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Bewegungsfluss im freien Raum: Trapez-Duo gewinnt bei Newcomershow in Leipzig

Krystallpalast Varieté Bewegungsfluss im freien Raum: Trapez-Duo gewinnt bei Newcomershow in Leipzig

Großer Gewinner der Newcomershow im Leipziger Krystallpalast Varieté ist das kanadisch-französische Duo Guillaume & Marie. Mit seiner Trapeznummer gewann es den Großen Preis der Jury und den Publikumspreis. Längst hat sich die Newcomershow zur festen Instanz für die gesamtdeutsche wie internationale Varieté-Szene entwickelt.

Große-Opern-Posen: Thibault Theyssens mit dem Roue Cyr.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Vom 29. Juni bis 2. Juli war es wieder soweit: Das Krystallpalast Varieté lud an vier Abenden zu seiner traditionellen Newcomershow. An vier ausverkauften Abenden, wohlgemerkt. Denn diese Veranstaltung hat sich, seit sie 2000 zum ersten Mal über die Bühne ging, zur festen Instanz entwickelt. Für die gesamtdeutsche wie internationale Varieté-Szene. Und fürs Publikum sowieso. Oder um es mit einer Zuschauerin zu sagen, die am finalen Sonntag auf die einschlägige Frage von Conférencier Martin Quilitz launig verriet: „Zur Newcomershow sind wir Stammgäste. Und sonst eigentlich auch immer.“

Dürfte sich wohl auch in Zukunft nicht ändern. Denn mag sich der Newcomer-Durchlauf 2017 im Vergleich (etwa zum letzten Jahr) qualitativ insgesamt eher im Mittelfeld positionieren, reicht das allemal noch aus für eine kurzweilige Varieté-Show; unterhaltsam genug, ihr getrost auch weiterhin die Treue halten zu können.

Selbst dann noch, wenn man den Umstand mit einbezieht, dass Martin Quilitz’ Moderation, nun ja, nicht gerade vor Witz und Esprit überschäumte. Noch als 16-jähriger, erzählt er da etwa, habe er Chinesen auf der Straße angesprochen und gefragt, wo sie denn ihren Kontrabass haben. Gottlob habe ihn später der Kontakt zum Varieté, zur Unterhaltungskunst der großen weiten Welt, aus dieser seiner Provinzialität befreit. Deren Humor hat Quilitz sich indes durchaus bewahrt.

12 Acts aus zehn Ländern

Sei’s drum – und zurück zur großen weiten Welt: 12 Acts aus zehn Ländern gab es zu sehen. Ausgewählt aus 321 Bewerbungen aus wiederum 41 Ländern und 5 Kontinenten. Und gleich die ersten Künstler des Abends kommen von ganz weit her. Aus dem Land der aufgehenden Sonne nämlich. Weshalb das Duo White Asparagus eben nicht nur in weiß gekleidet ist, sondern passenderweise mit einem roten Bällchen eine hübsch hampelnde Rangelei um eben dieses Bällchen vollführt. Und wenn das auch kein allzu aufregender Klamauk zweier goldiger Spargel-Tarzane (Asparagus ist lateinisch für Spargel) sein mag, so ist es doch temporeich und witzig genug, um einen guten Show-Opener abzuliefern.

Auf den dann vom amerikanischen Luftring-Duo Hoop Duality zum brasilianischen Hosenknopfmagier Dan Marques, vom belgischen Basketball-Ballkünstler zum russischen Ball-Jongleur Nummern folgen, die allesamt weder als Durchhänger noch als Durchstarter über die Bühne gehen.

Aufregender mittendrin und origineller allein schon ob der Musikauswahl, ist in diesem ersten Show-Teil allerdings die Dabietung des Belgiers Thibault Theyssens am Roue Cyr. Meditative Streicher-Kaskaden untermalen ironisch gebrochene Große-Opern-Posen zu hypnotischen Wirbeln in und am Rad. Driftet die Musik in (dezente) Dissonanz, zelebriert Theyssens passgenau getimt ein Beinahe-Straucheln, das freilich immer wieder gekonnt in Harmonie und Akkuratesse mündet.

Eine Nummer, die den vom Publikum angemessen bejubelten Höhepunkt des ersten Teils markiert. Dessen Schluss die andalusischen Impact-Brothers bilden. Mit einer effektvoll mit Martial-Arts-Elementen dynamisierten Sprungakrobatik, die wie ein Versprechen auf gesteigerte Rasanz wirkt. Auch dafür gibt’s zu recht verstärkten Applaus.

Den zweiten Teil eröffnet der Franzose Etienne mit seinem Diabolo. Was schon etwas nach Nerd klingt – junger Mann und sein bester Freund, das Diabolo. In Erscheinungsbild und Auftreten wird das dann auch prompt von Etienne umspielt; als ein Image, nur dazu da, durch eine pfiffige Darbietung unterlaufen zu werden.

Suggestive Hula-Hoop-Nummer

Weniger augenzwinkernd, dafür im Stil guter, alter Varieté-Comedy, jongliert dann noch Edgar Falzar mit allerlei Bällen, lässt Mantega aus Rio den Whiskey-Circus rotieren und bietet die Deutsche Lea Prinz eine durchaus suggestive Hula-Hoop-Nummer. Auch hier gilt insgesamt: Gut, kurzweilig, aber nicht sonderlich aufregend.

Was es fürs kanadisch-französische Duo Guillaume & Marie dann vielleicht fast etwas zu leicht macht, nicht nur den Schluss- sondern auch den Höhepunkt dieser Newcomer-Show zu setzen. Und damit sowohl den von der Fachjury um Urs Jäckle, künstlerischer Leiter des Krystallpalastes, verliehenen Großen Preis der Jury (verbunden mit einem Engagement im Krystallpalast), als auch den Publikumspreis abzustauben.

Und da spricht nichts dagegen, angesichts einer Trapez-Darbietung die als schon beinah kontemplativer, faszinierend kraftvoller Bewegungsfluss im freien Raum aufscheint. Ein still konzentrierter akrobatischer Dialog. Unaufgeregt aufregend. Ein souveräner Gewinner.

Von Steffen Georgi

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