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Brief an Museumsdirektor: „Die Schöne und das Biest" sei Tiefschlag für die Stadt Leipzig

Brief an Museumsdirektor: „Die Schöne und das Biest" sei Tiefschlag für die Stadt Leipzig

Als einen „Tiefschlag für das Ansehen der Stadt Leipzig" haben namhafte Vertreter der Leipziger Kunstszene die Ausstellung „Die Schöne und das Biest" in einem Brief an Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt bezeichnet.

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Nicht nur das Plakatmotiv für „Die Schöne und das Biest" sorgt weiter für Proteste: Mel Ramos: Giant Panda.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Der weist die Kritik zurück. Inzwischen ist die Ausstellung im Leipziger Bildermuseum bis zum 26. Januar verlängert worden. Eine öffentliche Debatte findet nach wie vor nicht statt.

Furore hat die Ausstellung mit Malerei von Richard Müller, Mel Ramos und Wolfgang Joop vom Zuspruch her nicht gemacht. Die bisherige Besucherzahl von 20.000 ist solide, mehr nicht, konnte die Gesamtbilanz für 2013 auch nicht mehr retten. Insgesamt 96.000 kamen, der geringste Zuspruch seit der Eröffnung des Neubaus im Dezember 2004.

Spektakel statt kuratorischer Qualität

Unreflektierter Sexismus und leichtfertiger Umgang mit dem umstrittenen Richard Müller sind die Hauptvorwürfe in dem Schreiben, das der LVZ vorliegt. Initiiert haben es die Spinnerei-Galeristin Arne Linde, Kunsthistorikerin Britt Schlehahn und Franciska Zólyom, Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst. Zudem kursiert eine Liste mit Unterstützern, zu denen unter anderem weitere Galeristen der Spinnerei sowie Professoren der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst gehören sollen. Verwiesen wird auch auf eine „unangemessen beiläufige Thematisierung der Verstrickung Richard Müllers in die NSDAP-Geschichte", „ein unreflektierter Sexismus nicht nur der Pin-Up-Malerei Ramos‘, sondern des gesamten kuratorischen Arrangements" sowie „eine übergebührliche Aufwertung des Modepromis Joop zum Künstler". Weitere Kritikpunkte: Es könne bezweifelt werden, ob die größte Kunstinstitution dieser Stadt sich ihrer gemeinnützigen Verantwortung und ihrem Bildungsauftrag noch bewusst sei. Die Sonderausstellungen der vergangenen Jahre würden „auf Kosten der kunsthistorischen und kuratorischen Qualität auf Spektakel zielen".

Museum habe Minimalstandards nicht eingehalten

Leipzigs ehemaliger Kulturbürgermeister Georg Girardet, so wird kolportiert, habe den Brief ebenfalls unterschrieben. „Das stimmt aber nicht", sagt er auf Nachfrage. „Ich fand das Schreiben in seiner Kritik zu hart, unterstütze allerdings das Anliegen, über diese Ausstellung öffentlich zu diskutieren", so Girardet.

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Mel Ramos, Wolfgang Joop und Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt bei der Ausstellungseröffnung von "Die Schöne und das Biest" vor dem Bild "David's Duo" (1973) von Mel Ramos.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Vorsichtig äußerte sich Franciska Zólyom gegenüber LVZ-Online ihre Kritik, das möchte sie betonen, formuliere sie als Privatperson, freilich mit fachlicher Expertise. „Es gibt so viele Mängel und offene Fragen", sagt sie. „Kunsthistorische und kuratorische Minimalstandards", seien nicht eingehalten worden – das könne sich Leipzig als „eine der wichtigsten Kunstmetropolen in Mitteldeutschland" nicht erlauben. „Gerade ein so heikles Thema wie die NSDAP-Mitgliedschaft Richard Müllers hätte stärker thematisiert werden müssen", sagt Zólyom.

Aber das sei nicht alles: „Als Besucher der Ausstellung ist mir die Fragestellung nicht klar und anhand der Werke auch nicht nachvollziehbar." Auch die „rein männlichen Sichtweise" auf die ausgestellten Bilder sei kritikwürdig: „Es stellt sich die Frage, wie ein Museum gendergerecht arbeiten und einen kritisch-öffentlichen Diskurs vorantreiben kann. Im Hinblick auf ein Schönheitsideal, dem junge Mädchen und Frauen nacheifern, das nicht körper- und gesundheitsgerecht ist, fragt man sich, ob es vertretbar ist, die ausgestellten Bilder von nackten Frauen explizit zur Vermarktung zu vereinnahmen." Zu hinterfragen sei deshalb die effekthascherische Art, mit „Sex, Crime und ein bisschen Glamour" zu werben.

