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Blek le Rat und Co: Im Magazin der Uni Leipzig lagert ein Graffiti-Kunstschatz

Blek le Rat und Co: Im Magazin der Uni Leipzig lagert ein Graffiti-Kunstschatz

Street-Art ist populärer denn je. Im Netz sehen sich täglich tausende Nutzer Fotos der meist heimlich angebrachten Kunst im öffentlichen Raum an. Als in Leipzig Blek le Rats Schablonen-Bild "Madonna mit Kind" wieder auftauchte, war die Stadt so stolz darauf, dass sie es mit einer Glasscheibe gesichert hat.

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Das grüne Männchen mit dem roten Schlapphut tauchte nach dem Künstlertreffen 1991 plötzlich überall im Straßenraum und an der Universität auf.

Quelle: Kustodie der Universität Leipzig

Leipzig. Was aber kaum einer weiß: Bei Bleks Besuch in Leipzig 1991 entstanden über 100 Bilder namhafter französischer und deutscher Graffiti-Künstler. Bis heute schlummert dieser kleine Kunstschatz im Magazin der Universität.

 Die plötzliche Aufmerksamkeit überrascht Cornelia Junge. Bei der Konservatorin der universitären Kunstsammlung hat sich jahrelang niemand danach erkundigt, was eigentlich aus den Schablonen-Graffiti-Bildern geworden ist, die bis zur Sanierung der Universität im Neuen Seminargebäude hingen. Seit aber die Wiederentdeckung von Blek le Rats gesprühter Madonna durch die internationale Presse gegangen ist, mehren sich die Anfragen bei ihr.

 Allen die nachfragen, gibt Junge eine beruhigende Antwort: Ja, die Bilder sind noch da. Sie sind sicher verwahrt und ja, sie sollten eigentlich längst wieder aufgehängt sein. Nur: Das Wiederanbringen ist eine komplizierte Sache und nicht eben damit erledigt, ein paar Nägel in die Wände zu schlagen.

 Denn was im klimatisierten Kunstmagazin der Uni lagert, könnte wieder zu einer kleinen Sensation werden. Es sind über 100 Tafeln aus Acryl - manche mit einer Höhe von bis zu zwei Metern, andere in handlicherem Format - darauf die Kunstwerke, die im Nachwendejahr bei der "Galerie Éphémère" entstanden sind, dem Graffiti-Treffen von französischen und Leipziger Künstlern an der Universität.

 Die Künstler wollten dem grauen und gesichtslosen Bau der Uni mit Hilfe der Pochoir-Technik etwas Unverwechselbares schenken: eine Galerie. Pochoir ist der französische Name für Stencil, der Schablonen-Technik, mit der sich aufwendig gezeichnete Bilder innerhalb kurzer Zeit per Sprühdose an Wände bringen lassen.

 Stargast des Treffens ist Xavier Prou, alias Blek le Rat, der die Schablonen-Technik in den Kontext von Street-Art eingeführt hat - und damit als einer der Wegbereiter von Banksy gilt, Ikone der internationalen Street-Art-Szene. Doch Blek kommt nicht allein. Mit dabei sind unter anderem Jef Aerosol und Miss.Tic, zwei französische Künstler, die inzwischen ebenfalls international Karriere gemacht haben.

 Die Begrüßung, die den Anreisenden zuteil wird, könnte kaum euphorischer ausfallen. Kustos Rainer Behrens kann endlich laut aussprechen, was er zuvor nur denken durfte: Die Sprengung der Universitätskirche und des alten Augusteums 1968 seien unverzeihlich gewesen, sie hätten die Verbindung des Baus mit der fast 600-jährigen Geschichte der Universität ausgelöscht. Nun sieht er die große Chance, dem Campus von 1975 endlich etwas Originalität zu verpassen. Bis dato erinnerten ihn die Bauten nämlich "peinlich, aber sehr direkt an Verschulung und Bürokratie. Wie in ihnen sich lebendige Wissenschaft kreativ entfalten soll, bleibt ein Rätsel", so Behrens.

