Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Britten und Mozart: Populäre Exoten im Gewandhaus Leipzig

Britten und Mozart: Populäre Exoten im Gewandhaus Leipzig

In Leipzig sind sie beide Exoten: Benjamin Britten, gestern vor 100 Jahren in England geboren, weltweit einer der meistgespielten Komponisten des 20. Jahrhunderts, und Wolfgang Amadeus Mozart, der meistgespielte überhaupt, im Gewandhaus gehören sie merkwürdigerweise zu den seltenen Gästen.

Voriger Artikel
Tschechows "Ivanov" feiert am Samstag im Schauspiel Leipzig Premiere
Nächster Artikel
Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer präsentiert neuestes Werk an der HTWK

Das größte zeitgenössische Deckengemälde Europas im Leipziger Gewandhaus muss dringend saniert werden.

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Was nicht damit zu erklären ist, dass sie dem ansässigen Orchester nicht lägen - deutlich abzulesen an den Großen Concerten dieser Woche.

Im Zentrum des Programms steht Benjamin Brittens 1938 sich selbst in die spektakulär wendigen Finger komponiertes und 1945 revidiertes Klavierkonzert. Im Gewandhaus nimmt dazu Benjamin Grosvenor am Steinway Platz, 20 Jahre ist er alt, und die Briten vergleichen ihn nicht nur aus nationaler Wallung bereits mit den Größten des Fachs, sondern weil er ein phänomenaler Pianist ist. Was im Gewandhaus nicht zuletzt seine Zugabe dokumentiert: Mit orchestraler Konsequenz schattiert und färbt er Abram Chasins' (1903-1987) subtiles es-moll-Prelude durch, ein aus der Zeit gefallener Rachmaninow-Reflex von bittersüßer Schönheit.

Auch Britten gibt Grosvenor reichlich Gelegenheit, seine Klasse zu beweisen. Die mechanische Präzision, die der Toccata-Kopfsatz mit seinen Sprung- und Oktav-Exzessen dem Pianisten abverlangt, die Klarheit, die trotz gehetzt vollgriffigem Satz mit augenzwinkerndem Charme diese Partitur würzen muss, die Britten zwischen Ravel, Prokofjew und Bartók geklemmt hat, der böse Witz des Walzers, das sanfte Weh des Impromptus, die gallige Wucht des finalen Marsches, all das schüttelt Grosvenor mit unangefochtener Souveränität aus den Fingern. Nie dem Effekt verpflichtet, immer dem Ganzen.

In diesem Konzert spielt das Klavier die Hauptrolle. Dennoch ist auch der Orchestersatz komplex aufgefächert. Grosvenor hört zu, reagiert, lässt sich von Andrew Manze am Pult immer wieder hineintragen in diesen brillant wie eigen instrumentierten Kosmos unverbrauchter Klänge, die die Tonalität nicht leugnen, sondern nur ein wenig dehnen, in dem sie vor allem Zusammenhänge immer neu beleuchten.

Das macht Britten auch in seinem populärstem Werk, dem "Young Person's Guide to the Orchestra" in Form von Variationen und Fuge über ein Thema Henry Purcells. Ein funkelndes Showstück mit pädagogischem Ansatz. Denn wer hier aufmerksam zuhört, kennt sie hinterher, die Solisten und die Gruppen, die charakteristischen und emotionalen Besonderheiten von Holz und Blech und Streichern und Bläsern von Schlagwerk und Tutti. Der hört und sieht derweil, mit welcher Lust sich die Gewandhäusler dem leicht schratigen Schlag des wunderbaren Andrew Manze ergeben, der dafür Sorge trägt, dass das Ergebnis dieser tönenden Orchesterführer kein Aufsatz wird, sondern satt und fett und geistreich und ironisch und krachend wirksame Bauchmusik.

Der zweite Teil gehört nach Manzes hübscher Streicherbearbeitung eines siebenstimmigen "In Nomine" von Henry Purcell dem im Gewandhaus sträflich vernachlässigten Götterliebling aus Salzburg, dessen g-moll-Sinfonie KV 550, die meistgespielte der 41 Schwesterwerke aus Mozarts Fehler, am Schluss steht.

Mit den Auftakt-Achteln des Molto Allegro macht Andrew Manze bereits klar, dass er Mozart nicht in er Abteilung harmlos eleganter Klassiker sieht. Scharfkantig spannt Manze Licht und Schatten nebeneinander. Und wenn es in die Wiederholung geht, verändert die Exposition völlig den Charakter, noch treibender, unruhiger, beunruhigender klingen dann die gleichen Töne derselben Musiker.

Überhaupt setzt der Brite mit seinem energisch detailversessenen Schlag ganz auf die Reaktionsschnelle des Orchesters. Und die Musiker um Konzertmeister Frank-Michael Erben liefern. Einen Mozart für die Insel: schlank und transparent, bis zum Äußersten vorgespannt und doch luftig, duftig, delikat. Jubel für ein fabelhaftes Orchester und einen Dirigenten sowie einen Solisten, die unbedingt beizeiten wieder eingeladen werden sollten.

Mehr Mozart gibt's in den Großen Concerten der nächsten Woche und n der Gala zu Gunsten der Stiftung "Leipzig hilft Kindern am 30.11.; Karten und Infos gibt's unter Tel. (0341) 12 70 28 0.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.11.2013

Peter Korfmacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Beim Fotowettbewerb der Sparkasse Leipzig kann nun über die zwölf Kalendermotive abgestimmt werden. Das Voting endet am 31. August 2017. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Die deutsche Kleingärtnerbewegung hat eine über 200-jährige wechselvolle Geschichte, die im Deutschen Kleingärtnermuseum weltweit einzigartig dokumentiert ist. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr