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Zaubern und Jonglieren: Eine Reise in ein Land der Lyrik

Buchmesseland Litauen Zaubern und Jonglieren: Eine Reise in ein Land der Lyrik

Litauen ist Schwerpunktland der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Unser Autor ist vorab in das kleine, moderne und zugleich geheimnisvolle Land gereist und hat seine Literaten kennengelernt.

Eisscholen treiben auf dem Fluss Neris in Litauens Hauptstadt Vilnius.

Quelle: dpa

Leipzig. Vilnius scheint im Winter sogar von innen heraus kalt zu sein, da hilft auch die fantastische barocke Kulisse nicht, in der von jedem Standpunkt aus mindestens ein Kirchturm zu sehen ist und die Sonne, wenn sie denn scheint, warme Farbtöne zurückwirft. Längst angekommen in Europa, fast auf der Überholspur, so empfängt die litauische Hauptstadt heute den Besucher – mit Feierabendstaus, den üblichen Geschäften und eilig-schicken Flaneuren. Das Geheimnis dieser oft fremd beherrschten multikulturellen Halbmillionenstadt, ihr Gedächtnis und ihr Schmerz – wo sind sie? Wo finden wir, um eine kleine Überdosis Pathos einzustreuen, die Seele Litauens?

Vielleicht auf dem Land zwischen Kurischer Nehrung an der Ostsee und dem Hügelland an der Grenze zu Weißrussland, wo nicht mehr viele Menschen leben, aber viele ein Ferienhaus haben und sich notfalls selbst versorgen können. Oder im Litauischen, eine der wenigen überlebenden indogermanischen Altsprachen, archaisch, formen- und nuancenreich, ungefähr so alt wie das Sanskrit. Bestimmt in der Literatur, zu erleben bei der Leipziger Buchmesse vom 23. bis 26. März, wenn Litauen als Schwerpunktland auftritt – mit einem umfangreichen Programm und Autoren, die nicht unbedingt in Bestsellerlisten auftauchen und Namen, die wie eine fremde Musik klingen.

Litauen - Partnerland der Leipziger Buchmesse 2017

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Magisches Denken

Ein Abenteuer also. Und eine Begegnung mit einem überraschend nahen Verwandten, dessen sprachliches und kulturelles Nervensystem noch weit ins magische Denken reicht. Die Litauer waren die letzten Heiden Europas, Teile des Landes wurden erst im 15. Jahrhundert christianisiert. „Die allereinfachsten Zaubersprüche“ heißt ein Gedichtband, den Rimvydas Stankevicius in Leipzig vorstellen wird. Die Magie überlässt er seiner Sprache, die keineswegs eine sichere Bank zu sein scheint: „Ein Wort wie eine Kerze,/ Die sich verschluckt mit sich selbst/ Und in sich ertrinkt.“

Poetische Zaubersprüche: Rimvydas Stankevicius.

Poetische Zaubersprüche: Rimvydas Stankevicius.

Quelle: Mindaugas Mikulenas

Bei einer Lesung in der schwervertäfelten guten Stube des litauischen Schriftstellerverbands in Vilnius erfüllt der 44-Jährige das Klischee eines überspannten Dichters, dem alles zur Geste wird: das erstarrte Zuhören, die Sätze, die er pathetisch aus sich herauspresst. Bei seinem Großvater habe er als Siebenjähriger erlebt, wie dieser ein sehr lahmes Pferd wieder zum Laufen brachte, berichtet er. Doch kurz bevor er ihm das Zaubern beibringen wollte, sei er gestorben. „Vielleicht ist so bei mir der Wunsch entstanden, Worte zu schreiben, die auf das Herz und den Geist wirken“, meint er und gibt eine Kostprobe.