 Aus dem Treffen wird eine wilde Woche, wie die zahlreichen Fotos und Dokumente zeigen, die Cornelia Junge in der  Kustodie aufbewahrt. Im betongrauen Innenhof der Uni stehen überall Leinwände und Farben. Einen alten Volvo haben die Künstler bunt angesprüht, mit ihm fahren sie während des Treffens häufig durch die Stadt. Überall tauchen kleine grüne Männchen mit roten Schlapphüten auf - sie sind das Maskotchen der Veranstaltung, die natürlich nicht auf die Uni beschränkt bleibt, sondern sich langsam jenseits des Campus am Augustusplatz ausbreitet. Nicht jeder Leipziger ist darüber erfreut.

 Allerdings muss Kustos Behrens geahnt haben, worauf er sich einlässt. 1991 schreibt er im Universitätsjournal: "Pochoir ist eine Street Art, eine Kunst der Straße, öffentlich für jedermann und ihm auch ausgeliefert. Die Ateliers sind die Straßenräume der großen Städte, Bilderträger die Mauern ihrer Häuser." Weil die Künstler häufig ungern gesehen seien, arbeiteten sie vor allem während der Nacht, "in deren Schutz sie schattengleich ihr Werk tun." Das wichtigste Element der Street-Art sei die Intervention in den öffentlichen Raum. Die Straße sei die demokratischste aller Galerien, so Behrens. Die Botschaft könnte glatt von einem der Sprüher selbst stammen.

 "Galerie Éphémère", heißt das Leipziger Treffen, weil Pochoirs schon Anfang der 1990er als vergängliche Kunstwerke gelten. Einmal an die Hauswand gesprüht, verblassen sie wieder oder werden von Hausbesitzern entfernt. Dieser Aufzählung lassen sich inzwischen noch die Kunstsammler hinzufügen, die Werke aus den Mauern herauslösen, um sie zu verkaufen. Erst neulich wurde ein auf diese Weise "gestohlenes" Bild von Banksy für 1,1 Millionen US-Dollar versteigert.

 Die 1991 in Leipzig entstandenen Bilder dürfen allerdings weder verkauft noch entfernt werden, das haben Kanzler und Veranstaltungsmacher vertraglich festgelegt. Stattdessen sollte die Galerie dauerhaft im Seminargebäude hängen. Die Werke dürfen aber abgenommen und eingelagert werden, wenn das Gebäude saniert wird. Deshalb bleibt die Galerie bis 2007 an ihrem Platz - und wird dann während des Umbaus eingelagert.

 Doch inzwischen ist die Sanierung längst abgeschlossen. Warum also sind die Bilder noch nicht zurück? Das Problem, erklärt Cornelia Junge, sei der andere, große Schatz in der universitären Kunstsammlung: Die Epithaphien aus der gesprengten Paulinerkirche. Sie lagern gemeinsam mit der Galerie in einem speziell klimatisierten Raum. Um den Kirchenschmuck restaurieren zu können, wurden dort eine Werkstatt und eine spezielle Tür eingebaut. An beidem passen nun die Wände mit den Stencils nicht mehr vorbei. Also sollen zunächst die Kunstwerke aus der alten Kirche im neuen Paulinum angebracht werden, bevor dann die Street-Art-Galerie ihren Weg zurück ins Seminargebäude findet. Das sei fest geplant, versichert Junge.

 Für die Wiederaufhängung der Bilder sprechen eine Menge Gründe. "Die Galerie Éphémère schuf einem geisttötenden Lehrgebäude ein lebendiges inneres Antlitz", freute sich Kustos Behrens nach der Veranstaltung 1991 und fügte hinzu: "Die Unangepasstheit und der unorthodoxe Charakter der Arbeiten wollen auch darauf verweisen, dass wissenschaftliche Lehre und Forschung der Offenheit und unangepassten Lebendigkeit bedürfen, wollen sie produktiv bleiben und dem Menschen nützlich sein." Seine Botschaft hat auch mehr als 20 Jahre später nichts von ihrer Aktualität eingebüßt: Bei der Strenge der gegenwärtigen Bachelor- und Master-Studienordnung tut Anregung zum unkonventionellen Denken dringend Not.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.06.2013

Clemens Haug

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