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Central-Kabarett auf den Spuren des Dadaismus

Premiere in Leipzig Central-Kabarett auf den Spuren des Dadaismus

„DaDa is Muss“ heißt die Inszenierung, die am Wochenende im Central Kabarett Premiere hatte und die eine Hommage an jene Kunstströmung ist, die wie kaum eine zweite jedwede Sinngebung radikal zu negieren suchte.

Beleben den Dadaismus: Meigl Hoffmann, Eckehart Dennewitz und Emma Rönnebeck (v. l.).

Quelle: Kempner

Leipzig. Zeichen und Wunder geschehen: Eine Leipziger Brettl-Bühne riskiert Kunst. Und zwar nicht die des politischen Kabaretts, wo Worte ja Waffen der Aufklärung sind (oder sein wollen) und man an die Wirkkraft kritischer Vernunft glaubt. Im Gegenteil: „DaDa is Muss“ heißt die Inszenierung (Regie: Leonie Sowa), die am Freitag im Central Kabarett Premiere hatte und die eine Hommage an jene Kunstströmung ist, die wie kaum eine zweite jedwede Sinngebung radikal zu negieren suchte.

Ein Programm aus gegebenem Anlass natürlich. Vor 100 Jahren gründeten Emmy Hennings und Hugo Ball in der Züricher Spiegelgasse das Cabaret Voltaire, wo erstmalig von einer illustren Künstlerschar das zelebriert wurde, was bald unter dem Namen Dadaismus für Furore sorgen sollte: „Wir wollen die Welt mit Nichts ändern, wir wollen die Dichtung und Malerei mit Nichts ändern und wir wollen den Krieg mit Nichts zu Ende bringen“ – so formulierte der Dichter Richard Huelsenbeck die Dada-Programmatik einer künstlerischen Negation in Nonsens, eines Nihilismus lustvoller Sinnverweigerung.

Die dann trotzdem ja vor allem auch eins war: Eine Reaktion auf all jene national-chauvinistischen und sozial-darwinistischen „Sinngebungen“, die Europa zum Schlachthaus gemacht haben. Dass darüber hinaus ein gewisser Wladimir Iljitsch Lenin, der in unmittelbarer Nachbarschaft des „Voltaire“ sein Exil fristete, gegen den anarchischen Radau aus der Künstlerkaschemme in der ihm eigenen Spießermanie wetterte, ist in diesem Kontext weit mehr als nur eine hübsche Randanekdote.

Klar, heute wettert natürlich keiner mehr gegen Dada. Die Zeiten, als Kunst für Radau sorgte, Provokation war, sind vorbei – könnte man meinen. Denn zugleich sind National-Chauvinismus wie auch Sozial-Darwinismus inzwischen wieder salonfähig genug, um in erfolgreichen Wahlprogrammen Niederschlag zu finden. In denen steht dann nicht von ungefähr auch gern mal, wie zum Beispiel gutes deutsches, „identitätsstiftendes“ Theater auszusehen habe.

Nicht so jedenfalls wie das, was im Central Kabarett Meigl Hoffmann, Emma Rönnebeck und Eckehart Dennewitz veranstalten. Zu erleben ist der Versuch einer Reanimation des Anarchischen, wenn auch mit homöopathischer Dosierung. Ein dramaturgisch klug gebauter Dada-Nummernreigen mit passend lässiger Jazztrio-Begleitung und eine künstlerische Sinn-Zersetzung, die just heute wieder einigen Sinn machen könnte.

Mit einem „Spätwerk“ geht es los, mit Ernst Jandls Disput zwischen „universitäten professor“ (Hoffmann) und „groß kunstler“ (Rönnebeck) und diesem rhythmischen Stammel-Stakkato von wegen „ich sein mein sprach/ mein deutsch sprach/ mein schön deutsch sprach“ und den „nazi spruchen“ die zu „nazenspruchen“ werden. Das ist hier wie ein Warm-up, ein Einpendeln auf der Absurditätenschaukel, die „Dada is Muss“ zum Schwingen bringt: Mal hoch hinauf ins Überkandidelte, mal beinahe vorsichtig, der Absturzgefahr bewusst, die in diesem Programm droht. Markiert das doch zu dem, was man als Leipziger-Brettl-Konservatismus bezeichnen kann, den Versuch eines Kontrastes, wenn nicht Ausbruchs.

Allein das ist schon als positiv zu vermerken. Und die Momente wiederum, in denen diese Produktion schwächelt, erscheinen dann auch als jene einer schwankenden Vorsicht, eines Austestens dessen, was man an dadaistischen Zumutungen so riskieren kann. Im Gegenzug, im befreiten „Aufschwingen“ dann, gelingt wirklich Starkes: Großartig etwa, wie Rönnebeck durch die Zuschauerreihen berserkert und Trios „Dadada“ malträtiert. Wie Hoffmann als Hugo-Ball-Pappkostümpapst daher stakt oder mit Maskengesicht und genauesten, verknappten Gesten erstklassig Hans Arps „Kasper ist tot“ deklamiert. Und beinahe rührend ist, wie Dennewitz im Goldglitzerumhang und mit Krone als Karikatur eines „Großkünstlers“ von „bühnendeutschen burgentheatern“ (Jandl) erscheint, aber eigentlich der „Urdadaist“ ist, ein frohgemuter Patriarch des spielerischen Wider-Sinns.

Dada wolle, so Hugo Ball, die „völlig donquichotische, zweckwidrige und unfassbare Seite der Welt“ zeigen. Es bleibt zu wünschen, dass jetzt deren Neuaufbereitung im Central Kabarett ihr Publikum findet. Nicht nur, weil damit dieses Risiko eines durchaus gelungenen „donquichotischen“ Anrennens gegen das Brettl-Einerlei belohnt würde, sondern weil diese Art der Kunst heute wieder als auch genau das lesbar ist: als rigorose Gegenreaktion auf falsche Sinnstifter jeglicher Couleur.

Nächste Vorstellungen 12., 14 und 16. Juni, 20 Uhr, Kartentelefon 0341 52903052.

Von Steffen Georgi

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