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Bücher nach Gewicht

Bücher nach Gewicht

Die Frankfurter Buchmesse ist heute die Nummer eins in Deutschland, fast 300 Jahre beanspruchte sie diesen Rang für sich. Doch auch die Leipziger Buchmesse kann auf eine stolze Bilanz blicken: Gut 260 Jahre lang hatte sie die Führungsposition inne.

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Aufkommende Geselligkeit

Buchhändler beim Auspacken des Messe-Versandfasses, Stich um 1700.

Quelle: Archiv des Autors

Kurz vor der aktuellen Ausgabe vom 13. bis 16. März führt unsere fünfteilige Serie in ihre bewegte Geschichte ein und stellt Erfolge und Glanzpunkte ebenso vor wie Krisen und Bedeutungsverluste. Heute: Leipzig übernimmt die Vorherrschaft.

Der Dreißigjährige Krieg (1618-48) traf Leipzig mit voller Wucht. In unmittelbarer Nähe, in Breitenfeld und Lützen, fanden bedeutende Schlachten statt. Die Stadt wurde mehrmals belagert, beschossen und eingenommen. Bis 1637 war ihre Bevölkerung um ein Fünftel dezimiert. Nach dem Krieg galt Frankfurt am Main noch immer als die führende Messe- und Buchhandelsstadt Deutschlands. Die auf den dortigen Buchmessen präsentierte Verlagsproduktion übertraf die Leipziger um das Dreifache. Aber schon zwei Jahrzehnte danach lagen beide Städte annähernd gleichauf.

Die Tätigkeiten auf den Buchmessen hatten sich indes völlig gewandelt. Da der Geldverkehr größtenteils zusammengebrochen war und die Straßenverhältnisse unsicher, ging der Buchhandel wieder zum älteren Tauschgeschäft über. Die Kaufleute vermieden es, größere Geldmengen auf ihren Reisen mitzuführen. Dies hatte zur Folge, dass bereits vorhandene Spezialisierungen wie Drucker, Verleger und Buchhändler zugunsten einer buchherstellenden und -handelnden Universalfunktion aufgegeben wurden. Man konnte ja nur tauschen, was man zuvor durch eigene Arbeit hergestellt hatte.

Das Tauschritual sah wie folgt aus: Die Drucker-Verleger-Buchhändler nutzten den Zeitraum vor einer großen Messe ausgiebig, um neue Drucke herzustellen. Sie erreichten nach anstrengenden tage- und wochenlangen Kutschenfahrten die Messestadt und entluden die meist ungebundenen Bücher, die zum Schutz vor Transportschäden kreisförmig in Holzfässern eingestapelt lagen. Da die Besucher durch den kurz zuvor erschienenen Leipziger Messekatalog wichtige Neuerscheinungen kannten, suchten sie zielgerichtet ihre Kollegen auf, und tauschten die Bücher Gewicht gegen Gewicht. Vier bis sechs Exemplare eines jeden Titels wurden blind genommen. Klingt praktisch, aber der Tauschhandel besaß auch etliche Nachteile. Er soll laut Klagen messebesuchender Buchhändler dazu verleitet haben, mehr Bücher herzustellen, als abgesetzt werden konnten. Sozusagen eine Produktion rein um des Tausches willen.

Die Gründe für den weiteren Aufstieg der Leipziger Buchmesse lagen im vermehrten Absatz deutschsprachiger Bücher. Aber auch die Ausstrahlung der Universität oder die liberale Zensur waren gewichtige Momente. So mussten auf der Frankfurter Buchmesse, im Unterschied zu Leipzig, von jedem mitgebrachten Buchtitel gleich drei bis sieben Pflichtexemplare der Zensurbehörde übergeben werden. Je nach Herstellungskosten ein durchaus kostspieliges "Opfer", das dem Messehandel abträglich war. Die Leipziger Buchmesse erreichte ab 1681 die Führungsposition in Deutschland, wenn man die lokale Titelproduktion und die Zahl der im Messekatalog angezeigten Bücher zugrunde legt. Frankfurt blieb dem neuen Favoriten allerdings weiterhin dicht auf den Fersen.

Ein offenes Kräftemessen ließ sich nicht vermeiden. Ein wichtiger Streitpunkt betraf den Messetermin. Um die Wende zum 18. Jahrhundert gab es in Europa eine "kleine Eiszeit", welche die Anreise zur zeitig im Frühjahr stattfindenden Frankfurter Buchmesse erschwerte.

Der Frankfurter Rat fällte 1710 die Entscheidung, den Beginn seiner etwa zweiwöchigen Buchmesse zu verlegen. Die freundliche Bitte, die nachfolgende Leipziger Ostermesse ebenfalls zu verschieben, lehnte der Leipziger Rat allerdings ab. Er meinte, dadurch würde das "glückliche Nacheinander" der überregionalen Messen beeinträchtigt werden. Somit war die Frankfurter Buchmesse noch nicht zu Ende, als die Leipziger bereits begann. Eine Entscheidungssituation war entstanden und die meisten deutschen Buchhändler wählten die Pleißestadt.

Die finale Entscheidung zugunsten einer einzigen zentralen Messe ging einigen Buchhändlern indes zu langsam. Der einflussreiche Leipziger Verleger Philipp Erasmus Reich besuchte 1764, nach dem Ende des Siebenjährigen Kriegs, die Frankfurter Messe ein letztes Mal, um seine dortigen Bücherlager demonstrativ aufzulösen. Zugleich überzeugte er die anderen Leipziger Buchhändler, ein Gleiches zu tun. Dieses Zu-Grabe-Tragen bescherte der Frankfurter Buchmesse, die sich bereits seit Jahrzehnten in einer Krise befand, das definitive Aus. Binnen Kurzem versank sie in Bedeutungslosigkeit und wurde am Ende völlig eingestellt. Einige Frankfurter Buchhändler waren aufgrund der ausbleibenden Messebesucher derart gebeutelt, wie es hieß, dass sie Kurz- und Schreibwaren, Kölnisch Wasser oder sogar Würstchen verkaufen mussten.

Welch ein Triumph für die Leipziger! Die deutsche Buchhändlerschaft reiste von nun an fast geschlossen zu den Leipziger Messen. Und so blieb es nicht aus, dass die hiesige Buchmesse alsbald auch für ausländische Buchhändler interessant wurde. Die historische Ablösung der Frankfurter benötigte mehr als 200 Jahre. Sie entsprach vollauf den Veränderungen auf dem deutschen Buchmarkt und sie ist auch für den heutigen Betrachter ein Lehrstück kluger Standort- und Regionalpolitik.

Thomas Keiderling, Buchwissenschaftler an der Universität Leipzig, ist Verfasser des Bandes "Aufstieg und Niedergang der Buchstadt Leipzig" (Sax-Verlag, 2012).

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.02.2014
Thomas Keiderling

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