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Carolin Emcke verteidigt Vielfalt und fordert Handeln

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Carolin Emcke verteidigt Vielfalt und fordert Handeln

Als Borussia-Dortmund-Fan hat Carolin Emcke „etwas weniger Verständnis dafür, wie man Schalke Fan sein kann. Doch käme ich nie auf die Idee, Schalke-Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit zu nehmen.“ So die saloppe Variante ihres Plädoyers für Vielfalt. Am Sonntag nahm sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen.

Friedenspreisträgerin Carolin Emcke (M) am Sonntagmittag bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche in Frankfurt am Main. Die renommierte Auszeichnung wird seit 1950 vergeben und ist mit 25 000 Euro dotiert.

Quelle: AFP

Leipzig. „Wir können immer wieder anfangen“, sagt Carolin Emcke am Ende ihrer Rede. Und zu schön wäre es, ihre Worte markierten den Beginn eines Handelns. Am Sonntagmittag hat die 49-jährige Publizistin in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen, jene mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung, die seit 1950 verliehen wird an eine Persönlichkeit, die „zur Verwirklichung des Friedensgedankens“ beigetragen hat.

Carolin Emcke ist die neunte Frau in dieser Reihe herausragender Persönlichkeiten, aus der sie selbst einige hervorhebt: Martin Buber und Nelly Sachs, David Grossman und Jorge Semprun, und „in besonderer Weise“ Jürgen Habermas und Susan Sontag. „Nach ihnen in einer Reihe zu stehen, lässt mich diesen Preis weniger als Auszeichnung denn als Aufgabe begreifen.“

Eine Auszeichnung, mit der die Jury ihren „wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog und zum Frieden“ würdigt und dass Emckes Aufmerksamkeit dabei „besonders jenen Momenten, Situationen und Themen“ gilt, „in denen das Gespräch abzubrechen droht, ja nicht mehr möglich erscheint“.

Persönliche Perspektive

Fünf Bücher hat die Dozentin und langjährige Kriegsberichterstatterin bislang veröffentlicht, gerade ist „Gegen den Hass“ erschienen, ein essayistischer Text, dessen Ton und Anliegen ihre Dankesrede spiegelt. Vorausgegangen waren „Von den Kriegen. Briefe an Freunde“, „Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF“ und „Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit“. In „Wie wir begehren“, 2012 nominiert für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse, erzählt sie vom eigene Begehren, dem Entdecken ihrer Homosexualität – ein bewusst persönliches Buch.

Ein Bekenntnis, dass sie in ihrer mit „Anfangen“ überschriebenen Rede in der Paulskirche gern wiederholt: „Wenn ich hier heute spreche, dann kann ich das nur, indem ich  auch aus der Perspektive jener Erfahrung heraus spreche: also nicht nur, aber eben auch als jemand, für die es relevant ist, schwul, lesbisch, bisexuell, inter*, trans* oder queer zu sein.“ Wir dürfen, sagt sie, Reden halten in der Paulskirche. „Aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht?“

Wie in ihren Büchern sucht und findet Emcke das Politische im Alltäglichen und nähert sich aus der Perspektive eigener Erfahrungen wie jener „ausgesprochen merkwürdigen“, dass etwas so Persönliches wie Homosexualität „für andere so wichtig sein soll, dass sie für sich beanspruchen, in unsere Leben einzugreifen und uns Rechte oder Würde absprechen wollen“. Und manchmal scheine ihr das bei der Beschäftigung der Islamfeinde mit dem Kopftuch ganz ähnlich. „Als bedeutete ihnen das Kopftuch mehr als denen, die es tatsächlich selbstbestimmt und selbstverständlich tragen.“

„Schmerzen an und in der Demokratie“

Sie beschreibt ein Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa, in dem pseudo-religiöse und nationalistische Dogmatiker die Lehre vom „homogenen Volk“ propagieren, von einer „wahren“ Religion, einer „ursprünglichen“ Tradition, einer „natürlichen“ Familie und einer „authentischen“ Nation. „Sie teilen willkürlich auf und ein, wer dazugehören darf und wer nicht.“ Wie in ihrem Buch „Gegen den Hass“ plädiert Emcke für die kulturelle Vielfalt einer modernen Gesellschaft. Und erntet nicht nur auf dieser Festveranstaltung zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse Einverständnis. Gleichwohl in einem Rahmen aufgeklärter Demokraten.