Im Schneetreiben

In „Zählen lernen. Sechsunddreißig“ ringt er mit seinem geliebten Mozart. Voodoo-Nadeln habe er in die Platte gestochen, neun Orchester zu Tode gequält, eine Symphonie gespielt mit einem Rasiermesser, „auf dem nackten Handgelenk“. Am Ende heißt es: „Dann schon wirst du mich fragen/ Warum deine Einsamkeit/ Älter ist als du. Ich aber/ Werde schon schneien.“

Litauen in Leipzig

Litauen ist Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse vom 23. bis 26. März und präsentiert sich dort mit 26 Neuerscheinungen. Darunter sind Klassiker wie Antanas Škėma oder Jurgis Kunčinas und  Gegenwartsautoren wie Tomas Venclova, Undinė Radzevičiūtė, Eugenijus Ališanka oder Alvydas Šlepikas. Vorstellungen dieser Bücher  sind unter anderem in einer „Nacht der litauischen Lyrik“, einer „Nacht der litauischen Prosa“ und in einem Speed-Dating geplant. Auch Johannes Bobrowski werden sich anlässlich seines 100. Geburtstages Veranstaltungen widmen. Bereits ab 26. Februar ist die Ausstellung „Oxymora“ in der Leipziger Spinnerei zu sehen. Geplant ist auch eine „Orgel-Safari“ in der Leipziger Schaubühne.

Am nächsten Tag fällt Schnee. Der Wind bläst ihn über eine sich durch hügelige Einöde schlängelnde Landstraße. Der Busfahrer kann daran nichts Zauberisches finden. Er muss ein Dutzend Journalisten, die auf Einladung des Litauischen Kulturinstituts im Land sind, in das 40 Kilometer von Vilnius entfernte Dorf Zabarija bringen – und findet es erstmal nicht. Außerdem fürchtet er, an der nächsten Steigung hängen zu bleiben.

In Zabarija wohnt Eugenijus Ališanka, wenn er Ruhe zum Schreiben sucht. Ališanka ist einer der meistübersetzten litauischen Schriftsteller, seine Lyrik und poetischen Essays werden in vielen Sprachen gelesen. Nach mehreren Telefonaten ist das Dorf entdeckt. Sanft lächelnd führt der Dichter in sein Haus, das hinter einem Wildrosendickicht warmes Licht in den späten Nachmittag strömt.

Lyrischer Unterstrom

Seit 13 Jahren lebe er hier, er liebe die Stille, das Alleinsein – seine Frau arbeitet in Vilnius – und das Gefühl, barfuß im Gras zu laufen. „Wenn ich hier nichts tue, dann fühle ich mich besser, als wenn ich woanders nichts tue.“ An den Wänden, auf dem Tisch und im Raum verteilt ist Strandgut von verschiedenen Reisen – nach Peru, Indonesien oder Tansania.

Wildes, assoziatives Schreiben: der litauische Dichter Eugenijus Ališanka vor seinem Haus in der Einsamkeit bei Vilnius.

Wildes, assoziatives Schreiben: der litauische Dichter Eugenijus Ališanka vor seinem Haus in der Einsamkeit bei Vilnius.

Quelle: Jürgen Kleindienst

Nach Leipzig bringt der 1960 geborene studierte Mathematiker eine Textsammlung, die mit „Risse. Essays“ überschrieben ist. Mit „Essays“ haben diese assoziativen, Jugenderinnerungen, psychologische und philosophische Reflexionen verbindenden Texte wenig zu tun. Wie oft in der litauischen Prosa ist ein lyrischer Unterstrom zu spüren. Manchmal wegreißend, oft anspülend. „Wenn Sie schreiben, fordert die Sprache ihren Tribut. Es ist Schreiben, keine Dokumentation fürs Gericht“, sagt Ališanka.

