weltkultur. Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt, aber Freunde haben mir privat von ihm erzählt. Und so habe ich mir ein Bild von Masur gemacht. Was er für das Gewandhaus und die Einheit getan hat, beeindruckt mich zutiefst. Diesen friedlichen Verlauf hätte ich mir bei der Orangenen Revolution für meine Heimat auch gewünscht.“

Für sie alle geht dieses Bild auf in der Musik, die den Vormittag durchzieht. Im Singen, das Masur so am Herzen lag, von „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und „Ein feste Burg“ bis „Nun ruhen alle Wälder“, abwechselnd mit den Thomanern und begleitet vom Thomasorganisten Ullrich Böhme, der den Gottesdienst mit Bach rahmt. Das Gewandhausorchester steuert die Air aus Bachs D-Dur-Orchestersuite bei, begleitet Mendelssohn und das Dona nobis pacem aus der h-moll-Messe. Große Musik, Musik mit Botschaft, Musik aus jenem Geiste, der Kurt Masurs Wirken bestimmte. Und sie alle nehmen Jungs Schlussworte mit auf den Weg nach draußen: „Wir werden nicht auskommen wollen ohne sein Vermächtnis, ohne seinen Glauben an die Kraft der Musik.“ Er und Tomoko Masur seien bereits im Gespräch, wie man gemeinsam dieses Vermächtnis für die Nachwelt bewahren könne.

Seine Urne ruht nun auf dem Leipziger Südfriedhof, wo sie am Mittag im Familienkreis beigesetzt wurde. Sein Geist aber bleibt. Ohne ihn wäre Leipzig eine andere Stadt. Und keine bessere.
 
Peter Korfmacher

Gewandhaus Leipzig 51.337821 12.38041
Gewandhaus Leipzig
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