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Bob Dylan im Gewandhaus Leipzig

Legende gab Konzert Bob Dylan im Gewandhaus Leipzig

Bob Dylan spielte Montagabend auf seiner unendlichen Tour 100 Minuten im Leipziger Gewandhaus Songs, die Frank Sinatra berühmt gemacht hatte, Songs von seinem letzten Meisterstück „Tempest“ und jede Menge alter Stücke, die allerdings erstaunlich frisch klangen.

Bob Dylan war Montagabend im Leipziger Gewandhaus – mit striktem Fotografierverbot. Das Foto stammt von 2012.

Quelle: EFE

Leipzig. Graue Kräuselhaare unterm flachen Hut mit runder Krempe, halblanger, schwarzer Überrock zur silbern bestickter Weste, Gamaschen-Schuhe. Der Mann könnte glatt aus einem Südstaaten-Epos kommen. Er spricht auch so: rau und nuschelig. Aber das macht er nur einmal. Als es nach einer knappen Stunde in die Pause geht, lässt er ein paar Worte fallen. Aufatmen. Er ist gut drauf. Was für das Konzert nicht unerheblich ist. Denn hat Bob Dylan einen miesen Tag erwischt, lässt er den auch raushängen. Montagabend hatte das gefüllte Gewandhaus Glück.

Eine Legende auf unendlicher Tour. Etwas tapsig stakste er über die Bühne, sang, spielte Mundharmonika und saß am dunklen Flügel, der immer wie ein Piano klang, trat bei Zwischenspielen ins Zwielicht, stemmte eine Hand in die Hüfte, wippte gelassen, hörte in die Akkorde, die die wunderbare Band spielte – und beugte immer mal wieder seinen Oberkörper nach vorn. Wie jemand, der Rückenschmerzen hat und entspannt.

Mythos lebt Musik

Aber so ist er eben. Bob Dylan, ein Mythos, der nur noch in seine Musik eingesponnen ist. Ein Ergrauter, der als lebender Geist durch die Welt zieht und nichts anderes macht als Songs zu spielen. Die alten gern so, dass sie klingen, als wären sie durch Häcksler gedreht und von einer Mangel zerpflückt. Die neuen ziemlich rockig und countryesk. Was aber womöglich nur am straffen Einsatz von Pedal-Steel-Gitarre und Banjo liegt.

Es dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, Bob Dylan war ja nicht das erste Mal in Leipzig, dass sich manches zwar so spleenig und strapaziös anhört wie der Meister auf der Bühne erscheint, nichtsdestotrotz frisch und frech klingt. Vielleicht ist genau das die Kunst von Bob Dylan: Er erfindet sich und seine Songs immer wieder neu. Da ist er dann viel jünger als alle jungen Bands.

Swinging Bob

Genauso inszenierte er sich denn auch 100 Minuten (plus 20 Minuten Pause) lang mit 20 Songs im Gewandhaus. Sieben kamen von „Shadows in the Night“, der Hommage-CD an swinging Sinatra, fünf von „Tempest“ (2012), dem letzten Geniestreich von Old Bob, zwischendurch ein paar ältere und ganz alte Sachen. Allerdings kamen die alle aus dem Frischebad, klangen also so, als wären sie gerade erst gestern geschrieben.

Ein paar Gitarrero-Riffs, dann ging’s los mit „Things Have Changed“, dem Oscar-Song aus „Wonderboy“ von 2000. Die exzellente Band legte einen herrlichen Country-Cajun-Sound darunter, der nach Straße durch weite Landschaft und New Orleans klang. Die fünf Musiker hinter Master Bob verstanden es einfach, immer wieder durch Klangfarben Bilder abzurufen, Atmosphäre zu malen, Stimmungsbetten zu legen.

Auch, als sie mit vollen Akkorden in das frühe Liebeslied „She belongs to me“ einstiegen, das sich ganz und gar nicht nach 50. Song-Geburtstag anhörte. Bob Dylan holte das erste Mal die Mundi raus. Dann geht er zum Flügel/Piano und legt er lässig ein schleppendes, schwüles, schwingendes „Beyond here lies nothin’“ hin.

Stilistische Achterbahnfahrt

Und gleich der nächste Wechsel – in die Crooner-Ära, zu Frank Sinatra, mit Slide-Gitarre und Kontrabass. Es klingt wie aus einer Bar der 40er in einem Schwarz-weiß-Krimi: „The Night we called it a Day“. Bellend angeschlagene Gitarre und schon swingt locker „Duquesne Whistle“ (aus „Tempest“). Gleich die nächste Achterbahn: Irving Berlins „What I’ll do“ von 1923, das wie aus einer Hawaii-Technicolor-Schnulze klingt, dann rockt Bob „Pay in Blood“ so kräftig als ob er nie was Swing gehört hätte.

Das Hin und Her ist Prinzip. Keine kalten Wechselbäder, sondern Eintauchen in Stilen, die eigentlich wenig zusammen passen. Aber die Sinatra-Nummern klingen ja auch nie nach Sinatra. Die klingen immer dylanesk. Wofür schon die krächzend-kratzende Stimme sorgt, die sich bei den Hommagen allerdings ganz erstaunlich diszipliniert.

Nur zwei Zugaben

Es wird noch genäselt, doch nicht mehr gematscht. Das geht peng-peng. Auf „I’m fool to want you“ folgt „Tangled up in blue“ (einer der Höhepunkte), auf „All or nothing at all“ (Sinatras erster Hit) der Ehe-Abschied „Long and wasted years“. Hinreißend die melodiöse Ballade „Scarlet Town“, von der man sich wünscht, sie möge noch fünf Minuten länger sein, wunderbar einfühlsam „Autumn Leaves“, das Lied von Yves Montand.

Bob Dylan ist nur noch Bob Dylan, der Sänger, mit ein bisschen Mundi, ein bisschen Tasten, ohne Gitarre, ohne Keyboard. Er wirkt entspannt und gelöst, hin und wieder huscht sogar ein Lächeln übers Gesicht unterm Hut. Aber er hält sich an sein Programm: nur zwei Zugaben.

Beim zerpflückten, von Gesang und Rhythmus verwehten „Blowin’ in the wind“ wünscht man sich nur, Pete Seeger hätte damals in Newport wirklich die Stromleitung mit der Axt durchtrennt. Bei „Love Sick“ ist man irgendwie ausgesöhnt. Das eine geht einfach nur nackt wirklich unter die Haut, das andere braucht Riffs und Bobs gespuckte Zeilen. Standing Ovations. Abgang. Die endlose Tour geht woanders weiter.

Von Norbert Wehrstedt

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