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Boualem Sansal eröffnet Leipziger Literarischen Herbst

Lese-Festival Boualem Sansal eröffnet Leipziger Literarischen Herbst

Drei Friedenspreisträger werden erwartet, der erste hat am Dienstag den 19. Leipziger Literarischen Herbst eröffnet. In der Alten Handelsbörse sprach der algerische Schriftsteller Boualem Sansal über den Islam, Islamismus und Sprache – Themen seines neuen Romans „2084“.

Boualem Sansal eröffnet den 19. Leipziger Literarischen Herbst.

Quelle: André Kempner

Leipzig. In seinen Augen blitzt ein Lächeln. Sogar dann, wenn Boualem Sansal in die Zukunft schaut. Vielleicht funkelt da die Hoffnung, sich zu irren. Denn was Sansal über seinen Roman „2084 – Das Ende der Welt“ sagt, klingt alles andere als optimistisch. Am Dienstagabend hat der algerische Schriftsteller in der Alten Handelsbörse den 19. Literarischen Herbst eröffnet – und damit auch den Schwerpunkt „Leipzig Livre“ als erster von fünf französischsprachigen Autoren.

Es sei typisch für die Kultur seines Landes, dass Intellektuelle in den öffentlichen Debatten einen besonderen Platz einnehmen, sagt Philippe Étienne, Botschafter Frankreichs in Berlin. Er erinnert an Émile Zolas offenen Brief „J’accuse …!“ (Ich klage an) und nennt ihn den „Wegbereiter der Empörten von heute“, deren Engagement „oft nicht von der Literatur zu trennen ist“, wenn sie die Macht der Worte nutzen, um zu verzaubern oder zu mahnen.

Von einem Festivalprogramm voller „Cœur und Courage“, Herz und Mut, spricht Regine Möbius, Vizepräsidentin des Deutschen Kulturrates und gemeinsam mit Steffen Birnbaum Projektleiterin des Festivals, das „die dunklen Abende für eine Woche erhellen“ soll.

Schlechte Aussichten

Europa wird sich ändern, sagt Kulturbürgermeister Michael Faber, und fragt: Wird die Literatur darauf reagieren? Werden bald ganz andere Geschichten erzählt? Wird eine neue Weltliteratur entstehen, die der Migranten? Boualem Sansal gehöre zu jenen, die auf die sich verändernde Situation in der Welt immer wieder eindringlich hinweisen, auch dafür 2011 ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Im Gespräch mit Markus Messling spricht Sansal, 1949 in Algerien geborene, wo er heute noch lebt, an diesem Abend über Islam und Islamismus, über seinen neuen Roman, der in Frankreich für etliche wichtige Literaturpreise nominiert ist, von dem dort bereits über 150 000 Exemplare verkauft wurden. Voraussichtlich im Frühjahr soll „2084“ auf Deutsch erscheinen (im Merlin Verlag), übersetzt von Vincent von Wroblewsky, der in der Alten Handelsbörse ganz beglückend simultan dolmetscht und dies auch bei den anderen Veranstaltungen von „Leipzig Livre“ übernehmen wird.

Wie George Orwell in „1984“ entwirft Sansal eine Zukunft unter totalitärer Herrschaft. Allerdings wird es bei ihm eine religiös grundierte sein. Er glaube, dass der Krieg unter den Muslimen nicht aufhört und der gegen den Westen noch weniger. Europa bleibe gespalten, Intoleranz nehme zu, so wie Zweifel, Ängste, Manipulationen. Totalitäre Systeme ließen sich nicht vermeiden, man sehe in Afghanistan und im Iran, wie die Dinge sich herausbilden.

Es ist wie mit Cholesterol

Das empfindet nicht nur Moderator Messling als pessimistisch, doch Sansal begründet seine Beunruhigung: „Man beobachtet Entwicklungen und sieht eine Radikalisierung der westlichen Gesellschaft.“ Er sieht Misstrauen, Nationalismus und eine einseitige, enge Sicht auf das Leben. Das Europa, in dessen Zentrum die Werte der Aufklärung stehen, „ist dabei zu kippen“. Diese Werte aber sind für ihn das einzige Gegengewicht gegen fundamentalistische Entwicklungen. Kurz gefasst verhalte es sich mit dem Islam „wie mit Cholesterol: es gibt gutes und schlechtes“.

Mit seinem Roman will Sansal prüfen, ob die Kriterien, die Orwell in einem atheistischen Umfeld entwickelt hat, „übertragbar sind auf eine Welt, die durch und durch religiös ist“: Unsichtbarkeit der Macht, Beseitigung der Geschichte, Ritualisierung der menschlichen Aktivitäten, Konstruktion einer primitiven Ideologie verbunden mit einer primitiven Sprache.

Welche Beziehungen zwischen Religion und Sprache bestehen, ist Sansals großes Thema. „Schafft sich die Sache ihre Sprache oder die Sprache ihre Sache?“ Ein erfundenes Vokabular leerer Wörter bedeutet nichts, sagt er und nennt als Beispiel, wie Führungskräfte eines Unternehmens miteinander reden. „Der Verlust der Sprache ist eine der Hauptursachen unseres Scheiterns.“

Und wo bleibt die Hoffnung? Sie flammt in den Augen des Schriftstellers.

Aus dem Festival-Programm

Am Mittwoch, 19 Uhr, ist Friedenspreisträger Navid Kermani im Alten Rathaus zu Gast.

Ebenfalls 19 Uhr stellt Sherko Fatah „Der letzte Ort“ vor, einen literarischen Thriller über Freundschaft und Verrat; Nationalbibliothek, Deutscher Platz 1; Eintritt frei

19.30 Uhr wird Im Zeitgeschichtlichen Forum die Buchpremiere der „Stimmen für Leipzig“ gefeiert – von Jutta Pillat herausgegebene Liebeserklärungen an die Stadt; Grimmaische Str. 6; Eintritt frei

20 Uhr wird der Schriftsteller und Philosoph Alain Finkielkraut zu Lesung und Gespräch in der Bibliotheca Albertina erwartet; Beethovenstr. 6; Eintritt frei.

Am Donnerstag auf dem Programm:

19 Uhr: „Klar sehen und doch hoffen“, Lesung und Gespräch mit dem Pfarrer, Schriftsteller und Friedenspreisträger Friedrich Schorlemmer; Alte Handelsbörse, Naschmarkt 2; Eintritt frei

19.30 Uhr: Leipzig Livre – Lesung und Gespräch mit den beiden Schriftstellerinnen Marie NDiaye und Ursula Krechel; Haus des Buches, Gerichtsweg 28; Eintritt frei

19.30 Uhr: Radjo Monks: Wurzeln Europas – Rhizom Rimbaud, Arthur Rimbaud in den Gedichten Wolfgang Hilbigs und Radjo Monks; Bibliothek Plagwitz, Zschochersche Straße 14; Eintritt frei

20 Uhr: Der Tanz der Koperwasy – Lesung mit dem polnischen Autor Bernard Nowak; Polnisches Institut, Markt 10; Eintritt frei

21 Uhr: Leipzig#Paranoia mit der Lesebühne WEST (Linn Penelope Micklitz, Roman Israel, Zbigniew Eisenschroeter, Hauke von Grimm und Kurt Mondaugen); Noch Besser Leben, Merseburger Straße 25; Eintritt (4 Euro) an der Abendkasse
Alle Veranstaltungen: www.leipziger-literarischer-herbst.de

Von Janina Fleischer

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