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Bildreiche „Brodsky“-Premiere in der Schaubühne Lindenfels

Theaterstück Bildreiche „Brodsky“-Premiere in der Schaubühne Lindenfels

Das Schau-Ensemble der Schaubühne Lindenfels verknüpft in „Brodsky“ Leben und Werk des Dichters und Nobelpreisträgers Joseph Brodsky. Am Donnerstag feierte Regisseur René Reinhardt mit seinem Ensemble die Premiere.

Laila Nielsen, Mario Rothe-Frese, David Jeker und Johannes Gabriel (von links) durchpflügen das Werk Brodskys.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Die beiden Konsuln Tullius und Publius sitzen in ihrer Zelle und diskutieren die exquisiten Speisen. Sie sprechen über den Hang aller Systeme, Menschen einzusperren. Und über die perfiden Methoden ihres Gefängnisses im antiken Rom. Sie reden miteinander nur sichtbar als Projektionen. Die Köpfe erscheinen auf zwei kleinen Bildschirmen, die verloren auf der viel zu großen Bühne der Schaubühne Lindenfels stehen. Das verstärkt das Gefühl des Eingesperrtseins. Daneben steht ein Vogelkäfig. Von wegen, frei wie ein Vogel.

Joseph Brodsky, Dichter, Literaturprofessor, Nobelpreisträger, im damaligen Leningrad geboren, 1972 aus der Sowjetunion ausgebürgert, in die USA emigriert, Brodsky kannte das Gefühl von Enge und Ketten. Brodsky, das „arbeitsscheue Element“, schuftete im Arbeitslager wegen „Parasitentums“. Brodsky verbrachte Kindheit, Jugend, junge Erwachsenenjahre in großer Enge mit seinen Eltern in eineinhalb Zimmern. „Brodsky“ heißt die Theaterproduktion des Schau-Ensembles, das am Donnerstagabend in der Regie von René Reinhardt Premiere feierte. Und das tief eindringt in das Leben des Dichters, der dieses Jahr 75 Jahre alt geworden wäre, jedoch schon 1996 in New York einem Herzleiden erlag. Begraben wurde er an seinem Sehnsuchtsort Venedig.

Damit sind die Orte seines Lebens, Denkens und Schreibens umrissen. Byzanz kommt (in Anlehnung an seinen Essay-Band „Flucht aus Byzanz“) hinzu. Und die an den geografischen Fixpunkten des Dichters festgezurrte Reise in der Schaubühne kann beginnen. In der Struktur eine Inszenierung, die an die gelungene vorige Schaubühnen-Produktion „Camus“ anknüpft. Auch das ein Stück, das Leben und Werk eines Dichters ästhetisch vielfältig, aber mit Bedacht und ohne Effekthascherei verknüpfte. Nur: Bei Camus lässt sich manches voraussetzen, was für den weit weniger bekannten Brodsky nicht gilt. Entsprechend fordernd breiten sich die gut zweieinviertel Stunden Spielzeit aus, erschließt sich nicht gleich jede Idee.

Die Spielebenen überlagern sich

Dennoch gelingt es dem Team um die Schauspieler Laila Nielsen, Mario Rothe-Frese, David Jeker und Johannes Gabriel, sich von der Masse des Stoffes nicht erschlagen zu lassen. Gabriel tritt als Professor Brodsky vor das Publikum und doziert über WH Audens Gedicht „Der
1. September 1939“. Auden, dessen Lyrik Brodsky schätzte und der ihm bei der Ankunft im Westen behilflich war. In der Schaubühne, die den ganzen Saal zur Bühne macht, überlagern sich dann die Spielebenen.

Aus den Worten des Dozenten im Vordergrund entwickelt sich, als gedankliche Abschweifung interpretierbar, auf der Bühne dahinter Szene um Szene. Flüssig, aber ohne Hast aneinander geschnitten. Bildreich, wenn sich zum Beispiel aus dem Quadrat auf dem Bühnenboden, das eben noch Brodskys Zimmer in Leningrad darstellte, Byzanz erhebt, als Schnittpunkt von West und Ost. Und eben immer um die enge Verzahnung von Biografie und das lyrische bis essayistische Werk bemüht, das kühn geschichtliche Distanzen überwindet und seine Bezugspunkte immer wieder in der Antike findet. Wenn von „antiindividualistischen Vorstellungen, dass menschliches Leben im Grunde nichts ist“, gesprochen wird, dann schimmert nicht nur Stalin-Kritik durch. Und aus den Worten, die Brodsky Odysseus in den Mund legt, spricht das eigene Schicksal. Nur kehrte Brodsky nie zurück. Er ließ einen Sohn in Russland. Und seine Eltern, die am Ende als schwarze Krähen stumm von der Bühne auf den Dichter blicken.

Weitere Termine: Freitag, Samstag und 22. bis 24. Oktober, 20 Uhr, Schaubühne (Karl-Heine-Straße 50); www.schaubuehne.com

Von Dimo Rieß

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