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Blick in die Abgründe des Lebens - Juli Zeh legt mit Nullzeit einen Kammerthriller vor

Blick in die Abgründe des Lebens - Juli Zeh legt mit Nullzeit einen Kammerthriller vor

Ab 1. August liegt „Nullzeit" in den Buchläden, der neue Roman der Ex-Wahl-Leipzigerin Juli Zeh. Ein virtuos konstruierter Kammerthriller um eine Dreieckbeziehung, in der nichts so ist, wie es scheint.

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Ab 1. August liegt „Nullzeit" in den Buchläden, der neue Roman der Ex-Wahl-Leipzigerin Juli Zeh.

Quelle: dpa

Leipzig. Oder doch?

Sven ist ausgestiegen. Hat nach dem juristischen Staatsexamen Deutschland verlassen, das er fortan „das Kriegsgebiet" nennt, weil eine Gesellschaft, deren Zusammenhalt im Ein- und Abschätzen, im Be- und Verurteilen von allem und jedem gründet, für ihnen keinen Platz bereithält. Damit will er „nichts mehr zu tun haben.

Als ich wenig später auf der Insel ein neues Leben begann, war ,Raushalten‘ das Fundament, auf dem ich meine Weltsicht erbaute." Und so hockt er, fast 40-jährig, nun inmitten der Aussteiger-Gesellschaft auf Lanzarote, betreibt mit seiner Jugendliebe Antje, die eher doch nur eine Jugendfreundin ist, eine gut gehende Tauchschule – und hält sich raus.

Wofür er beim Tauchen das perfekte Umfeld findet: „Wer zehn Meter in die Tiefe tauchte, reiste zugleich zehn Millionen Jahre in der Evolutionsgeschichte zurück – oder an den Anfang der eigenen Biographie. Dorthin, wo das Leben begann, im Wasser schwebend und stumm. Ohne Sprache keine Begriffe. Ohne Begriffe keine Begründungen, ohne Begründungen kein Krieg. Ohne Krieg keine Angst. Nicht einmal die Fische fürchteten uns."

Dann brechen Jola und Theo ein in sein Leben, die Soap-Schauspielerin und der ausgeschriebene Romancier, und mit ihnen das Verhängnis. Für beide, die exaltiert unglückliche Schöne und den reflektiert Unglücklichen ist dieser Urlaub die letzte Chance. Für ihrer beider selbstzerstörerische Beziehung zwischen Gewalt und gegenseitiger Abhängigkeit.

Für Jolas Karriere, die sie an große Rolle hängt: Die Tauchpionierin Lotte Hass will sie spielen, sich aufs Casting mit Svens Hilfe vorbereiten. Und es kommt, wie es kommen muss: Sven erliegt Jolas körperlichen Reizen, auch der Faszination, die von der bizarren Hassliebe der beiden Gäste ausgeht. Und am Ende gelangt er zu einer Einsicht, die als schwere Moralkeule so gewichtig über dem Roman kreist, dass sie beinahe körperliches Unbehagen auslöst.

Sven: „Etwas hatte sich verändert. Ich ... spürte, dass ich ein anderer geworden war. Ich verstand nicht mehr, warum ich den Begriff ,raushalten‘ vierzehn Jahre lang so attraktiv gefunden hatte. Es war ein hässliches Wort." Aber wenn es das schon wäre, die Läuterung zum Bürger, der sich den Verantwortung stellt, die Gesellschaft und Mitmenschen uns aufbürden – „Nullzeit" wäre nicht von Juli Zeh, sondern vom späten Simmel.

Nein, dieser Läuterung ist nicht zu trauen. Wie in diesem stilistisch grandiosen Dreiecks-Kammerthriller niemandem zu trauen ist. Zunächst ahnt der Leser es nur, weil das Einsickern des Verderbens in Svens Leben sachte geschieht, beinahe unmerklich. Da sitzen Sven und Antje, Jola und Theo beim gemeinsamen Abendessen.

Die Gäste giften sich an, wissen genau, wohin unter der Gürtellinie sie zielen müssen, um möglichst starke Verletzungen zu erzielen, und Zeh reichen drei Sätze, um das verkorkste Leben von vier Menschen darin unterzubringen: „In der Wandlampe brannte sich ein Nachtfalter brummend und zischend zu Tode. Die Kaninchenfasern zwischen meinen Zähnen bereiteten mit ein unbehagliches Gefühl, das ich im ganzen Körper spürte. Antje hob den Kopf und sah Theo mitfühlend an."

Jeder der vier Hingeworfenen hat sein eigenes Leben. Und seine eigene Wahrheit. 18 Kapitel hat der Roman, in beinahe allen wechselt die Perspektive. Tut sie es nicht, fällt es um so deutlicher auf. Zuerst also berichtet Sven, dann erfährt der Leser, wie der Sachverhalt sich in Jolas Tagebuch widerspiegelt. Beide Welten driften in der Wahrnehmung auseinander, und bald beginnen auch die Wahrheiten sich zu widersprechen: Sven schildert da ausführlich, wie er beinahe mit Jola geschlafen hätte, Jola ebenso ausführlich den beglückenden Sex mit ihm.

Theo, der nicht gut wegkommt in diesen Aufzeichnungen, der offenkundig seine Partnerin vergewaltigt und demütigt, liest überdies das Tagebuch. Und so hat Sven, der keusche Ritter, alsbald auch diesen Zyniker am Hals – dem er in rätselhafter Weise zugeneigt scheint. Doch Svens Aufzeichnungen verfolgen ein Ziel. Es geht um ein Verbrechen, auf das diese 14 Tage im Tauchparadies so unerbittlich zusteuern, dass es unmöglich ist, das Buch aus der Hand zu legen. Es geht um die „Nullzeit" menschlicher Beziehungen.

Beim Tauchen bezeichnet dieser Begriff die Zeitspanne, die man unter Wasser verbringen und ohne Dekompressions-Zwischenstopp an die Wasseroberfläche zurückkehren kann. Hier nun steht er für die größtmögliche Annäherung eines Menschen an einen anderen, ohne dass beider Leben sich unumkehrbar verändern.

Im Roman wird diese Grenze überschritten. Wie genau, bleibet offen. Oder doch nicht ganz: In einer der beiden Perspektiven gibt es einen Webfehler, der ahnen lässt, dass alles doch ganz anders ist. Schöner allerdings nicht.

Zeh steht auch in „Nullzeit" wieder für die Abgründe des Lebens und der Seele. Da beruhigt sie fast ein wenig, wenn sie Sven sinnieren lässt: „Antje kannte sich mit Literatur aus. Ich wollte sie fragen, wie viel echtes Leben in einer Geschichte steckte. Ob ein Autor, der etwas Scheußliches bis ins Detail beschrieb, sich damit auch praktisch auskennen musste" ...

Peter Korfmacher

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