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„Carmen“ feiert umjubelte Premiere in der Leipziger MuKo

Ballett „Carmen“ feiert umjubelte Premiere in der Leipziger MuKo

Spitze Schreie, gellende Pfiffe, trampelnde Füße: Die Reaktionen am Freitagabend in der Leipziger Muko sind begeistert. Nach Mirko Mahrs Romeo-und-Julia-Choreographie zu Musik Prokoffjews feierte seine Sicht auf „Carmen“ eine umjubelte Premiere.

„Carmen“ feierte am Freitag Premiere in der MuKo.

Quelle: Leipzig report

Leipzig. Die Handlungsballette an Leipzigs Musikalischer Komödie scheinen sich zur Erfolgsgeschichte zu entwickeln: Nach Mirko Mahrs wunderbarer Romeo-und-Julia-Choreographie zu Musik Prokoffjews feierte am Freitagabend im selbstredend ausverkauften Haus Dreilinden seine Sicht auf „Carmen“ Premiere. Und wieder sind die Reaktionen begeistert. Spitze Schreie, gellende Pfiffe, trampelnde Füße inbegriffen. Durchaus nicht nur bei der Zielgruppe, den Jugendlichen ab 13 Jahren, die die MuKo mit dieser Produktion vor allem ins Visier nimmt, in der Premiere aber kaum vertreten ist.

Die Gründe für die Begeisterung sind leicht ausgemacht. Es ist die unkaputtbare Geschichte von der femme fatale, die sich in einer Macho-Welt, in der das Testosteron regiert, der Stolz, ein archaischer Begriff von Ehre, als Individuum zu behaupten versucht - was bekanntlich tödlich endet. Und es ist die grandiose Musik George Bizets, die auch die wichtigtuerisch dengelnde Bearbeitung Rodion Schtschedrins mühelos verkraftet. Zumal sie für diesen rund zwei Netto-Stunden dauernden MuKo-Abend überaus geschickt aus Teilen der Oper, den Einrichtungen des Russen und Ausschnitten aus Bizets Arlesienne-Suiten zusammengeschraubt ist. So entwickeln die drei Akte über alle Werk- und Epochengrenzen hinweg einen geschlossenen Bogen, der den wichtigsten Motiven - Schtschedrins koketten Auslassungen zum Trotz - zu ihrem Recht verhilft und vom MuKo-Orchester unter der Leitung Tobias Engelis außerordentlich gut gespielt wird.

„Carmen“ in der Muko

„Carmen“ in der Muko.

Quelle: Leipzig report

In der Ouvertüre überfährt das Blech zunächst noch allzu selbstgewiss den Rest vom Fest. Aber zunehmend bringt Engeli den Klang in die Balance, und die Kollegen um Konzertmeisterin Agnes Farkas schwelgen und flirten, säuseln und dräuen, jauchzen und wehklagen um die Wette. Alles fein ausgehört, gekonnt auf Herz und Magen zielend, und völlig zu Recht immer wieder mit Zwischen-Bravi bedacht.

Auch der Chor des Hauses behauptet sich in den Massenszenen mit Anstand und Würde. Die elenden deutschen Übersetzungen müssen in Lindenau wohl sein. Auch wenn es schwer sein dürfte, plausible Gründe dafür zu benennen. Denn auch so ist auf weiten Strecken kein Wort zu verstehen. Sei’s drum: Musikalisch ist diese „Carmen“ so gut, dass dem Haus durchaus auch die ganze Oper zuzutrauen wäre, und dies allein lohnt den Weg nach Lindenau.

Was den Tanz anbelangt, ist die Sache etwas komplizierter als bei „Romeo und Julia“. Das liegt vor allem daran, dass Shakespeares tragische Liebesgeschichte in Pokoffjews Klanggewand Mirko Mahrs Stärken eher entgegenkommt. Denn die liegen in der tänzerischen Ausdeutung des Intimen, der Seele. Was sich auch bei „Carmen“ bestätigt: Die lasziven, schwülen, verhängnisvollen Pas de Deux Carmens (Annelies Bindley) mit Don José (Tom Bergmann) und noch mehr seine zu Herzen gehend zärtlichen mit der bezaubernden Micaela Sara Barnards, auch die kraftvolle Balz Carmens mit dem sehr virilen Escamillio Özgür sind kraftvoll und sehenswert. Auch wenn Mahr seine Protagonisten bisweilen etwas zu exaltiert mit hoch über dem Kopf geschwungenen Armen ihre Gefühle in die Luft fuchteln lässt. Doch Bindley und Bergmann, Barnard und Tunvay, auch Stephen Budd (Zuniga) und Irina Weber (Manuela) gehen souverän und beseelt mit Mahrs ziemlich kühn die weiten Räume zwischen klassischem Ballett und Tanztheater, zwischen Pantonime und Fernsehballett durchmessender Choreographie um.

Problematisch wird dieser Abend dagegen immer dann, wenn Handlung und/oder Musik in Gruppen-Tableaus den tiefen Griff in die Klischee-Kiste nahelegen und Mahr nicht widerstehen kann, beherzt zuzugreifen. Das Ergebnis ist dann eine Militär- und Spanien-Folklore, die im Gegensatz zu den kleinen Formen doch sehr nach Operettenhaus aussieht. Und wo wir schon mal bei der Folklore und dem Meckern sind: Ebenso wenig wie Schtschedrins „Carmen“-Verwurstung durch Weglassen besonders bekannter Details moderner wird, werden dies Sven Bindseils Kostüme dadurch, dass den Uniformen der linke Ärmel fehlt. Und dass ausgerechnet die Titelheldin schlecht sitzende Kunstleder-Hotpants tragen muss, hilft der Sache auch nicht weiter.

Eher schon das kraftvoll-schlichte Bühnenbild Sven Bindseils: Da steht zwischen übergroßen Lamellenzaun-Elementen ein gewaltiger Osborne-Stier. Der sagt, aufgehübscht mit gekonnt gesetztem Licht und ein wenig Kunstnebel, alles über die hormongesteuerte Gesellschaft, mit der Carmen es da zu tun hat. Und wenn Mahr gerade nichts Anderes einfällt, können die Tänzer diesen Stier vor- und zurückrollen oder gar lustig im Kreis drehen. Auf seiner Rückseite verbirgt sich überdies ein Podest, was der Choreographie geschickt die dritte Dimension erschließt.

Wie auch immer, und egal wie man zu diesem oder jenem ästhetischen Detail stehen mag: Wenn nach dem dritten Akt der Vorhang fällt, ist es wirklich schade, das Carmen und Don José einen gewaltsamen Tod gefunden haben. Denn diese wunderbare Musik könnte gern noch ein wenig länger dauern. Und, wer weiß, vielleicht denkt man in der MuKo ja wirklich mal über eine richtige „Carmen“ nach. Das Original entstand ja schließlich auch für die Pariser Opéra comique.

Vorstellungen: 2., 8., 17., 18 März, 26. April, 20. Mai.

Von Peter Korfmacher

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