Seine „Risse“ lässt er scheinbar beiläufig beginnen: „Eine riesige goldene Kugel. Das ist das früheste Bild meiner Kindheit, an das ich mich erinnern kann, mit ihm beginnt die Geschichte meiner Erinnerungen. Dieser gelbe runde Knauf an der Tür unserer Nachbarn. Wir sind aus Sibirien zurückgekehrt. Ich bin zwei.“

Sibirisches Trauma

Sibirien. Was hier lapidar wie eine geografische Notiz daherkommt, markiert den ganz großen Riss. Die Ermordungen und Deportationen durch die Sowjets nach 1944, als das Land durch die Rote Armee von den Nazis zurückerobert wurde und ein zehnjähriger Partisanenkampf gegen die sowjetische Annexion folgte – sie haben fast in jeder Familie ein Trauma hinterlassen. Auch Ališankas Eltern waren nach Sibirien deportiert worden. Die frühe Unabhängigkeitserklärung der drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen 1990, die Hinwendung zu EU und Nato – und die aktuelle Angst vor neuen russischen Einflussnahmen müssen vor diesem Hintergrund verstanden werden.

Über das schwierige und enge Verhältnis zwischen Litauern und Russen hat Laurynas Katkus ein kleines, im Leipziger Literaturverlag erscheinendes Buch geschrieben, das er in der LVZ-Autorenarena vorstellt. „Moskauer Pelmeni“, ebenfalls als „Essay“ bezeichnet, ist ein persönlicher wie erhellender Text über den nicht erloschenen imperialen Geist Russlands, aber auch die Verwerfungen in Litauen, die man mit Katkus vielleicht „postkommunistische Masern“ nennen könnte.
 
Literatur als Untergrundphänomen
 
Katkus lebt mit seiner Familie in Vilnius, wo er 1972 geboren wurde. Er studierte Philologie, unter anderem in Leipzig, spricht fließend deutsch. Über die Literatur Litauens sagt er: „Sie war meistens nicht mit der Macht verbandelt, im Gegenteil, sie war ein subversives, ein Untergrundphänomen.“ Ihre vielleicht schlimmste Phase erlebte sie zwischen 1864 und 1904, als im russischen Zarenreich, zu dem Litauen seit 1795 gehörte, keine Bücher in der eigenen Sprache gedruckt werden durften. Als „Litwomanen, also als Exzentriker, wenn nicht sogar als Kranke“ habe man damals jene bezeichnet, die sich zur litauischen Sprache und Literatur bekannten, berichtet Katkus. So etwas wirkt nach.

Bringt nach Leipzig „Moskauer Pelmeni“ mit: Laurynas Katkus.

Bringt nach Leipzig „Moskauer Pelmeni“ mit: Laurynas Katkus.

Quelle: Mindaugas Mikulenas

Von der Kultur, beschreibt der 44-Jährige die aktuellen Rahmenbedingungen, würden heute fast diktatorisch Spaß, Vergnügen und Entspannung verlangt. Und wenn sie das nicht leiste, „dann wird sie diskriminiert, ignoriert“. Schriftsteller hatten und haben es nicht leicht in Litauen. Weniger als drei Millionen Menschen leben heute in dem Land, das immerhin doppelt so groß wie Belgien ist. Zwar wächst die Wirtschaft fast kontinuierlich, der nur von der Finanzkrise 2007/2008 unterbrochene wirtschaftliche Aufschwung kommt jedoch kaum bei der Bevölkerung an. Die Löhne sind niedrig, die Preise vergleichsweise hoch. Hunderttausende verließen das Land seit 1992 – zumeist in Richtung Großbritannien, Irland und Skandinavien.

Der Markt für Literatur ist also übersichtlich. Rund 100 Verlage gibt es, etwa 2000 Bücher erscheinen im Jahr. Die durchschnittliche Auflage liegt bei 1300 Exemplaren, ab 3000 spricht man in Litauen von einem Bestseller. Alle Dichter, meint Katkus, schlügen sich mit Nebenjobs durch, als Übersetzer, Journalisten oder Bibliothekare. „Man wird zu einem Jongleur.“

Jürgen Kleindienst
Alle Infos zur Leipziger Buchmesse 2017 finden Sie in unserem Special!

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