Emckes frühe Kriegsreportagen und Reiseberichte aus dem Irak, Afghanistan, Bosnien, Haiti und Gaza erschienen „in einem kritischen historischen Moment in der Nachkriegsgeschichte liberaler Demokratien“, sagt in ihrer Laudatio de Philosophin Seyla Benhabib, die auch über europäische Flüchtlingspolitik spricht, „Schmerzen an und in der Demokratie“ (Emcke) als weltweite Herausforderung heutzutage bezeichnet.

Auch auf diesem Weg den Zusammenhang zwischen Gewalt und Sprache, Gewalt und Sprachlosigkeit deutlich zu machen, würdigt in seinem Grußwort Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Emcke rufe ins Gedächtnis, dass die Welt in Aufruhr ist und dass es an allen Ecken und Enden brennt. Er verweist in seinem Plädoyer für Poesie und Literatur, dass Veränderung zum Guten nur entstehen kann, „wenn man Menschen mit Sprache erreicht“. Er wünscht sich darum, „dass mehr Gedichte von Rose Ausländer, mehr Texte von Hannah Arendt und auch die Berichte von Carolin Emcke in unseren Schulen und Universitäten gelesen werden – es könnte dazu beitragen, dass wir einen anderen, einen genaueren Blick auf unsere Welt bekommen und vielleicht etwas mehr an Demut gewinnen.“

Sprechen und Handeln

Von Hannah Arendt, die oft zitiert wird an diesem Sonntag, stammt der Satz: „Nur von den Dichtern erwarten wir Wahrheit, nicht von den Philosophen, von denen wir Gedachtes erwarten.“ Emcke erinnert an deren Worte: „Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“

Ein Sprechen und Handeln, wie es zu oft ausbleibt angesichts von Ausgrenzung und Gewalt. Nicht erst jetzt und nicht nur in Sachsen. Darüber zu sprechen, sind Anfänge gemacht. Carolin Emcke, die Verleihung des Friedenspreises an sie, nähren die Hoffnung, dass es ein Bedürfnis danach gibt und nach dem „Anfangen“. „Freiheit ist nichts, das man besitzt“, sagt sie, „sondern etwas, das man tut“.

Alle Reden unter www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de

Am 27. Oktober (19 Uhr) ist Carolin Emcke beim Leipziger Literarischen Herbst im Alten Rathaus zu erleben, aus ihrem Buch „Gegen den Hass“ liest an diesem Abend der Schauspieler Burghart Klaußner, Eintritt frei; www.leipziger-literarischer-herbst.de

Carolin Emcke beim Leipziger Literarischen Herbst

Traditionell sind die aktuellen Friedenspreisträger beim Leipziger Literarischen Herbst zu Gast, Carolin Emcke ist am 27. Oktober (19 Uhr) im Alten Rathaus zu erleben, aus ihrem Buch „Gegen den Hass“ liest an diesem Abend der Schauspieler Burghart Klaußner.

Feierlich eröffnet wird das Literaturfestival am 25. Oktober (20 Uhr) mit einer Diskussionsrunde zum Thema „Analog ist das Neue Bio – Wege zu einer menschlichen digitalen Welt“, Gesprächspartner sind Jan Philipp Albrecht, André Wilkens und Eva Leipprand, sie hinterfragen das Versprechen ungeahnter neuer Möglichkeiten, die Hoffnung auf Demokratisierung und Freiheit weltweit, die sich mit dem Internet verbinden.

Am 26. Oktober spricht Clemens Meyer anarchisch und leidenschaftlich über den Sound der Moderne, die Spiegelung der Gegenwart und die Splitter im Kopf, doch auch zahlreiche klassische Lesungen stehen bis 1. November auf dem Programm des 20. Literarischen Herbstes, der überschrieben ist mit dem Leibniz-Zitat „Beste aller möglichen Welten“. Mit zahlreichen der knapp 40 Veranstaltungen an 27 Orten der Stadt wird der in Leipzig geborene Philosoph, Mathematiker, Diplomat und Historiker Gottfried Wilhelm Leibniz geehrt, die beste Form dafür ist: das Gespräch.

Das vollständige Programm unter www.leipziger-literarischer-herbst.de

Von Janina Fleischer

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