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Boulevard der zerstörten Träume: Berliner Zeitungen kämpfen ums Überleben

Boulevard der zerstörten Träume: Berliner Zeitungen kämpfen ums Überleben

Berlin ist einer der härtesten Zeitungsmärkte der Welt. Mehrere namhafte Spitzenblätter der Republik wetteifern seit Jahren um Leser und Werbekunden. Doch jetzt spitzt sich der Kampf zu.

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Der Zeitungsmarkt steht unter Druck. (Symbolfoto)

Quelle: dpa

Der Tanz auf dem Drahtseil entwickelt sich immer mehr zum Balanceakt über dem wirtschaftlichen Abgrund.

Denn die Zeitungen der Haupstadt sind auf Absturz programmiert, selbst große Titel bleiben von der Zeitungskrise nicht verschont. Die Auflage des „Tagesspiegels“ sank in den vergangenen vier Jahren von 120 000 auf 110 000 verkaufte Expemplare. Die „Berliner Zeitung“ büßte im gleichen Zeitraum 25 000 Exemplare ein und steht jetzt bei 118 000 verkauften. Rettungsversuche, wie die vor Jahren geplante Fusion zwischen „Tagesspiegel“ und „Berliner Zeitung“, verweigerte das Kartellamt. Die Berliner Verlage stehen vor einer ungewissen Zukunft, aktuell denken Verleger und Geschäftsführer über mehrere Rettungsoptionen nach:

Rettungsoption Verkauf:

Der Springer-Verlag schüttelte die Krise der „Berliner Morgenpost“ durch einen Verkauf des Blattes (aktuelle Auflage: 75 000) an die Funke-Gruppe ab. Die Essener versuchen es jetzt mit einer neuen Zentralredaktion, die die „Morgenpost“ und das ebenfalls von Springer gekaufte „Hamburger Abendblatt“ von Berlin aus versorgen soll. Der ehemalige „Focus“-Chef Jörg Quoos soll nun ein Team für die überregionale Berichterstattung aufbauen. Und retten, was noch zu retten ist.

Rettungsoption Partner:

Der Stuttgarter „Tagesspiegel“-Verleger Dieter von Holtzbrinck hat sich mit Sebastian Turner einen Mitgesellschafter an die Seite geholt. Der frühere Werber, bekannt geworden als gescheiterter Kandidat für das Amt des Stuttgarter Oberbürgermeisters, spricht über sein Blatt, wo immer sich die Gelegenheit bietet, als „Leitmedium der Hauptstadt“. Leser gewinnen will er im boomenden Berlin mit eigens für Politikentscheider konzipierten Seiten, mit speziellen Newslettern und eigens organisierten Kongressen.

Rettungsoption Sparen:

Die „Berliner Zeitung“ setzt auf Einsparungen, bislang ohne durchschlagenden Erfolg. Auch die Springer-Blätter kämpfen gegen den Schwund: Die Auflage der „Bild“ sinkt seit Jahren, ebenso die Berlin-Ausgabe der „Welt“. Auch die Boulevardzeitung „B.Z.“, die noch zum Springer-Verlag gehört, ist im Niedergang. Aktuell liegt sie bei einer Auflage von 135 000 Exemplaren.

Rettungsoption Wachstum:

Es mag verheißungsvoll klingen, was DuMont für seine Berliner Blätter mit dem Namen „Perspektive Wachstum“ formuliert. Der Slogan stammt von Christoph Bauer, seit 2013 beim Kölner Traditionsverlag M. DuMont Schauberg Vorsitzender des neuerdings von Familienvertretern befreiten Vorstands. Neben der „Berliner Zeitung“ gehört DuMont das Boulevardblatt „Berliner Kurier“. Außerdem Anzeigenzeitungen, eine Druckerei und auch ein paar „tote Vögel“, wie Geschäftsführer Michael Braun gern unrentable Firmentöchter nennt. Das über die Jahre gewucherte Firmengeflecht will er entwirren. Ihm schwebt „eine Perlenkette“ vor, mit GmbHs, die sich aneinanderreihen: Künftig wären die Vermarktung, der Vertrieb, die Anzeigenblätter sowie die Redaktion der „Berliner Zeitung“ in unterschiedlichen Gesellschaften untergebracht.

Bleibt DuMonts Sorgenkind, der „Berliner Kurier“. Bei der „ehrlichen Boluvardzeitung“ (Eigenwerbung) sind die Mitarbeiter in großer Sorge. An Auflagenwachstum glaubt hier keiner, an eine Perspektive durch Nebenprodukte wie die Magazine „Aufs Land“ oder „Unser Berlin“ nur bedingt. Seit der Gründung der Berliner Kurier GmbH zu Beginn dieses Jahres fragen sich die Angestellten:Was hat die Zentrale in Köln noch vor? Chefredakteur Hans-Peter Buschheuer spricht von „vielen Ängsten in der Redaktion“.

Es stellt sich die Frage, ob die Kölner im äußersten Fall auch mit einer Insovenz des „Kuriers“ rechnen. Warum hat DuMont der Berliner Kurier GmbH nicht das einzig Wertvolle übertragen, die Titelrechte am „Berliner Kurier“? Aus steuerlichen Gründen, sagt ein Sprecher und bleibt wortkarg angesichts der Frage, warum zwischen der Berliner Kurier GmbH und der Dachgesellschaft Presse und Medienhaus Berlin kein Beherrschungsvertrag existiert. Niemand müsste somit in die Bresche springen, geriete die Berliner Kurier GmbH mit ihren 25 000 Euro Stammkapital in finanzielle Not.

Ende Januar erhielt die Belegschaft die Schreiben zum Betriebsübergang. Mit Bedingungen: Wer nicht binnen vier Wochen reagiert, stimmt automatisch zu. Vom Chefredakteur einer Berliner Zeitung stammt der Satz: „Einer von uns wird dran glauben müssen. Ich bin es nicht.“ Es sagt alles über den Berliner Zeitungsmarkt, einen der härtesten der Welt.

Ulrike Simon

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