Kulturszene fordert öffentliche Diskussion

Unverständnis und Unmut über die Ausstellung „Die Schöne und das Biest" herrsche in großen Teilen der Leipziger Kunst- und Kulturszene, sagt Galeristin Arne Linde gegenüber LVZ-Online. Es gehe vor allem darum, „dass das  Museum der bildenden Künste zeitgemäßen Ausstellungskonzepten hinterherhinkt und weder zeitgenössische Fragestellungen verhandelt, noch in irgendeinem Sinne gesellschaftliche Verantwortung übernimmt". Hans-Werner Schmidt „an den Pranger zu stellen" sei jedoch nicht Absicht des Briefes. Vielmehr sei ein Gespräch mit dem Museumsdirektor gesucht worden, das jedoch nie zustande gekommen sei. „Darüber bin ich betrübt", sagt Linde. Weder hätte es ein persönliches Gesprächsangebot, noch, wie gewünscht, eine Podiumsdiskussion gegeben.

Mangelnde Diskussionsbereitschaft lässt sich Schmidt nicht vorwerfen: „Ich hätte den Brief gerne gleich an unsere Pressewand gehängt und ins Besucherbuch geheftet. Doch dagegen gab es Protest seitens der Verfasserinnen. Ich dachte, es wird eine kritische Öffentlichkeit gefordert." Außerdem habe man versucht, „mit den Beschwerdeführerinnen, ein öffentliches Gespräch zu initiieren, aber die vorgeschlagene Form und die Teilnehmer fanden keine Zustimmung."  

Männerfantasien seien kunsthistorisch begründet

Er selbst habe alleine 18 Mal durch die Ausstellung geführt, alle Vorwürfe und Kritikpunkte offen angesprochen, erzählt Schmidt. Er sieht in der ganzen Debatte zu viel „Political Correctness". Er finde es „hochinteressant, dass man aus vielen Vorurteilen heraus nicht mehr richtig sehen kann." Es gebe zum Beispiel ein Bild Richard Müllers, auf dem ein Bogenschütze zu sehen sei und sofort tauche der Vorwurf der Naziästhetik auf. „Aber worauf schießt er denn?, frage ich dann. Es sind Flamingos. Es geht in dem Bild um die Bedrohung des Schönen, Filigranen, Verletzlichen. Mit Nazi-Ästhetik hat das nichts zu tun."

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Nazi-Ästhetik oder nicht? Der Künstler Richard Müller ist sehr umstritten. (Richard Müller: Circe, 1933 , Öl auf Leinwand, 200 × 150 cm, Nachlass Richard Müller).

Quelle:

Schmidt beschreibt das Konzept der Ausstellung als in erster Linie kulturhistorisch: „Es sind zwei Männerfantasien, die ja nicht nur bei Müller oder Ramos auftauchen – Europa auf dem Stier, Leda mit dem Schwan bis zu King Kong mit der weißen Frau. Wir wollen zeigen, dass diese griechische antike Gedankenwelt in unterschiedlichen Oevres präsent ist, bei zwei extrem auseinander liegenden Künstlern – einem aus Kalifornien und einem aus Sachsen. Das Thema ist weltumspannend."

Gerade gegen diese Art der unreflektierten Darstellung von Männerfantasien hatte eine Gruppe junger Frauen mit Affenmasken und -geräuschen bei der Eröffnung protestiert: Die Aktion der „Guerilla Girls“, einer Aktivistinnengruppe, endete jedoch mit einem Rauswurf durch die Sicherheitskräfte und – laut der Guerilla Girls – mit einem Faustschlag in das Gesicht einer Aktivistin.

Beirat für Gleichstellung verfasst Protestnote

Weiteren offenen Protest hatte es seitdem nicht gegeben. Stattdessen wurden Protestnoten verfasst, auch vom Beirat für Gleichstellung bei der Stadt Leipzig: Unter der Überschrift „Wir verbitten uns klischeehafte Rollenbilder über Frauen und Männer!" fordert man unter anderem „reflektierte Ausstellungskonzepte, die veraltete Geschlechterbilder und einseitige Deutungen von Geschlechterrollen kritisch hinterfragen und öffentliche Diskussionen aufgreifen".

Den Brief an Museumsdirektor Schmidt werten die Vertreter der Kulturszene als einen weiteren Schritt, dem Gesprächsbedarf über die Arbeit des Museums nachzukommen: „Vielleicht wacht die Szene jetzt auf und ist mutiger und diskussionsfreudiger“, hofft Linde.

Lisa Berins, Jürgen Kleindienst

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