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„Buchhandlungen werden zu Content-Anbietern“ - Detlef Bluhm über die Zukunft der Branche

„Buchhandlungen werden zu Content-Anbietern“ - Detlef Bluhm über die Zukunft der Branche

Zwei Tage haben auf dem Berliner E-Publish-Kongress Start-up-Unternehmer und Buchhändler über die Zukunft der Buchbranche diskutiert. Detlef Bluhm (57), Geschäftsführer des Landesverbands Berlin-Brandenburg im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, hat mit der LVZ über die Ergebnisse gesprochen.

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E-Books - die Zukunft der Buchbranche?

Quelle: dpa

Berlin/Leipzig. Frage: Für den diesjährigen E:Publish-Kongress haben sich erstmals die Konferenzreihen BuchDigitale und Homer 3.0 zusammengetan. Wofür stehen sie jeweils?

Detlef Bluhm: Während die BuchDigitale die Klientel aus den Bereichen Hochschulen, Start-up-Unternehmen, Software- und Technikunternehmen anspricht, wendet sich Homer 3.0 explizit an Buchhandlungen und Verlage, also an die Mitglieder des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Markiert die bisherige Trennung der Bereiche ein Problem beim Umgang mit den Herausforderungen der digitalen Revolution: Jeder macht seins und keiner hat das Ganze im Blick?

Ich würde das nicht als Problem sehen – viele Besucher der BuchDigitale sind ja für Verlage tätig. Aber die Zusammenlegung soll in der Tat die beiden Gruppen noch mehr zusammenführen. Ein Vorhaben, das nun nach dem gemeinsamen Kongress als geglückt bezeichnet werden kann.

Was waren für Sie die wichtigsten Themen der beiden Konferenztage?

Die immer drängender werdende Frage der stationären Buchhandlungen, wie sie am Verkauf elektronischer Bücher beteiligt werden können. Und das Thema des Social Reading, das auch einen breiten Raum eingenommen hat.

Welche Erkenntnisse konnten Sie überraschen?

Die mehrfach geäußerte Erfahrung, dass kleine Kinder, wenn sie einmal das iPad in den Händen gehalten haben, auch am Fernsehgerät die Wischtechnik ausprobieren und sich wundern, dass diese dort nicht funktioniert. Nein, im Ernst: Für mich gab es keine ganz wesentlichen neue Erkenntnisse. Ich stecke ja inhaltlich in den Themen drin.

Das Programm versprach „waghalsige Gedankenreisen“ oder Visionen. Welche waren das zum Beispiel?

Die Vision, dass in naher Zeit durch neue Transfer-Technologien auch die stationären Buchhandlungen zum aktiven Anbieter von E-Books werden können.

Was ist daran so waghalsig?

Vor einem halben Jahr hat nahezu die gesamte Branche gedacht, dass der Verkauf von E-Books so gut wie vollständig am stationären Sortiment vorbeigehen wird. Hier hat glücklicherweise ein Umdenken stattgefunden. Und E:Publish hat ein wenig dazu beigetragen.

Sie selbst haben eine Veranstaltung zur Zukunft kleiner Buchhandlungen moderiert. Wie sieht sie aus?

Das wird von Buchhandlung zu Buchhandlung verschieden sein. Aber in der Tendenz lässt sich feststellen, dass es in einer Reihe von Buchhandlungen zu einer Vermählung der analogen und digitalen Welt kommen wird. Buchhandlungen werden dann zu Content-Anbietern, ganz unabhängig davon, ich welchem Format, also gedruckt oder digital, der Content verkauft wird.

Was ändert sich dadurch für den Börsenverein des deutschen Buchhandels? Welche neuen Aufgaben kommen dazu?

Der Börsenverein kümmert sich bereits seit geraumer Zeit um alle Fragen, die durch die Digitalisierung aufgeworfen werden: Urheberrecht, E-Books und E-Book-Reader, Social Media und so weiter. Er tut dies durch Seminarangebote, Kongresse, Fachtagungen, einen eigenen Arbeitskreis elektronisches Publizieren, die jährliche Verleihung eines Preises, des AKEP-Award für die beste verlegerische Leistung im Bereich des elektronisches Publizierens, Zukunftskonferenzen, Buchcamps, um nur einige Aktivitäten zu nennen.

Der Umwälzungsprozess betrifft nicht nur Verlagswesen und Buchhandel, sondern die Buchkultur. Was genau ist darunter zu verstehen?

Die Lesekultur und die Angebotsform des Buches als elektronisches Produkt verändert das Lese- und Kaufverhalten des Publikums. Hier stehen wir zwar erst am Anfang, aber diese Veränderungsprozesse werden tiefgreifend sein. Die Buchbranche steht mitten in einer Medienrevolution, die mit der von Johannes Gutenberg in der Mitte des 15. Jahrhunderts verglichen werden kann.

Wurde der digitale Wandel von der Buchbranche (zu) lange unterschätzt?

Nein, im Gegensatz zum traditionellen Unternehmen Musikindustrie, die die Digitalisierung verschlafen hat und dadurch weltweit die Hälfte ihres Umsatzes einbüßen musste, hat sich unsere Branche dem Thema sofort gestellt. Wir haben bisher zwar nicht auf alle Fragen die optimalen Antworten und Lösungen gefunden, aber wir sind dorthin unterwegs.

Wird es das gedruckte Buch in zehn Jahren noch geben?

Ja, das gedruckte Buch wird es auch in Zukunft geben, beispielsweise im Bereich der sogenannten schönen Literatur. Aber in anderen Bereichen, hauptsächlich in der Wissenschaft, wird es in absehbarer Zeit die Ausnahme sein. Einige Wissenschaftsverlage haben bereits angekündigt, in spätestens fünf Jahren keine Bücher mehr zu drucken.

Was haben Sie in Ihrer Schlussnote mit auf den Weg gegeben?

Dass sich die gesamte Branche nun vehement und zeitnah auf die Digitalisierung einstellen und neue Produkte und Geschäftsmodelle erfinden muss. Wir müssen in den Buchhandlungen und Verlagen die Digitalisierung als Chance begreifen, nicht als Gefahr.

Interview: Janina Fleischer

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