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Buchpreisträger Haslinger erhält 111 Flaschen Wein - "Literarisches Einzelgängertrinken"

Buchpreisträger Haslinger erhält 111 Flaschen Wein - "Literarisches Einzelgängertrinken"

10.000 Euro und 111 Flaschen Rheingauer Riesling bekommt Josef Haslinger mit dem Rheingau-Literaturpreis. Damit würdigt die Jury seinen Roman „Jáchymov“, der am 12. August erscheint.

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"Ich musste nur noch entscheiden, ob ich die 111 Flaschen annehme. Das war keine Frage", sagt Rheingau-Preisträger Josef Haslinger, Direktor des Deutschen Literaturinstituts Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Im Interview spricht der österreichische Schriftsteller und Direktor des Deutschen Literaturinstituts Leipzig über das Zusammenwirken von Wein und Literatur.

Frage: Zunächst herzlichen Glükwunsch! Worüber freuen Sie sich mehr: das Geld oder den Wein?

Josef Haslinger: Zuerst habe ich mich  über die 111 Flaschen Riesling gefreut. Dann fiel mir ein, dass man sich mit den 10 000 Euro noch viel mehr Riesling kaufen kann. Nun freue ich mich über beides.

Ist der Rheingauer der originellste deutsche Literaturpreis?

Ich kenne nichts Vergleichbares. Ich hatte schon davon gehört, dennoch kam die Auszeichnung für mich jetzt überraschend. Am Donnerstag kam der Anruf, und ich musste nur noch entscheiden, ob ich die 111 Flaschen annehme. Das war keine Frage.

Wo ist die Schnittstelle zwischen Riesling und Literatur oder überhaupt zwischen Alkohol und Literatur?

Alle Schriftsteller, die ich kenne, sind – mit wenigen Ausnahmen – gestandene Trinker. Der Einsatz von Alkohol, überhaupt von Rauschmitteln, hat eine alte Tradition. Es muss aber jeder seine eigene Technik entwickeln, wie er damit zurande kommt. Wenn es um Ausarbeitung geht, um Formulierungen, hat sich bei mir jedenfalls Alkohol als nachteilig erwiesen. Was ich in betrunkenem Zustand schreibe, ist hoch revisionsbedürftig. In der Phase aber, in der man Ideen sucht und herumsinniert, eine Art literarisches Brainstorming betreibt, mögen solche Mittel geeignet sein, die Wände des eigenen Denkens und Vorstellens etwas zu öffnen.

Zumal wenn man in Gesellschaft trinkt, was ja weniger verpönt ist als der einsame Konsum.

Das kommt hinzu. Allerdings habe ich schon beobachtet, dass es ein literarisches Einzelgängertrinken gibt. Wenn ich sage, dass ich viele Schriftsteller kenne, die dieses Mittel durchaus verwenden, dann ist es oft so, dass viele allein vor sich hin trinken, wenn sie schreiben. Oder zumindest, wenn sie versuchen zu schreiben. Oder auf dem Wege sind zu schreiben. Oder verhindern wollen, schreiben zu müssen. Also: Eine Verbindung zum Schreiben ist dann doch da.

Endlich mal ein Klischee, das stimmt. Für Deutsche wie Österreicher?

In Österreich war ich eine Zeit lang Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung, und ich musste mehrmals zu Begräbnissen gehen von Menschen, die eindeutig an ihrem Alkoholismus gestorben sind. So ganz ohne ist das nicht. In Österreich findet sich die Verbindung insbesondere von Wein und Literatur in hohem Maße gespiegelt. Ein Weingroßhändler veranstaltet in Wien die Lese-Serie „Buch und Wein“, manche Buchhandlungen sind mittlerweile gleichzeitig Weinhandlungen, es gibt eine Menge Veranstaltungen, wo beides in einen engen kulturellen Zusammenhang gebracht wird. Eine Lesereihe des Literaturhauses Niederösterreich heißt „Literatur und Wein“ und findet großen Zuspruch.

Geht es da wirklich um Literatur?

Die Veranstalter müssen schauen, den Abend gut zu konzipieren, denn der betrunkene Zuhörer hat andere Erwartungen als der nüchterne. Es ist besser, wenn so eine Veranstaltung mit der Zeit lustiger wird anstatt trauriger.

Der Begriff „Wasserglaslesung“ für das klassische Arrangement wird durchaus auch mit Langeweile in Verbindung gebracht. Zu Recht?

Ein Gläschen Wein zu einer Lesung ist kein Problem. Allerdings sollte es nicht zu viel sein wegen dieses Zungenschlagphänomens, das einer Lesung nicht unbedingt gut tut.

Vielleicht, weil sonst Wasser gepredigt, doch Wein getrunken wird, haben entgleisende Lesungen Kult-Potenzial …

Interessanterweise sind es meist die Biertrinker, die die Lesung versauen, indem sie zu viel saufen. Der notorische Dichter mit der Bierflasche, man kennt ihn. H.C. Artmann hat es aber auch als Weintrinker hingekriegt, so manche Lesung platzen zu lassen. Ich denke etwa an einen legendären Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse, der schlicht abgebrochen werden musste.

Das hat einen seltsamen Reiz: wenn die Leute vor allem gucken wollen, ob der Autor auftreten kann oder nicht.

Bei manchen Autoren, deren Markenzeichen es geworden ist, immer eine Bierflasche oder eine Flasche Whisky in der Hand zu haben, gibt es, soweit ich das beobachten konnte, inzwischen auch Auftritte ohne Bierflasche und ohne Whisky. Es muss einfach jeder seinen Weg finden, wie weit er den Alkohol produktiv literarisch einsetzen kann. Es gibt ja tatsächlich diejenigen, die dadurch auf eine Weise beschwingt werden, dass man ihnen umso lieber zuhört. Sie sind aber die Ausnahmen. Meist ist es doch so, dass alkoholisierte literarische Runden für die Stunde des Genusses und nicht für die Ewigkeit gedacht sind.

Der preisgekrönte Roman „Jáchymov“

Am 12. August erscheint der neue, bereits ausgezeichnete Roman „Jáchymov“ von Josef Haslinger. Er führt in  die CSSR der 50er Jahre, als die tschechoslowakische Eishokey-Nationalmanschaft verhaftet und der Torwart ins Arbeitslager von Jáchymov, einem Uranbergwerk im Erzgebirge, deportiert wurde. Haslinger erzählt dessen wahre Geschichte aus mehreren Perspektiven, etwa der seiner Tochter, die zur Chronistin wird.

Fischer Verlag; 272 Seiten, 19,95 Euro

Interview: Janina Fleischer

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